Franziskus und Benedikt

16. Dezember 2016


Morgen wird Papst Franziskus 80 Jahre alt. Ein Ständchen.

Dem „alten Mann aus Rom“ zuzustimmen, das wurde mir vor zehn Jahren noch als „ewiggestrig“ und als „Mangel an eigenständigem theologischen Denken“ ausgelegt. Beim Papst heute nur auf mögliche Missverständnisse durch ungeschickte und theologisch nicht sauber durchdachte Aussagen hinzuweisen, trägt einem die gleiche Charakterisierung ein. Erstaunlicherweise verhält es sich bei Franziskus gerade so, dass man desto mehr im Ruf steht, selbstständig und fortschrittlich zu denken, je kritikloser man ihm zustimmt. Es kommt beim Attest eines „kritischen Geistes“ mit der Fähigkeit zum „Selberdenken“ eben immer noch darauf an, wem man blind folgt.

Im Ernst: Was mich am öffentlichen Umgang mit Papst Franziskus stört, das sind die notorischen Nörgler ohne jeden Respekt vor dem Heiligen Vater einerseits und andererseits die völlig kritiklosen Fans, die den „neuen“ Papst einfach nur „toll“ finden. Ich finde es ja gut, wenn die Menschen die Kirche wieder, ja, zumindest in ihrem Dasein akzeptieren. Aber das sollten sie aus den richtigen Gründen tun. Nicht (oder zumindest: nicht nur), weil der derzeitige Papst so lustig aussieht. Und so bescheiden ist.

Ja, Papst Franziskus. Der Bescheidene. Er ist so bescheiden, dass er ein Gästezimmer belegt, obwohl für ihn eine große Wohnung frei steht. Eine Bescheidenheit, durch die dem Vatikan zusätzlich Kosten entstehen und mögliche Einnahmen entgehen, Geld, das wegen der stolz zur Schau gestellten Demut des Papstes den Hungernden abgeht. Ein geradezu lächerlicher Vorwurf? Richtig. Auch richtig: Bei Benedikt hätte man ihn längst an jeder publizistischen Ecke erhoben.

Wenn man sich anschaut, wie wohlwollend die Medien mit Franziskus umgehen, dann wir einem erst mal klar, wie unfair sie mit Benedikt umgegangen sind. Bei den inhaltlich gleichen Aussagen zu katholischen Lehrpositionen (die jeder Papst qua Amt erstmal vertritt) sehen die Medien Franziskus auf einem „schwierigen Weg zur Reform der Kirche“, während Benedikt das „Rad der Geschichte immer weiter zurückgedreht“ hat. Da geht es zum Teil um wortgleiche Aussagen, die so unterschiedlich rezipiert werden, dass man nur noch Staunen kann.

Wer keine Ahnung hat, und die Zahl derer wird ja hinsichtlich des katholischen Glaubenswissens immer größer, meint dann natürlich, in Rom sei die Revolution ausgebrochen. Endlich. In Rom bricht bei Franziskus ständig etwas aus und auf, auch wenn er die Politik seiner Vorgänger nahtlos fortsetzt. Beispiele? Gerne.

Beispiel: Frauen. Endlich, ja, endlich gibt es Frauen im Vatikan! Danke, Franziskus! Das darf man sagen, auch dann, wenn es Papst Johannes Paul II. war, der bereits 2003 Letizia Ermini Pani zur Präsidentin der Päpstlichen Akademie für Archäologie und die Soziologin Schwester Enrica Rosanna zur Untersekretärin der Ordenskongregation berief. Papst Johannes Paul II.? War der nicht irgendwie igitt? Wegen seiner strengen Haltung in Sachen Lebensschutz? Weil er einfach nicht akzeptieren wollte, dass Abtreibung eine Lösung ist, im Schwangerschaftskonflikt? Weil er in den Zellhaufen tatsächlich kleine und wehrlose menschliche Wesen sah? Genau. Dagegen Franziskus. Ergo: Danke, Franziskus!

Beispiel: Missbrauch. Endlich, ja, endlich macht da mal jemand ernst. Danke, Franziskus! Das darf man sagen, auch dann, wenn es gerade jener Papst Johannes Paul II. war, der bereits 2001 das Thema aufgriff und mit dem Erlass Sacramentorum sanctitatis tutela die Meldepflicht für Missbrauchsfälle an Rom einführte und den Beschuldigten mit drastischen Strafen – bis hin zur Laisierung – drohte. Er verschärft damit das geltende Kirchenrecht von 1983 (als in Deutschland einige die Straffreiheit für Sex mit Kindern fordern, Parenthese Ende). Das CIC sieht bei Sex mit Kindern „gerechte Strafen“ vor (1395, § 2). Josef Kardinal Ratzinger war es schließlich, der ebenfalls im Jahr 2001 als damaliger Präfekt der Glaubenskongregation das Schreiben De delictis gravioribus (also: über das Schwerverbrechen des Missbrauchs) verfasste und damit für das Bekanntwerden von Fällen sexuellen Missbrauchs aus den vergangenen Jahrzehnten sorgte. Denn als unmittelbare Folgen der von Papst und Präfekt vorgenommenen Verschärfung der Rechtslage gelten zwei Fakten: 1. Etwa 3000 Beschuldigungen aus zahlreichen Diözesen aller Teile der Welt gehen ein. Sie betreffen hauptsächlich den Zeitraum zwischen 1910 und 1990, waren also nach den meisten Rechtsordnungen längst verjährt und wären somit nie bekannt geworden. 2. Die Zahl der Missbrauchsfälle ging seit 2002 drastisch zurück. In der Katholischen Kirche. In der Gesellschaft war der Rückgang weit weniger stark. – Josef Ratzinger? War der nicht irgendwie Benedikt? Jedenfalls: Danke, Franziskus!

Beispiel: Umwelt. Endlich, ja, endlich erkennt ein Papst die Bedeutung der Ökologie. Danke, Franziskus! Das darf man sagen, auch dann, wenn es Papst Benedikt (igitt) war, der nicht nur von der „Ökologie des Menschen“ sprach, sondern das Mandat des Umweltschutzes höchstpersönlich in die Tat umsetzte: Er ließ eine Solarstromanlage von der Größe eines Fußballfeldes im Vatikan errichten. Jedes Jahr werden damit rund 220 Tonnen Kohlendioxid-Emissionen eingespart. 2008 erhielt der Vatikan dafür den „Europäischen Solarpreis“. Beim Neujahrsempfang 2010 für das beim Vatikan akkreditierte Diplomatische Corps drückte Benedikt seine „große Sorge“ über die „politischen und wirtschaftlichen Widerstände gegenüber dem Kampf gegen die Umweltverschmutzung“ aus, wie sie beim Klimagipfel in Kopenhagen (2009) zutage getreten waren. Mit dem Klimawandel stehe das Schicksal ganzer Länder auf dem Spiel, betonte der Papst, insbesondere der kleinen Inselstaaten. Benedikt rief die internationale Gemeinschaft in deutlichen Worten zum Handeln auf. Danke, Franziskus!

Beispiel: Geld. Endlich, ja, endlich reformiert ein Papst die Vatikanbank. Danke, Franziskus! Den Aufsichtsrat hat zwar bereits 1990 Johannes Paul II. eingesetzt und die Reform geschieht seit 2010 auf Betreiben Benedikts, der noch am 15. Februar 2013 (zwei Wochen vor seinem Amtsverzicht) eine neue Leitung einsetzte, in Person des deutschen Juristen Ernst Conrad Rudolf von Freyberg-Eisenberg, der bis Juli 2014 wichtige Reformschritte umsetzte und das Institut transparent macht, unter anderem durch die erstmalige Veröffentlichung eines Geschäftsberichts im Internet. Sommer 2014? Da war doch längst schon Franziskus im Amt. Also: Danke, Franziskus!

Und, bevor ich’s vergesse: Feliz cumple, Santo Padre! Du kannst schließlich am allerwenigsten für die eigenartige Stimmung in der deutschen Öffentlichkeit rund um den Stuhl Petri, auf dem gestern Benedikt, heute Du und morgen dann ein Anderer sitzt.

(Josef Bordat)

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