Faktencheck Weihnachten

19. Dezember 2016


Alle Jahre wieder. Kommt das Christuskind – und kommen die publizistisch entfalteten Zweifel an seiner historischen Existenz, an die sich lange Debatten über Wesen und Wille Gottes, die Geschichte und Gegenwart des Christentums und den Sinn oder Unsinn von Religion anschließen. Das endet dann meist bei der Kirchensteuer.

Gut – wir können über alles reden. Ob es ein Stall war oder eher eine Höhle, ob da wirklich Engel waren. Und Hirten. Wie das mit der Volkszählung war und mit dem Stern von Bethlehem. Ob Maria zeitlebens Jungfrau blieb, ob sie es überhaupt noch war, im Jahre Null. Und wann dieses Jahr genau gewesen ist – das weiß man schließlich auch nur so ungefähr. Diese Dinge kann man besprechen. Sicher – man kann.

Es fragt sich nur, was man eigentlich mit einer solchen Diskussion bezwecken will, wenn man sie anstößt. Oft habe ich den Eindruck, dass es allein um die Diskreditierung des christlichen Glaubens geht, darum, der Welt vorzuführen, er sei etwas Irrationales oder zumindest völlig Beliebiges, das an jedem halbwegs seriösen Faktencheck scheitert und neben den man mit dem gleichen Recht jede andere Beliebigkeit stellen kann. Den Weihnachtsmann zum Beispiel.

Wir leben in einer Welt, in der es nur noch Naturwissenschaft und Fiktion gibt, Empirie oder Phantasie, in der sich also alle Lebensvollzüge der einen oder der anderen Orientierungsleistung zu unterstellen haben (weshalb dann auch alles, was nicht als Spinnerei verworfen werden will, nach wissenschaftlichen Persilscheinen strebt – Brotaufstrich, Autoreifen und Hautcreme sind hinreichend im Labor des Dr. Soundso getestet, was immer das heißt).

Zwischen dem abstrakten Glauben als rein geistig-subjektives Phänomen und den konkreten Fakten, die man aufgrund ihrer empirischen Qualität intersubjektiv „checken“ kann, liegt jedoch etwas, das wir nicht vergessen sollten: die Plausibilität. Sie ergibt sich etwa aus der Bedeutung eines Glaubensgegenstandes für die Entwicklung einer Religionsgemeinschaft, die dann wiederum nach den Regeln der Geschichtswissenschaft tatsächlich überprüfbar ist.

Die Entwicklung des Christentums etwa ist ohne die Person Jesu nicht plausibel. Vielmehr: Ohne die Überzeugung der ersten Generation, dass Jesus leibhaft auferstanden ist und lebt (und das nicht nur in ihren Erinnerungen oder in ihren Herzen), ist die Entwicklung des Christentums völlig unplausibel. Menschen, die sich – ohne Aussicht auf Veränderung in der Gesellschaft – über einen Zeitraum von fast 300 Jahren (also zehn Generationen lang) verfolgen und ermorden lassen, müssen eine Hoffnung haben, die den Tod übersteigt.

Ohne Beweisvideo lässt sich sagen: Die ersten Christen haben an die Auferstehung nicht nur geglaubt, wie man so vieles glaubt, das man nicht weiß, sondern sie müssen eine Überzeugung gehabt haben, die so groß war, dass sie alles andere darüber vergaßen – Reputation, Verwandschaft, ihr Leben. Die Bibel schreibt dieses Überzeugtsein empirischen Erfahrungen zu – vielleicht, weil es so war, vielleicht in Ermangelung einer treffenderer Kategorie von Erkenntnis. Von einem bloßen Gefühl zu schreiben, einem zwar geteilten, aber doch letztlich nicht nachvollziehbaren Eindruck, dass da mit diesem Jesus etwas Besonderes in der Welt war, ist ihnen offenkundig zu wenig.

Den Evangelisten, Briefeschreibern und dem Autor der Apostelgeschichte, ihnen allen ging es darum, die große Bedeutung der Auferstehung zu betonen und beim Leser keinen Zweifel an ihrer Wahrhaftigkeit aufkommen zu lassen. Diese Bedeutung macht die Auferstehung zwar nicht zu einem Fakt, dennoch zu mehr als einer beliebigen Annahme, die es als Christ halt zu glauben gilt, die man also glaubt oder eben nicht. Es macht sie zu einer Gewissheit.

Ja, ist denn jetzt schon Ostern? Nein, nein – ich komme zur Geburt und zum irdischen Leben Jesu zurück. Mit den Fakten ist das schon so eine Sache. Wir haben sie – bezogen auf historische Ereignisse wie die Geburt und das Leben antiker Menschen – nur ganz selten so deutlich vorliegen, dass wir uns sicher sein können. Dass Sokrates gelebt hat, ist nur sehr dünn belegt, durch seinen Schüler Platon nämlich. Platon könnte Sokrates aber auch erfunden haben, so wie Jostein Gaarder seine Sophie. Wir wissen es nicht.

Diskutiert wird aber weniger über die historische Existenz des Sokrates als vielmehr über die Jesu. Hier ist die Quellenlage zwar deutlich besser, das Interesse an einer möglichen (Nicht-)Existenz aber auch weitaus größer. Wenn sich irgendwann herausstellen sollte, dass Sokrates nicht wirklich ein Mensch war, sondern eine platonische Idee, dann ändert sich im Grunde nicht viel. Wenn aber Jesus nicht gelebt haben sollte, dann ändert sich alles. Zumindest für uns Christen.

Denn wir glauben an die Person Jesu, ganz Mensch und ganz Gott, die als Mensch für die Wahrheit einsteht. Als Gott ist das leicht, aber als Mensch inmitten einer Militärdiktatur ist das unvergleichlich schwerer. Wir glauben an den Sohn Gottes, an den Menschen Jesus, der uns Gottes Wahrheit nahebringt. Auf Augenhöhe, wie man heute sagt. Um das zu können, dazu muss er ja geboren worden sein. Wann und wo und wie – darüber können wir gerne debattieren. Als Christen aber feiern wir zunächst und vor allem, dass Gott Mensch wurde. Nicht um zu richten, sondern um zu retten. Alles andere ist zweitrangig.

(Josef Bordat)

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