Johannes vom Kreuz

14. Dezember 2016


Johannes vom Kreuz (Juan de la Cruz) ist ein spanischer Mystiker, der aufgrund seiner spirituellen Erfahrungen und theologischen Erkenntnisse der Kirche als Heiliger (1726 heilig gesprochen) und Lehrer (1926 zum Kirchenlehrer erhoben) gilt. Der Weggefährte und Mitarbeiter Teresas von Ávila bei der Reform des Karmel fordert unseren müden, lauen, auf Kompromisse und Konzessionen eingestellten Glauben heraus, indem er uns ein radikales Gottvertrauen vorstellt, das uns fremd geworden ist. Johannes spitzt zu: „Seit er uns seinen Sohn geschenkt hat, der sein einziges und endgültiges Wort ist, hat Gott uns kein anderes Wort zu geben. Er hat alles zumal in diesem einen Worte gesprochen, und mehr hat er nicht zu sagen.“ Teresa radikalisiert weiter: „Gott allein genügt.“

Johannes lebte im 16. Jahrhundert, einer Zeit der Eroberungen. Zehn Jahre vor seiner Geburt (1542) hatten die Spanier das riesige Inka-Imperium erobert und organisierten nun die Ausbeutung ihres „Vize-Königreichs“ in Übersee. Johannes geht es nicht um die Eroberung des Anderen, sondern um die Eroberung des Eigenen, der eigenen Seele, des Selbst, des Ich. Er entwickelt Strategien, in sich einzudringen, nicht in fremde Länder. Die Entdeckung seiner Reise: die „dunkle Nacht“ der Seele. Die „dunkle Nacht“ muss durchlitten werden, um im Anbruch des mit Sicherheit folgenden Morgens eine unaussprechliche, unbeschreibliche, unsagbare Erfahrung zu machen: Gottesgewissheit. Der Festtag des Johannes vom Kreuz passt gut in den Advent.

Seine Texte sind Erbauung und Zerstörung, Entdeckung und Befragung, persönlich und allgemeingültig zugleich. Die Schönheit seiner Sprache bezaubert, die Weisheit seiner Worte überzeugt, die Radikalität der damit verbundenen Aussage reizt. Bis heute. Vier Jahrhunderte nach seiner Geburt wird eine Frau verhaftet und ermordet, die sich intensiv mit seinem Werk auseinandergesetzt hat, die es wohl im wahren Sinne verinnerlichte: Edith Stein, Teresia Benedicta a Cruce – „die vom Kreuz Gesegnete“. Mit ihrer Kreuzeswissenschaft hat sie die Grundlage einer philosophisch-theologischen Durchdringung seines Denkens gelegt. Das Werk entsteht in ihrer letzten Lebensphase im Echter Karmel in der niederländischen Provinz Limburg.

Das Werk soll anlässlich des 400. Geburtstags Juans Ende 1942 erscheinen. Doch es kommt nicht mehr dazu. Am 2. August 1942 wird Edith Stein mit ihrer (ebenfalls konvertierten und im Kloster Echt lebenden) Schwester Rosa und vielen anderen zum katholischen Glauben konvertierten Juden in das Sammellager Amersfort und dann nach Westerbork verbracht – eine Vergeltungsaktion der Gestapo für das Protestschreiben der niederländischen katholischen Bischöfe gegen die Pogrome und Judendeportationen. Am 7. August 1942 wird Edith Stein nach Auschwitz deportiert und wenige Tage später vergast. Edith Steins Kreuzeswissenschaft wird erst 1950 erscheinen.

1941 schrieb Edith Stein an eine befreundete Ordensfrau: „Eine scientia crucis (Kreuzeswissenschaft) kann man nur gewinnen, wenn man das Kreuz gründlich zu spüren bekommt.“ Auch für Johannes vom Kreuz ist die Theorie nicht der Königsweg im christlichen Glauben: „Unter allem Erschaffenen und unter allen Dingen, die durch das Verstehen begriffen werden können, gibt es keine Leiter, mit der das Verstehen bis zum höchsten Herrn erreicht werden kann.“ Heißt: Wir können Gott letztlich nur erfahren, in einer Weise, die sich dem Diskurs entzieht, weil die Gotteserfahrung – trotz der Gewissheit, die mit ihr verbunden ist – nicht mitgeteilt werden kann, zumindest nicht so, dass dies ohne jede eigene Erfahrung zum Verstehen führte.

(Josef Bordat)

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