Liebe zur Desinformation

8. Dezember 2016


Eine Plattform im Internet ist angetreten, Wissensvermittlung zu betreiben. Ihr vielversprechender Name: Philognosie, „Liebe zum Wissen“. Das ist löblich. Und hört sich gut an. Leider kommt bisweilen die Liebe zur Desinformation durch, sobald es – selten genug – um theologische oder – wie hier – kirchenhistorische Fragen geht. Ein Eintrag lautet: „Kennen Sie die Hexenverfolgung in Europa?“ Damit ist mein Erstinteresse geweckt. In Form eines Tests soll man elf Fragen beantworten. Schnell wird klar, woher hier der Wind weht. Kein Wissenstest, sondern eine als Test getarnte Desinformationskampagne, die wesentliche wissenschaftliche Erkenntnisse zum Phänomen außer Acht lässt. Da der Test 2015 in das Angebot der Philognosie eingestellt wurde, kommt auch nicht in Betracht, wegen neuerer, „damals“ noch nicht bekannter Forschungsresultate mildernde Umstände geltend zu machen. Schauen Sie ihn sich ruhig an, vielleicht kommen Sie ja zu einer anderen Einschätzung seiner Qualität.

Ich finde darin fünf Kardinalfehler, die sowohl in den Fragestellungen als auch in den Antworten enthalten sind. Noch weniger Nähe zum aktuellen historischen Forschungsstand offenbart sich in den textlichen Erläuterungen zu den „richtigen“ Antworten. Hier begründet der Verfasser des Tests (ein Computer-Fachhändler, der sonst – neben Beiträgen aus seinem Fachgebiet – über Omas Tipps im Umgang mit Salz schreibt, über die Lebensmittelindustrie, den Welthandel sowie zivilrechtliche Fragen, und darüber, wie man Autoreifen fachgerecht lagert), warum er für richtig hält, was bei Lichte betrachtet dann doch leider falsch wird. Übrigens erreiche ich ein katastrophales Test-Ergebnis, weil ich nicht das angeklickt habe, von dem ich weiß, dass es der Verfasser gerne hören würde, sondern das, von dem ich meine, es sei noch am ehesten mit der historischen Wahrheit kongruent.

Kommen wir zu den fünf Punkten.

1. Die Rolle der Inquisition wird falsch eingeschätzt.

Ketzer- und Hexenverfolgung wird mehrfach in eins gesetzt. So kommt dann auch die Inquisition immer wieder ins Spiel, die man fortan wohl kontrafaktisch als Hauptbetreiberin der Hexenverfolgung ansehen soll, wenn man bei diesem „Wissenstest“ gut abschneiden will. Was man allerdings wirklich über das Verhältnis von Inquisition und Hexenverfolgung wissen sollte, ist zweierlei.

a) Nur an einigen Hexenprozessen war die Inquisition beteiligt, was in diesen Fällen dazu führte, dass die Wahrscheinlichkeit einer Verurteilung sank, bedingt durch die wesentlich genauere Prozessführung; die Freispruchquote für Inquisitionsprozesse lag bei etwa 98 Prozent. Ein der Zauberei Beschuldigter, eine der Hexerei Angeklagte hatte also Glück im Unglück, wenn die Kirche das Verfahren führte, zumal auch die Haftbedingungen in den Kirchengefängnissen signifikant besser waren. Die Hexenprozesse fanden aber grundsätzlich vor weltlichen Gerichten statt.

b) Dort, wo die Inquisition (als kirchliche oder staatliche Einrichtung) wirkte, gab es gerade keine nennenswerte Hexenverfolgung. Im katholischen Spanien hat es so gut wie keine Hexenverfolgung gegeben – wegen der (staatlichen) Inquisition. Auch in Italien sorgte die (kirchliche) Inquisition dafür, dass so gut wie keine Hexe verbrannt wurde. In Rom – dem vermeintlichen Zentrum des Grauens – wurde nie eine Hexe oder ein Zauberer verbrannt. Nun denn. Wer, wie der Verfasser des Tests, den Predigerorden „Bruderschaft der Dominikaner“ nennt, kann wohl auch die Hexenverfolgung der Inquisition zuschreiben.

2. Der „Hexenbulle“ wird eine Bedeutung zugeschrieben, die sie nie hatte.

Das führt uns zum zweiten Punkt: der Rolle der Kirche. Sie zieht im Hintergrund die Fäden, ist die Hauptverantwortliche – laut „Wissenstest“. Gezeigt werden soll dies damit, dass die Bulle Summis desiderantes affectibus die Verfolgung – wie heißt es, wenn man das Wissen liebt? – „offiziell legitimierte“. Das ist freilich Unfug. Die so genannte „Hexenbulle“ enthielt nur die Aufforderung, verdächtige Personen ernsthaft zu prüfen und bei bestätigendem Ergebnis zurechtzuweisen, zu inhaftieren und zu bestrafen – nicht aber, sie zu verbrennen. In der Praxis hat das den Hexenwahn eher gemindert als befördert. Kirchenrechtlich hat diese „Hexenbulle“ zudem nie Bedeutung erlangt, maßgebend war immer der Canon episcopi aus dem 10. Jahrhundert, der den Hexenglauben als Einbildung ablehnte und bis zur Kirchenrechtsreform von 1918 im maßgeblichen CIC enthalten war; Summis desiderantes affectibus taucht dagegen in keinem Verzeichnis auf. Suggeriert wird also, die Hexenverfolgung sei vom Vatikan ausgegangen. Das ist aber nicht so.

Ganz im Gegenteil: Das Lehramt der Kirche wirkte dem Hexenwahn schon sehr früh entgegen. Bereits der erwähnte Canon episcopi fordert die Bischöfe und Priester auf, abergläubische Personen, die den Irrglauben an Hexen verbreiten, zurechtzuweisen und in hartnäckigen Fällen durch Ausschluß aus der Kirchengemeinschaft zu bestrafen. Dieses frühmittelalterliche Werk verurteilt also den Hexenglauben lange vor der Verfolgungszeit, und bezeichnet ihn selbst sogar als teuflisch (er sei durch dämonisch inspirierte Einbildungen entstanden). Durch heidnische Vorstellungen und Wahngebilde würde, so wird in dem Dokument beklagt, dem Unglauben und Aberglauben im Volke Vorschub geleistet. Und von diesem Volk geht letztlich – nach allem, was wir wirklich wissen – die Hexenverfolgung aus.

3. Der Hexenhammer und kein Ende.

„Der Hexenhammer zählt heute zu den bestialischen Machwerken der Weltliteratur, dessen Blutspur sich fast 400 Jahre lang durch die Geschichte und Kultur Europas zog und bis heute bleibende Spuren hinterließ. Leider haben es viele westliche Kirchen bis heute versäumt, sich von dessen Inhalt zu distanzieren und sich dadurch ihrer eigenen dunklen Vergangenheit zu stellen.“ So steht es in der Erläuterung zu Frage vier. Das nur mit „irreführend“ zu bezeichnen, wäre grob fahrlässig. Es ist so ziemlich der größte Unsinn, der mir je untergekommen ist – und mir ist schon so einiges untergekommen.

Der „Hexenhammer“, der hier deshalb ins Spiel kommt, um die Verantwortung der Katholischen Kirche auf den Punkt zu bringen, war zwar ein in der Praxis beachtetes „Handbuch der Hexenverfolgung“, das bis 1520 in einer Gesamtauflage von 10.000 Exemplaren erschien, er ist aber weder von der Kirche in Auftrag gegeben, noch nach dessen Verbreitung in irgendeiner Weise autorisiert worden. Geschrieben hat den „Hexenhammer“ der mehrfach inkriminierte Dominikaner Heinrich Kramer (Institoris), nachdem dieser in Innsbruck erfolglos einen Hexenprozess angestrengt und kurz darauf vom zuständigen Bischof Georg Golser des Landes verwiesen worden war. Der „Hexenhammer“ war eine Trotzreaktion auf diese Ausweisung.

Der Erfolg des „Hexenhammers“ hielt sich in Bezug auf die Kirchenlehre in sehr engen Grenzen. Wolfgang Behringer kommt zu dem Ergebnis, dass die Schrift zwar „das Empfinden großer Teile der Bevölkerung widerspiegelte, aber in krassem Widerspruch zur theologischen Tradition stand“. Allein: Die Tatsache, dass der „Hexenhammer“ sich in den populären Narrativen zur Hexenverfolgung bis heute als „offizielle Kirchenposition“ halten konnte und es auch 2015 noch dieser Rolle in „Wissenstests“ schafft – das kann sich der zwielichtige Verfasser Kramer posthum als Propagandaerfolg anrechnen lassen. Er täuscht damit unsere moderne Gegenwart erfolgreicher als seine spätmittelalterliche, zumindest soweit es um die Kirche ging, die den Verfasser als „ganz kindisch“ und „verrückt“ charakterisierte (so der Bischof von Brixen) und seinem Werk nicht nur „keine autoritative Bedeutung“ zugestand, sondern es so sehr kritisierte, dass man sich mit Arnold Angenendt „am Ende [fragt]“, ob es „überhaupt als kirchliches oder gar katholisches Buch zu bezeichnen ist“. Es ist also mitnichten so, dass es „viele westliche Kirchen bis heute versäumt [hätten], sich von dessen Inhalt zu distanzieren“, sondern vielmehr so, dass sich die damals einzige westliche Kirche unmittelbar nach dem Erscheinen des „Hexenhammers“ von dessen Inhalt distanziert hat.

Erfolg konnte der „Hexenhammer“ ohnehin nur haben, weil er den „Nerv der Zeit“ traf und die hitzige Stimmung im Volke befeuerte, wie Angenendt mit Behringer feststellt. Die katholische Theologie betonte indes, „Magie [besitze] keinerlei direkte Wirksamkeit“, so dass die Angst vor Hexerei und Schadenszauber aus Sicht der Katholischen Kirche als Irrglaube gelten musste. Die Katholische Theologie hat die Verfolgung von Hexen und Zauberern daher abgelehnt. Der „Hexenhammer“ erfuhr – lange, nachdem er von der Katholischen Kirche, namentlich der Inquisition, zurückgewiesen worden war – in protestantischen Gebieten eine Renaissance und wird dementsprechend auch in den Kursächsischen Konstitutionen noch Ende des 16. Jahrhunderts affirmativ rezipiert.

Ach, und dann noch die Sache mit den „fast 400 Jahre[n]“ Wirkungsgeschichte. Das würde ja bedeuten, bis Ende des 19. Jahrhunderts wären Hexen gemäß „Hexenhammer“ verfolgt worden. Merken Sie selber, oder?

4. Die Opferzahlen sind zu hoch angesetzt.

Die angeblich „richtige“ Antwort auf die Frage nach der Zahl der Opfer lautet: „Es gibt keine exakten Zahlen – Schätzungen schwanken zwischen 60000 bis hin zu über einer Million Opfern.“ Das ist halbwahr – und damit schlimmer als gelogen.

„Es gibt keine exakten Zahlen.“ Richtig. Die gibt es nicht und es wird sie auch nie geben. „Schätzungen schwanken zwischen 60000 bis hin zu über einer Million Opfern.“ Nun, bei „Schätzungen“ kommt es natürlich sehr darauf, wer gerade schätzt: Historiker (hier „schwanken“ die Angaben zwischen 30.000 und 60.000) oder eben, sagen wir mal: andere Menschen. Und die können dann auch schätzen, was sie wollen.

Nach derzeitigem Forschungsstand waren es insgesamt etwa 40.000 bis 50.000 Opfer (Thomas A. Brady) bzw. ca. 50.000 (Gustav Henningsen), bei einer Untergrenze von 30.000 (Wolfgang Behringer) und einer Obergrenze von 60.000 (Brian P. Levack).

Ergo: Hält man sich an die Geschichtswissenschaft, ist die in der „richtigen“ Antwort genannte Untergrenze die Obergrenze. Desinformation macht „Ah!“.

5. Die Verteilung der Opfer auf protestantische und katholische Gebiete wird auf den Kopf gestellt.

„So brannten die Scheiterhaufen der lutherischen, reformierten, anglikanischen und puritanischen Kirchen nicht weniger hoch, als die der katholischen Kirche.“ So heißt es in dem stilistisch etwas holprigen Rundumschlag gegen das Christentum, der als „Erläuterung“ zur Frage nach der „Hexenbulle“ getarnt ist. Und warum? Der Verfasser erläutert: „Den größten Einfluss übte die Hexenbulle zwar in katholischen Ländern aus, sie wurde aber auch von allen anderen westlichen Kirchen akzeptiert.“

Das ist zum einen ein gutes Beispiel dafür, dass man aus fehlerhaften Annahmen stringent alle möglichen anderen Irrtümer folgern kann. Denn eingedenk dessen, dass man nun als Testteilnehmer meinen könnte, ausschließlich die Katholiken hätten Hexen verfolgt (wegen Bulle des Papstes und so), versucht der Verfasser diesen von ihm selbst erweckten Eindruck nun dahingehend zu korrigieren, dass er anführt, auch andere Kirchen hätten den Papst damals als Quelle ihres Handelns akzeptiert und seine „Hexenbulle“ brav umgesetzt. Wahr ist im Hinblick auf die „Hexenbulle“ freilich etwas völlig anderes (vgl. Punkt 2). Doch wenn schon die Voraussetzung Unsinn ist (die katholische Kirche verfolgte die Hexen nach Maßgabe der „Hexenbulle“ – und das ist die Hexenverfolgung gewesen), kann die Schlussfolgerung das natürlich erst recht sein (andere Kirchen handelten ebenso und folgten dem Papst [den sie sonst feindbildartig ablehnten] in genau diesem Punkt aufs Wort), um im hermetisch geschlossenen Weltbild des Verfassers etwas Wahres zu ergeben. Ex falso quodlibet. Dass der Befund einer flächendeckenden mittel- und nordeuropaweiten Hexenverfolgung im 16. und vor allem 17. Jahrhundert mit der konfessionsübegreifenden Akzeptanz von Summis desiderantes affectibus erklärt wird, wirbelt die offizielle Jobo72-Tabelle des Schwachsinns 2016 kurz vor Schluss doch noch mal gehörig durcheinander.

Zum anderen ist die Gewichtung falsch. Die Verteilung der Opfer auf protestantische und katholische Gebiete ist mitnichten so, dass es in der Hauptsache katholische, aber eben auch protestantische Fürsten waren (noch einmal: Hexenverfolgung war Staatsaufgabe, nicht Sache der Kirche/n), sondern dass wohl rund 80 Prozent der Opfer im protestantischen Einflussbereich zu beklagen sind, es mithin gerade umgekehrt ist: Es waren in der Hauptsache protestantische Fürsten, die Hexen verfolgen ließen. Warum katholische Fürstbischofe hier zögerlich waren – vgl. Punkt 1 bis 3.

Dass diese geradezu klassischen Irrtümer in einem „Wissenstest“ als „richtige Antworten“ oder zumindest als Hinweise darauf angeboten werden, tut weh. Doch: Warum rege ich mich überhaupt darüber auf? Weil so ein Test zigtausende Male aufgerufen wird, Menschen, die noch weniger Ahnung haben als der Verfasser, sich an den „richtigen“ Antworten orientieren und damit die Desinformation zum Thema Hexenverfolgung, zu dem Historiker wie Behringer und Angenendt akribisch forschten, erfolgreich perpetuiert wird (Motto der „Wissens“-Plattform Philognosie: „Wirkendes Wissen“ – Voilà!). Auf deutsch: Ein dämlicher Test hat mehr Rezipienten und prägt nachhaltiger den „Wissensbestand“ als die historische Forschungsarbeit ausgewiesener Experten. Das macht mich wütend. – Geht aber schon wieder.

(Josef Bordat)

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