Miroslaw

25. November 2016


In einer Gesellschaft, in der jeder, der mindestens drei Buchstaben aus seinem Vornamen zu nennen in der Lage ist, sein Einser-Abitur bekommt (und jeder, der sie zudem noch alphabetisch ordnen kann, seinen Bachelor), werden Handwerker über kurz oder lang zur Mangelware. Die Folge: Die verbliebenen Fachleute können praktisch jeden Preis verlangen. Der enge Markt für Trockenbauer gleicht immer mehr dem für Fußballprofis mit Champions League-Erfahrung. Fliesenleger, die man um Kostenvoranschläge bittet, zieren sich und warten auf bessere Angebote aus dem Ausland. Wenn man sie engagieren will, nachdem man sich auf ewig verschuldet hat, zücken sie ihr Handy und sind weg. Barcelona oder Basel, Hauptsache ohne Mehrwertsteuer.

Die Geschichte wäre hier zu Ende, gäbe es nicht – wie zumeist im Leben – einen Ausweg. In Berlin heißt dieser Ausweg Miroslaw. Keiner weiß, ob Miroslaw wirklich Miroslaw heißt, kaum einer hat ihn je gesehen. Gehandelt wird seine Handynummer. Es gibt Bauherren, die sind bereit, vierstellige Beträge zu zahlen. Für die ersten drei Ziffern. Hat man die Nummer zusammengekauft und ruft an, meldet sich eine dunkle Stimme mit slawischer Färbung: „Miroslaw.“ – „Miroslaw?“ – „Ja.“ – „Miroslaw! Ich darf doch Miroslaw sagen?“ – „Wieviel?“ – „Alles, Miro, alles!“ – „Wann?“ – „Ähm, morgen?“ – Die Stimme lacht. – „Nächste Woche?“ – „Guter Mann, hier ist Miroslaw, Allroundhandwerker. März 2020. OK?“ – „Wunderbar!“ Und schon hat man einen preiswerten, zuverlässigen Handwerker. Wenn kein Maya-Kalender dazwischenfunkt, wird Miroslaw im März 2020 mit der Arbeit beginnen.

Ich hatte Miroslaw schon vor einiger Zeit kontaktiert, da ich wusste: Irgendwann würden Arbeiten anfallen. Gut, die Sache hatte sich durch die Wiedervereinigung und die Euro-Einführung etwas verkompliziert, aber die Nachverhandlungen verliefen zügig. Was der polnische Handwerksmeister als Euro-Teuerungsaufschlag verlangte, war zwar beträchtlich, allerdings sparte ich im Zuge der politischen Bewältigung des Ost-West-Konflikts die Agentenhonorare für die Überführung Miroslaws von Stettin nach Neubrandenburg. Auch die Kosten für den Tunnel von dort in unseren West-Berliner Vorgarten entfielen.

Miro arbeitet seit einer Woche in unserem Haus. Das heißt, die meiste Zeit telefoniert er mit seinem Handy und sichert sich Folgeaufträge. Im Anschluss an das Projekt von März 2020. Natürlich gibt es auch kleinere Enttäuschungen. Trotz elektronischer Fußfessel hatte Miroslaw das Haus verlassen und auf einer Baustelle gegenüber einen Auftrag angenommen, den er nun parallel abarbeitete. „Muss rüber, Chef!“, gehört seither zu den Standardfloskeln unserer Dialoge.

Aber ansonsten arbeitet Miroslaw als echter Allroundhandwerker. Er kann alles, macht vieles und einiges davon auch so, dass man am Ende zufrieden ist. Oder zumindest nicht unzufrieden. Zufriedenheit wird ohnehin überschätzt. So wie Wandfliesen, die länger als zwei Wochen am zugedachten Platz bleiben, oder der Unterschied zwischen tragenden und nicht-tragenden Bauelementen. Und wenn man nicht zufrieden ist, also gar nicht, weil man der Umwandlung des Hauses in eine Ruine skeptisch gegenübersteht, auch, wenn so etwas Touristen anzieht, wie Miro meint – naja. Dann ist es eben so. Versuchen Sie doch mal, heutzutage einen Handwerker zu bekommen!

(Josef Bordat)

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