„Ich zweyffle gar nicht ahn des Herrn Leibnitz seeligkeit“

26. November 2016


Ich gestehe, daß mich der schleunige todt von dem armen herrn von Leibnitz [gestorben am 14. November 1716] surprenirt hat. Es ist woll schade, daß ein solcher gelehrter mann es nicht hat weiter bringen können; er war alt undt über 80 [nicht ganz: Leibniz wurde 1646 geboren]; muß doch einen sanften todt gehabt haben, weilen es so geschwindt hergangen, wenn die leütte gelebt haben wie dießer mann undt wie Mons. Harling mir sein leben beschreibt, kan ich nicht glauben, daß er von nöhten gehabt hat, prister bey sich zu haben, denn sie konnten ihm nichts lehren, er wuste mehr alß sie alle. Sanct Paullus sagt, daß die gutten wercke den wahren glauben zeichen, weillen sie die früchte davon sein; gewohnheit ist keine gottsforcht, man muß wißen, waß man in der gottsforcht thut; nur zum h. abendtmahl auß gewohnheit gehen, kan gott nicht ahngenehm sein, es muß auf wahren glauben gericht sein undt ein solchen glauben wir dadurch erweißen, daß wir gott danckbar sein, ihn lieben undt auf sein verdienst vertrawen, auch einen ernstlichen vorsatz haben, unßern negsten zu lieben undt ihm nach gottes gebot behülflich zu sein. Ohne dieße puncten glaube ich nicht, daß einige communion dinlich sein kan. Ich zweyffle gar nicht ahn des Herrn Leibnitz seeligkeit undt finde, daß er ein glück gehabt, nicht lang zu leyden. Gott verley unß allen ein seeliges endt,- biß er ahn mir kompt, daß ich auch fortgehe, werde sein undt bleiben.

Liselotte von der Pfalz (Brief an Christian Friedrich von Harling vom 26. November 1716)

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