Von Schafen und Böcken

22. November 2016


Christus wird wiederkommen, als König, als Richter der Welt, um Gottes Herrschaft zu er-richten. Gottes Herrschaft fußt auf Gnade, Seine Gerechtigkeit ist Barmherzigkeit. Grundsatz des Urteils Christi ist die Liebe. Die normative Grundlage des Jüngsten Gerichts ist das Gebot der tätigen Nächstenliebe, der agape, der caritas. Es kommt also nicht darauf an, katholisch gewesen zu sein, sondern geliebt zu haben – Gott und den Menschen.

Deutlich wird dies an der Stelle im Matthäusevangelium, die sehr konkret das Gericht über die Welt beschreibt und die zu Christkönig gelesen wird (entweder am entsprechenden Sonntag oder in der Woche darauf, in diesem Jahr am gestrigen Montag): „Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen. Und alle Völker werden vor ihm zusammengerufen werden, und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. Er wird die Schafe zu seiner Rechten versammeln, die Böcke aber zur Linken. Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist. Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Dann wird er sich auch an die auf der linken Seite wenden und zu ihnen sagen: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! Denn ich war hungrig, und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis, und ihr habt mich nicht besucht. Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder obdachlos oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen? Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben“ (Mt 25, 31-46).

Jesus meint es ernst mit der untrennbaren Verbindung von Hören und Handeln, von Lehre und Leben, und ganz besonders ernst mit der Einheit von Gottes- und Nächstenliebe: Wer ihn liebt, liebt den Menschen. Und umgekehrt: Wer den Nächsten nicht liebt, wird auch Gott nicht lieben. Das Glaubensbekenntnis wird dann zum Lippenbekenntnis. Das ist der entscheidende Punkt: Gott selbst kommt uns im Armen und Notleidenden entgegen, Jesus selbst ist es, der einsam im Krankenhaus liegt oder im Gefängnis sitzt. Die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe könnte nicht besser verdeutlicht werden als in der totalen Identifikation Gottes mit dem Menschen, wie sie hier anklingt.

Hinzu tritt folgender Gedanke: Gott macht Unterschiede zwischen den Menschen. Ihm ist nicht egal, was wir so treiben. Doch Er unterscheidet nicht nach Herkunft oder Hautfarbe, Gesundheitszustand oder Geschlecht, wie das bei uns oft der Fall ist, sondern danach, was wir unseren Nächsten in Not Gutes tun – oder eben nicht. Gottes Maßstab ist nicht das Reden, sondern das Handeln. Der konkrete Einsatz aus Liebe zählt, nicht die rhetorisch geschickte Ausrede. Wer daraus im Alltag die Konsequenzen zieht, also darauf achtet, wer hungert oder friert, wer krank oder gefangen ist, und wer dann konkret hilft, ohne Ansehen der Person, dem steht der Himmel offen.

Es findet in diesem Sinne eine scharfe Selektion statt, es wird geurteilt – und auch verurteilt. Das Bockige im Menschen, das sich Gott und dem Nächsten verschließt, wird mit Endgültigkeit sanktioniert, das Schafartige, das Gott und dem Nächsten in Liebe begegnet, wird in Ewigkeit belohnt. Tod oder Leben – darum geht es in der finalen Verhandlung. Das Urteil sprechen wir dabei selbst, mit unserem Verhalten. An anderer Stelle spricht Jesus davon, dass derjenige, der Ihm nicht glaubt, bereits gerichtet ist (vgl. Joh 3, 18), dass also auch der König und Richter der Welt einen solchen Menschen nicht gegen dessen ureigenen Willen frei sprechen wird. So ernst nimmt der Herrscher die Freiheit seiner Untertanen, dass Er sie ins Verberben laufen lässt, wenn sie es partout nicht anders wollen. Niemand muss Angst haben, von diesem Richter nicht für voll genommen und oberflächlich abgeurteilt zu werden. Das Urteil schreibt die Disposition des Menschen in der Zeit in Ewigkeit fort. Was will man mehr?

Ich möchte das gerne erläutern. Gott hat den Menschen nach Seinem Bilde geschaffen und ihm von Seiner Vernunft und Seiner Freiheit gegeben. Es ist jene die Vernunft, die Verbindung von Schöpfer und Geschöpf zu erkennen, es ist diese die Freiheit, sie in Frage zu stellen. Die Freiheit des Menschen ermöglicht diesem die Auflösung der Bindung zu Gott, die Gottferne. Wie verhält sich das aber zur unendlichen Gnade Gottes? Zu Seiner Gerechtigkeit, die sich in Barmherzigkeit ausdrückt? Eben gerade so: Gott liebt den Menschen so sehr, dass Er ihm die Freiheit verschafft, Ihn zu hassen, ohne dass dies etwas an dem Liebes- und Gnadenangebot Gottes änderte. Der Mensch kann qua Freiheit Gott hassen, aber niemals so sehr, dass Gott aufhörte, den Menschen zu lieben. Gerade diese Liebe wiederum schenkt jene Freiheit, sie anzunehmen oder abzulehnen. Gottes Liebe lässt uns Menschen die freie Wahl, das Schaf oder den Bock in uns zum Vorschein kommen zu lassen.

Das bedeutet aber auch, dass der Mensch faktisch das letzte Wort in der Beziehungsgestaltung hat. In letzter Konsequenz bleibt ein liebender, vom Menschen verlassener Gott zurück, der sich in Seiner Liebe selbst zur Ohnmacht zwingt; ganz deutlich wird das am Kreuz. Es ist Gott nicht möglich, einem Menschen, der freiwillig auf sein Heil verzichtet, dieses Heil zu verschaffen, ohne dabei die Freiheit dieses Menschen zu beschneiden. Wir mögen uns Gott traurig vorstellen angesichts dieses Umstands, doch diese Trauer durch eine höchstrichterliche Macht zu überwinden, die auch nur für einen Augenblick die Liebe ausblendet, ist nicht Gottes Wille. Gott will das Heil für jeden Menschen, aber nicht um jeden Preis.

Das bedeutet: Das „ewige Feuer“ der Hölle ist notwendig, weil Gott Liebe ist. Die metaphysische Notwendigkeit der Hölle ergibt sich somit unmittelbar aus dem Sein Gottes. Nur, wenn wir uns Gott als Tyrannen vorstellten, der alle Menschen zum Heil verpflichtete, wäre die Hölle obsolet. Die ewige Verdammnis ist eine freie Entscheidung des Menschen, die erst durch Gottes unendliche Liebe möglich wird, eine Selbstverdammung unter dem weinenden Auge Gottes.

Nun können wir uns vorstellen, dass diese Selbstverdammung bloß eine rein theoretische Möglichkeit ist. So viel falschen Stolz, so viel verblendete „Liebe zum Bösen“, so wenig Bereitschaft zum Guten und zur Reue, so wenig Irritation angesichts eigenen Versagens kann es nicht geben, wie es nötig wäre, damit Selbstverdammung wirklich und letztgültig gelänge. Ein so schwach ausgebildetes Gewissen und eine so große Unvernunft hat einfach kein Mensch. Das bedeutet, dass die Hölle damit am Ende leer bleibt, weil es im göttlichen Lichtglanz jedem Menschen zu schwer fallen wird, freiwillig zu seinem „Nein!“ zu stehen.

Das finale „Nein!“ könnte also eine theoretische Angelegenheit sein. Doch die Möglichkeit muss gegeben sein und um jeden Preis erhalten bleiben, aus der Sicht der Liebe Gottes, die für den Menschen Freiheit will. Aus Sicht des Christentums, das die Liebe Gottes er- und bekennt, stellt diese Option im Freiheitsgebrauch das totale Scheitern des Menschen dar. Es gehört daher auch heute zur verantwortlichen Pastoral der Kirche, die Möglichkeit des Scheiterns anzusprechen und für den Aufbau einer Gottesbeziehung zu werben. Dabei geht es nicht darum, die Angst vor der Wiederkehr Christi und vor dem Gericht zu schüren und zugleich Schutz zu bieten, sondern die Angst zu nehmen, indem man auf die Liebe und Gnade Gottes zeigt, die den Weg zu einer versöhnten Beziehung zwischen Gott und Mensch bereiten, einen Weg, der um die Hölle einen ganz großen Bogen macht.

Die Versöhnung, die Gott uns in Jesus Christus anbietet und die von der Kirche in der Beichte sakramental gestaltet wird, gibt es nur in Rücksicht auf das, was sie nötig macht. Das heißt: Man muss die Fehler (die Kirche nennt sie Sünden) wirklich bereuen und sich bessern. Das wiederum setzt voraus, dass man sie, die Fehler, die Sünden, überhaupt als solche erkennt. Wer sein Verhalten immer nur schönfärberisch erklärt, wird gar keine Notwendigkeit sehen für die Versöhnung. Das ist die eigentliche Gefahr: Dass wir vorbeistolzieren an der Liebe und Gnade Gottes. Damit richten wir uns selbst und unser eigenes Urteil führt uns auf den Weg in die Hölle. Schon auf Erden.

Das „ewige Feuer“, von dem an Christkönig so bedrohlich die Rede ist, wird also selbst gewählt. Was man tun muss, um dort zu landen, steht bereits jetzt fest: totale Empathieverweigerung gegenüber Gott und dem Menschen, Bocksein aus Überzeugung. Dann klappt das mit der Hölle – nicht trotz, sondern gerade wegen der Liebe als Urteilsprinzip Gottes. Für diejenigen, die das nicht wollen, gibt es ebenfalls gute Chancen auf Erfüllung. Für sie gilt es, Jesus nachzufolgen, es Ihm gleich zu tun und sich mit denen zu identifizieren, die genannt werden: Menschen, denen es am Nötigsten fehlt. Ihnen zu helfen – das ist nicht nur ein Mandat der christlichen Ethik, sondern auch das Tatbestandsmerkmal für das Schafsein, dem das „ewige Leben“ folgt.

(Josef Bordat)

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