Leben wir heute in einer gewissenlosen Zeit?

15. Dezember 2016


Diese Frage wurde mir im Rahmen einer Vortragsveranstaltung mit Blick auf die Medien gestellt. Ich finde sie so wichtig, dass ich meine Antwort darauf verschriftlicht habe und hier veröffentliche.

1. Gewissenlos ist unsere Zeit nicht, wir haben nur systematisch verlernt, unser Gewissen zu gebrauchen. Weil wir dachten, jetzt, in Freiheit und Demokratie, nach der Überwindung der Totalitarismen des 20. Jahrhunderts (Faschismus, Kommunismus) brauchen wir das Gewissen nicht mehr. Jetzt regelt alles der Markt. Und in dem sind wir selbst aktiv und daher beteiligt und so wird das dann am Ende schon gerecht ausgehen. Wenn der Staat alles regelt, wie im Totalitarismus, dann regt sich womöglich das Gewissen des Einzelnen, aber doch nicht dann, wenn man ihn, den Einzelnen, beteiligt.

Wir hatten zuviel Angst vor dem Big Brother, als dass uns die vielen kleinen Brüder des Alltags überhaupt noch aufgefallen wären. Unsere Aufmerksamkeit wird gezielt gelenkt, wir werden manipuliert. Oft, ohne es zu merken. Machtausübung geschieht nicht durch Gewalt und Kontrolle von oben, von außerhalb des Systems (wie in Orwells 1984), sondern durch eine freiwillige soziale Selbstkontrolle im System (wie in Huxleys Brave New World), die wir als Ausdruck besonderer Freiheit missverstehen, so sie uns überhaupt bewusst wird.

Denn bei jener Kontrollform merken wir das totalitäre Gebaren und wehren uns, bei dieser sind wir noch stolz drauf, dass wir gar nicht merken, wie sehr wir gefügig gemacht werden, uns systematisch selbst zu hintergehen. Ich mache es doch freiwillig, ich habe doch nichts zu verbergen, es zwingt mich doch keiner. Ja und nein. Natürlich gibt es sozialen Druck. Natürlich können auch Daten, die nicht juristisch relevant sind, so peinlich sein, dass sie Menschenleben ruinieren. Und natürlich macht man es freiwillig – das ist ja gerade der Witz! Orwellschen Zwang würde man ja sofort merken! Die Kontrolleure in der „schönen neuen Welt“ Huxleys werden hingegen nicht gehasst, sondern verehrt.

Wir haben nicht verstanden (oder zumindest lange übersehen), dass auch der Markt total werden kann, dass auch überzogene Freiheit ungerecht wird kann, dass es auch totalitaristische Züge in der Demokratie geben kann, dass sogar falsch verstandene Toleranz totalitär wirkt. Papst Benedikt XVI. sprach in diesem Zusammenhang gerne von der „Diktatur des Relativismus“. Alles muss offen bleiben. Festlegungen gelten per se als intolerant. Das ist eine ganz neue Form des Totalitären.

2. Papst Franziskus hat uns in einer Predigt zu Apostelgeschichte, Kapitel 4, Vers 29 – das ist die Stelle, wo die Apostel Gott um Parrhesia bitten (um „Freimut“, wie Luther übersetzt hat) -, ermutigt, auch heute frei von unserem Glauben, von unseren Anliegen zu sprechen. Wir sollten „keine Angst haben, zu sagen, wie die Dinge stehen“. Das sei der Kern des Freimuts, der „Parrhesia“. Und wer in den modernen Medien tätig ist, braucht diesen Mut, braucht Freimut. Was dann auch bedeuten kann, sich zurückzunehmen in der Wortwahl oder bei den Themen, auch, wenn man dadurch Quote einbüßt.

„Keine Angst haben, zu sagen, wie die Dinge stehen“ – das ist das glatte Gegenteil von „Schweigespirale“. Elisabeth Noelle-Neumann erklärte in den 1970er Jahren diese Art der passiven und angepassten Diskursteilnahme damit, dass Menschen nicht gerne allein stehen, auch nicht mit ihren Ansichten: „Öffentliche Meinung ist gegründet auf das Bestreben von in einem Verband lebenden Menschen, zu einem gemeinsamen Urteil zu gelangen, zu einer Übereinstimmung, wie sie erforderlich ist, um zu handeln, und, wenn notwendig, entscheiden zu können. Belohnt wird Konformität, bestraft wird der Verstoß gegen das übereinstimmende Urteil“. Deswegen schauen die im Verband lebenden Menschen zuerst einmal, was die anderen in diesem Verband sagen. Experimente zeigen, dass sich Menschen unter dem Druck von Gruppen Meinungen anschließen, die sie nicht wirklich teilen, und sie tun es selbst dann, wenn offensichtlich ist, dass die Gruppe irrt.

3. An dieser Stelle kommt der Mut zur Freiheit von der öffentlichen Meinung, der Freimut ins Spiel. Und damit das Gewissen. „Keine Angst haben, zu sagen, wie die Dinge stehen“ – das ist die typische Situation der Gewissensentscheidung. Wenn man spürt, dass man platzen müsste, schwiege man weiter. Mut der Verzweiflung, so könnte man im negativen Modus sagen, Freimut im Zeichen des unhintergehbaren Gewissens ist treffender, wenn eine Gute Nachricht Gegenstand dessen ist, über das man nicht mehr schweigen will und kann. So, wie einst Petrus und die anderen Apostel, die vor den Autoritäten ihrer Gesellschaft meinten: „Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben“ (Apg 4, 20).

Für den Christen ist dabei leitend, was im darauffolgenden Kapitel der Apostelgeschichte zentraler Gedanke ist: „Und sie brachten sie und stellten sie vor den Hohen Rat. Und der Hohepriester fragte sie und sprach: Haben wir euch nicht streng geboten, in diesem Namen nicht zu lehren? Und seht, ihr habt Jerusalem erfüllt mit eurer Lehre und wollt das Blut dieses Menschen über uns bringen. Petrus aber und die Apostel antworteten und sprachen: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Der Gott unsrer Väter hat Jesus auferweckt, den ihr an das Holz gehängt und getötet habt. Den hat Gott durch seine rechte Hand erhöht zum Fürsten und Heiland, um Israel Buße und Vergebung der Sünden zu geben. Und wir sind Zeugen dieses Geschehens und mit uns der heilige Geist, den Gott denen gegeben hat, die ihm gehorchen. Als sie das hörten, ging’s ihnen durchs Herz, und sie wollten sie töten“ (Apg 5, 27-33).

„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5, 29) – das ist nicht die trotzige Reaktion von Querulanten, die sich wichtig tun, sondern eine zentrale Einsicht der jungen christlichen Gemeinde, eine Einsicht, die Mut machen soll, treu im Glauben zu stehen und die Verfolgungssituation zu ertragen, die sich in den ersten drei Jahrhunderten einstellte, überall dort, wo Christen lebten. Diese Einsicht soll zum freimütigen Gewissensgebrauch befähigen – und tut es ja auch, wie die zwei Jahrtausende danach eindrucksvoll belegen, mit Menschen wie Thomas Morus und Dietrich Bonhoeffer. In den Medien wären solche Menschen heute bitter nötig. Menschen, die nicht nur ein Gewissen haben, sondern es auch gebrauchen.

(Josef Bordat)

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