Dialog mit Andersgläubigen

28. November 2016


Claudia Sperlich hat in einer fulminanten Analyse die Merkmale typischer Diskussionen einer katholischen Christin mit – wie sie es sagt – „kampflustigen Atheisten“ treffend auf den Punkt gebracht.

Ich zumindest kann ihre Sicht der Dinge ganz gut nachvollziehen, gerade, was die Themenabfolge solcher Gespräche angeht, aber leider auch, was den Debattenstil betrifft. Ich will hier gar nicht auf den eigenartigen Umstand eingehen, dass man als Mensch, der es gewagt hat, sich als Christ (als katholischer gar) zu outen, einerseits mit (so empfunden) kritischen bis unverschämten Fragen bombardiert wird, andererseits mit schöner Regelmäßigkeit bereits im nächsten Zug erfahren muss, dass der Initiator des Dialogs meint, man sei ja gar nicht in der Lage, sie, die Frage, sachangemessen zu bantworten, weil man entweder zu dumm oder zu böse ist.

Was ich nun interessant finde: So fruchtlos die Debatte ja von beiden Seiten empfunden werden muss (ich empfinde sie so und ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass man sie anders empfinden kann) – sie wird geführt. Zumal im Internet. Nur wenige Stunden nach Veröffentlichung findet man unter Artikeln, die (wenn auch nur am Rande) Religion thematisieren (und damit immer auch irgendwie die Sexualmoral der Katholischen Kirche, wie man sie zu kennen glaubt), lange Auseinandersetzungen mit den immer gleichen Stichwörtern und stets denselben Argumenten. Bei keinem anderen Thema ist das so. Also: Es scheint Gesprächsbedarf zu geben.

Ich finde es grundsätzlich auch sehr gut, dass man in einer so zentralen Frage wie der nach Gott (im Grunde der einzig wichtigen Frage überhaupt), beharrlich um eine Antwort ringt und dass man, wenn man meint, sie gefunden zu haben, den Rest der Welt von ihrer Richtigkeit überzeugen möchte. Also, das betreibt was wir Christen seit 2000 Jahren „Mission“ nennen. Das billige ich jedem zu, auch dem, der mich von der Nicht-Existenz Gottes überzeugen will, auch, wenn ich es weniger nachvollziehbar finde, jemanden unbedingt davon überzeugen zu wollen, dass das, was er glaubt, falsch ist, als sich dafür einzusetzen, dass der Andere überzeugt wird, dass wahr ist, was er (noch) nicht glaubt. Mission ist für mich mit Überzeugung und Einsatz für eine positive Wahrheit verbunden, mit der sich das Leben meistern lässt, nicht mit der Widerlegung einer Negativposition.

Ich muss demnach auch sehr aufpassen, dass ich im Gespräch kein Anti-Atheist werde, sondern dass ich Christ bleibe. Denn es geht nicht darum, die Sinnlosigkeit des Unglaubens ins Zentrum zu stellen, sondern den tiefen Sinn des Glaubens. Leider – auch Claudia Sperlich bedauert das – kommt es oftmal gar nicht so weit, da man sich im Dialog auf der geteilten Ebene (Text und Deutung – im Blick auf Mensch und Gesellschaft) bewegt. Ich kann jemandem, der felsenfest davon überzeugt ist, ich betete ein Stück Brot an, nicht das Wesen der Eucharistie vermitteln. Das geht einfach nicht. Das Höchste ist die Toleranz gegenüber der je anderen Deutung. Toleranz steht dabei zwischen Lächerlich machen und Gut/Richtig finden. Mehr ist nicht drin. Aber das ist/wäre schon eine ganze Menge.

Ich sehe grundsätzlich drei Schwierigkeiten im Dialog mit Andersgläubigen (zu denen ich explizit auch Atheisten zähle).

1. Es gibt Vorurteile und Missverständnisse a priori in Bezug auf Sachverhalte. Man könnte auch sagen: Es gibt ein Informationsdefizit. Dass bei der Erklärung und Deutung von Sachverhalten Unterschiede sichbar werden, das ist zu erwarten. Was mich aber immer wieder abstößt (und von Debatten fernhält), sind Unterstellungen, dieses oder jenes sei  christliches/katholisches Glaubensgut. Wenn bereits hier Halbwahrheiten zugrundegelegt werden und man erstmal diese richtig stellen muss, dann kann einem wirklich Lust und Laune vergehen. Das gilt auch in andere Richtungen (etwa, was die Beurteilung des Islam aus christlicher Sicht betrifft oder auch die Bewertung der Aufklärung und der Moderne, in der es ganz unterschiedliche Strömungen gab, die sich nicht alle hinreichend mit „antiklerikal“ beschreiben lassen und so weiter). Atheistische Philosophen wie Herbert Schnädelbach oder Norbert Hoerster haben sich in der jüngsten Vergangenheit vom tonangebenden „Kampfatheismus“ distanziert, weniger, weil sie dessen Polemik, vielmehr, weil sie dessen Unkenntnis abstößt. Also: Die möglichst faire Rekonstruktion der anderen Meinung steht am Beginn der Auseinandersetzung. Sonst hat es keinen Sinn, miteinander zu sprechen.

2. Daran schließt sich ein zweites Problem unmittelbar an: Dass man bei der Deutung auf die skurrilstmöglichen Ansätze verweist, um damit die Gegenposition zu diskreditieren.  Man wehrt sich dann heroisch gegen Extrempositionen, die (etwa im Christentum) nicht oder nicht mehr vertreten werden (wenn sie es denn je wurden). Dann reiben sich die Online-Religionskritiker an den Zeugen Jehovas, wohlweislich übersehend, dass über 99 Prozent der Christen eben keine Zeugen Jehovas sind. Eigentlich sollte das Menschen, die sich sonst von der Überzeugungskraft des Empirischen leiten lassen, irgendwie peinlich sein. Fest steht: Es hat keinen Sinn, in eine Auseinandersetzung zu gehen, in der geschlossene, biblizistische Denkweisen diskutiert werden, nicht aber repräsentative Beispiele aus der katholischen Weite einer 2000 Jahre währenden Deutungstradition. Also: Nicht nur die Darstellung der Sachverhalt muss stimmen, man sollte sich auch in der Ideengeschichte auskennen (das gilt auch wieder in alle Richtungen, denn so, wie das Christentum in einer disparaten philosophischen und theologischen Entwicklung steht, so ist auch „der“ Islam oder „der“ Humanismus als Containerbegriffe unbrauchbar – man muss schon genauer hinsehen, differenzieren).

3. Ein methodologisches Grundproblem, das einem in solchen Diskussionen (fast) immer entgegenschlägt, ist die Einschätzung des Verhältnisses von Glauben und Wissen für den Menschen, den Sinn des Lebens und die Öffentlichkeit. Wissens- und wissenschaftstheoretische Kategorien (wie „Beobachtung“ oder „Beweis“) passen nicht auf Glaubenserfahrungen und Orientierungsmomente wie den sensus fidei (fidelium – gut, hierzu könnte man zumindest Umfragen starten, die sozialwissenschaftlichen Standards genügen). Hier ist eine Sollbruchstelle im Diskurs, die sich in einer Grundsatzentscheidung manifestiert: Lasse ich zu, dass naturwissenschaftlich nicht erfahr- und bewertbare Sachverhalte eine Bedeutung erhalten, die möglicherweise den Sinn des menschlichen Lebens betrifft oder gar bestimmt? Des individuellen und des Menschen schlechthin – mit öffentlicher Wirkung, also mit Einfluss auf Politik und Wirtschaft? Das ist der Knackpunkt, die weltanschauliche Grundsatzentscheidung: Wieviel von dem, für dessen Erfahrung und Erkenntnis sich wissenschaftliche Methoden nicht eignen, lasse ich zu, in meinem Leben und in dem, was wir „Gesellschaft“ nennen? Nicht nur folkloristisch, sondern entscheidungsleitend. Und hier kommt es eben sehr darauf an, wie sauber man die Sachverhalte dar- und deren Interpretationen auseinandergelegt hat.

Gut, eigentlich wollte ich gar nicht so viel schreiben, sondern nur auf Claudia Sperlichs lesenswerten Beitrag hinweisen.

(Josef Bordat)

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