Drei #Fehler im Umgang mit islamistisch motiviertem Terror

20. Dezember 2016


Ich habe schlecht geschlafen. Also: eigentlich gar nicht. Der Anschlag an der Gedächtniskirche ließ mich nicht zur Ruhe kommen. Unzählige Male bin ich den letzten drei Jahrzehnten über den Breitscheidplatz gelaufen. Unfassbar, dass nun dort der Terror ein neues Ziel gefunden hat. So sieht es ja wohl derzeit aus, auch, wenn die allgemeine Sprachregelung einen „möglichen Anschlag“ vorsieht.

Ich hatte also viel Zeit in der Nacht und schaute mich – was ich sehr selten tue – ein wenig im Twitter-Gewitter um, in dem fast ausnahmslos unterstellt wurde, es handle sich um einen Terroranschlag (und diese Annahme allein reicht schon aus, wenn man etwas über typische Reaktionen auf einen Terroranschlag, möglich oder tatsächlich, erfahren will). Mir sind dabei drei Dinge aufgefallen, drei äußerst ungeeignete, meiner Ansicht nach grundfalsche Umgangsformen mit dem, was geschehen ist.

1. Es ist falsch, den (mutmaßlichen) Terror zu instrumentalisieren, um einer bestimmten Religion jede Fähigkeit abzusprechen, zu einem gelungen Leben des Einzelnen und einer Gemeinschaft beizutragen. Jede Religion trägt in sich die Anlage zum Frieden. Auch der Islam. Mir wurde übel, als ich auch bei nur oberflächlicher Betrachtung zig – höflich ausgedrückt – gegenteilige Einlassungen fand, zu einem Zeitpunkt, da jeder Mensch, der noch einen Rest an Anstand in sich trägt, bei den Opfern und ihren Angehörigen ist, nicht bei den mutmaßlichen Tätern und ihrer religiösen oder kulturellen Herkunft.

2. Es ist aber noch viel falscher, die Augen davor zu verschließen, dass aus dieser besagten Religion auch Weltinterpretationen und Menschenbilder erwachsen können, die schlicht inhuman sind. Damit droht der Islam in dieser Lesart seiner heiligen Schrift und der Deutungstradition hinter das zurückzufallen, was griechische Philosophie, römisches Recht und christlicher Glaube Europa an Fortschritt gebracht haben. Das kann und will niemand zulassen. Daher sind diejenigen Kräfte im Islam, die an einer reformierten Interpretation des Koran interessiert sind, zu unterstützen, wo immer es geht.

Was hingegen nicht geht, ist zu meinen, diese Reform käme ohnehin mit der Zeit oder sei gar schon der Normalfall des Umgangs mit strittigen Fragen. Wir müssen schon genauer hinschauen, was in den Rechtsschulen gelehrt wird, wie es sich in Deutschland verbreitet und welche Imame und Moscheegemeinden hier unangenehm von einer gewaltlos-friedlichen Deutung kritischer Suren abweichen. Das kann und muss man herausfinden, bevor es sich in einer ganzen Generation als „Standarddeutung“ etabliert.

3. Am allerfalschesten ist es jedoch, angesichts des (möglichen) Terroranschlags die Religion an sich zu beschuldigen und friedliche Beter bzw. solche, die zum Gebet aufrufen (#prayfor…), gewissermaßen einer ideologischen Grundlegung der Gewalt zu bezichtigen. Ich kenne viele gläubige Menschen, die regelmäßig beten. Sie sind im Durchschnitt nicht gewalttätiger als der Rest der Menschheit, sogar – wenn mich mein Eindruck nicht völlig täuscht – weniger gewalttätig als der Durchschnitt.

Wenn ich dann lese: „Do Not #PrayForBerlin but do something useful instead“, oder: „Don’t #PrayForBerlin; prayer is what got the world into this damn mess in the first place“, und zwar ebenfalls nur wenige Stunden nach einem grauenhaften Akt der Gewalt (ein solcher wäre auch ein Amoklauf), dann wage ich es schon, die Frage zu stellen, ob ein derart unsensibel und unreflektiert zur Schau gestellter Brachialatheismus uns moralisch wirklich um so viel weiter bringen würde, wie von eben jenen Menschen unterstellt, die angesichts eines gerade geschehenen „Vorfalls“ mit mittlerweile zwölf Toten nichts anderes zu tun haben, als ihre religionsfeindliche Agenda zu verbreiten.

So, das dazu.

(Josef Bordat)

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