Die neusten Spiele für den Gabentisch

6. Dezember 2016


Im Rahmen von Computerspielen können junge Menschen lernen, wie man einen Fußballverein zugrunde richtet („FIFA-Manager3000“), wie sich die Anatomie des menschlichen Körpers darstellt („SuperStripPoker-XXL“) und wie man die westliche Welt vom Terror befreit („KillingKaida 4.0“). Auch wenn ich trotz allem nicht ganz davon überzeugt bin, dass die genannten Erfahrungen wirklich zum obligatorischen Teil des Curriculums Vier- bis Zwölfjähriger gehören, mache ich mich auf den Weg in ein einschlägiges Etablissement, in dem derlei Dinge feilgeboten werden, um für meinen Neffen ein entsprechendes Artefakt zu erwerben. Ein etwa 18jähriger Verkäufer erklärt mir die wesentlichen Differentiationskriterien der Spielebranche: Blut spritzt – Blut spritzt nicht, Blut ist rot („So wie in echt halt.“) – Blut ist grün („Für ab 6 Jahre.“). – „Vielleicht haben Sie auch Spiele mit… ich meine, mit nicht ganz so vielen… Straftatbeständen pro Sekunde?“

Ja, es gäbe da noch „InfoTel666“, bei dem man – also: die Figur, die der Spieler lenkt – wildfremde Leute anrufen muss, um ihnen zu sagen, dass ihr Internet-Anschluss zu langsam sei, sie in der Lotterie gewonnen haben oder unbedingt eine Private Krankenversicherung bräuchten. Für die Anrufe bekommt man Punkte, mit denen man wieder neue Nummern kaufen kann, bei einer kleinen Hexe, die in der Krone eines Baumes haust, dessen lateinischer Name etwa so viel bedeutet wie „Wir werden Ihre Daten nicht weitergeben“. Ganz witzig gemacht. Gute Graphik.

Oder: „SocialMediaSimulator“. Hier geht es kurz gesagt darum, dass man möglichst viele hochrangige Mandatsträger, Unternehmensleiter und Kulturschaffende beleidigt („Faule Schweine!“), selbst jedoch ganz ruhig im eigenen Sessel sitzen bleibt und sich nur erhebt, um ein frisches Bier aus dem Kühlschrank zu holen. Es gibt verschiedene Schwierigkeitsstufen und Zusatzpunkte für die Entwicklung origineller Verschwörungstheorien.

Ziemlich genial ist auch „Bologna2012“. – „Da bist du so ein Typ im Institut (Institution)“, erklärt mir der junge Mann, „von der Außenwelt abgeschnitten, und musst den Kopierer suchen. Du rennst durch tausend Gänge, ab und zu schießt einer auf dich. Und bist du endlich da, ist der natürlich besetzt. Krass!“. Auf Level zwei, so erfahre ich weiter, muss man Anträge ausfüllen. Das Problem ist, dass man dabei rasend schnell „Energiepunkte“ verliert. Dann, auf Level 3, kommt „Imperator“ und gibt Dir Aufträge, meist irgendwelche Texte durchsehen. Dafür kriegt man kaum „Leistungspunkte“, muss das aber trotzdem ohne Dialektik, Paradoxon und Widerspruch erfüllen. Da gäbe es jetzt auch noch eine Ego-Shooter Zusatz-App: ProjectPublicationManager3.0. Da musst Du gucken, dass Du bei einer Gemeinschaftsarbeit als Autor genannt wirst. Je mehr Kollegen Du erschießt, desto weiter rückst Du nach oben! „Total realistisch!“

Ich entscheide mich am Ende aber für das ultimative Spiel schlechthin: „Kommunalverwalter 6.0“. Man muss sich über 12 Level von Amt zu Amt hocharbeiten und aufpassen, dass man dabei nicht zu viel Energie verliert. Mit echt guter Graphik! Man erkennt sogar die Kaffeeflecken auf der Akte! Und: Ohne Altersbeschränkung. Sein kleiner Bruder spiele es gerne, meint der Verkäufer. Drei Bauanträge für Garagenerweiterungen habe er gerade gestern erst mit Hinweis auf die nicht eingehaltenen Abstände zum öffentlichen Straßengrund abgelehnt. Außerdem gehe noch heute ein Bußgeldbescheid wegen fortgesetzter Zustandsstörung an eine Gaststätte mit Ausschankbetrieb raus, deren Pächter sich weigere, die nötigen Hygienevorschriften gemäß Gemeindesatzung (in der Anlage beigefügt) einzuhalten. Im Moment sei es total spannend: Die Hälfte der Kollegen sei krank und die andere Hälfte auf Fortbildung. Alles bliebe zur Zeit an ihm hängen. Einige „Bürger“ hätten ihn auch schon beschimpft („Faules Schwein!“), aber dafür gebe es ja die Schnellfeuerpistole, die Frau Kauler-Meierhoff aus der Abteilung „Statistik und Wahlen, A-M“ in ihrem Schreibtisch… – „Was?“ – „Naja, was denken Sie denn! Ein bisschen Blut muss schon spritzen, ich meine…!“ – „Ja, sicherlich. Aber ich hoffe doch…“ – „Na, klar: grün!“ – „Das muss ich haben!“ – „Als Geschenk einpacken?“ – „Bitte!“

(Josef Bordat)

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