Marias Antwort

21. Dezember 2016


Da sagte Maria: Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig. Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten. Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind. Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehn. Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen, das er unsern Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig. Und Maria blieb etwa drei Monate bei ihr; dann kehrte sie nach Hause zurück. (Lukas 1, 46-56)

Maria spricht als Antwort auf den Gruß Elisabeths das Magnifikat, das in jeder Vesper gesungen wird. Es kommt nicht darauf an, ob dieser Text von Maria tatsächlich so in einem Stück gesprochen wurde. Lukas ist an dieser Stelle nicht historisch. Er hat kein historisches, sondern ein theologisches Interesse. Es kommt ihm auch nicht darauf an, einen detaillierten Bericht über den Besuch abzuliefern, sondern die Begegnung zweier Frauen zu schildern, die in ihrem tiefen Glauben an Gott persönlich die Erfahrung machen durften, dass sich Gottes Macht in ihrem Leben gezeigt hat, weil sie sich der Ansprache Gottes nicht verschlossen haben.

Lukas verdichtet in der Antwort Marias die Heilsgeschichte des Volkes Gottes – mit zahlreichen Anspielungen auf das Alte Testament, vor allem mit Zitaten aus den Psalmen. Dass Gott mit seinem Arm machtvolle Taten vollbringt, das war schon dem Psalmisten klar. In Psalm 89, 14 heißt es: „Dein Arm ist voll Kraft, deine Hand ist stark, deine Rechte hoch erhoben.“ Dass Gott die Mächtigen vom Thron stürzt, lesen wir so beim Propheten Haggai 2, 22: „Ich stürze die Throne der Könige und zerschlage die Macht der Königreiche der Völker.“ Und die Sache mit den Reichen, die Gott leer ausgehen lässt, finden wir ähnlich in Psalm 34, 11: „Reiche müssen darben und hungern“ heißt es dort; „wer aber den Herrn sucht, braucht kein Gut zu entbehren“. Lukas verdichtet die Heilsgeschichte im doppelten Sinne, er fasst die Ereignisse zusammen in einem Gedicht, in einem Lied, das wir nun auch in der Liturgie singen können.

Maria erweist sich in der Begegnung mit Elisabeth – vor allem aber auch in der Begegnung mit dem Engel des Herrn – als „Proto-Christin“. Maria sagt „Ja!“ zum Dreifaltigen Gott, zum Vater, dem Schöpfer, zum Heiligen Geist, der Kraft Gottes, die sie überschattet, und zu Jesus, der durch sie zur Welt kommt. Um heute marianisch zu leben, muss man in diesem Sinne leben: „Ja!“ sagen zum Dreifaltigen Gott und Jesus zur Welt bringen, zu den Menschen. Und wer wie Maria leben will, hat im Grunde verstanden, was es heißt, wie ein Christ zu leben.

(Josef Bordat)

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