Facebookfreunde, Facebookfeinde

2. Januar 2017


Eine der Denkweisen von Feindbildlogik besteht darin, sich die Welt als Nullsummenspiel vorzustellen. Es gibt in dieser Welt Freunde und Feinde und ein streng begrenztes Gut namens „Zuneigung“. Daher geht es nur um die Verteilung dieses Gutes auf Freund und Feind. Technisch gesprochen: Wenn man von der insgesamt verfügbaren Zuneigung die Summe aus den Zuneigungen gegen Freund und Feind abzieht, steht im Ergebnis die Null. Die Zuneigung geht immer restlos auf.

Wenn nun gilt, dass es im Rahmen der Feindbildlogik liegt, die Zuneigung zum Freund zu maximieren, bedeutet das automatisch, sie im Hinblick auf den Feind zu minimieren. Umgekehrt: Wenn ich einem Feind Zuneigung zeige, um die Feindschaft zu überwinden, reduziere ich diese – im Rahmen des Nullsummendenkens der Feindbildlogik – hinsichtlich des Freundes, was dieser dann die Freundschaft hinterfragen lässt. Darum wittern Menschen mit einem ausgeprägten Hang zur Feindbildlogik überall Verrat und Verschwörung, sobald Freunde ihre Position kritisieren.

Im Nullsummenspiel gibt es also nur zwei Lager: Freunde und Feinde. Jenen gehört alle Zuneigung, diesen hingegen keine. Hinzu kommt, dass sich diese Feindbildlogik beständig fortschreiben lässt: Der Freund meines Freundes ist mein Freund, ebenso wie es der Feind meines Feindes ist. Und: Alles, was, dem Freund nützt, ist ebenso wertvoll und wichtig wie das, was dem Feind schadet. Ob ich dem Freund Gutes oder dem Feind Böses tue, läuft dabei aufs Gleiche hinaus, denn eine dem Freund gezeigte Zuneigung (Z+) entspricht einer dem Feind verweigerten Zuneigung (Z-).

Mehr noch: Indem ich dem Feind Böses tue, tue ich dem Freund Gutes, weil die Schwächung des Feindes unmittelbar die Stärkung des Freundes bedeutet. Ob ich einem Freund helfe, eine Goldmedaille, einen Literaturpreis oder einen Krieg zu gewinnen, oder ob ich einem Freund helfe zu verhindern, dass der Feind eine Goldmedaille, einen Literaturpreis oder einen Krieg gewinnt, ist äquivalent. Wie gesagt: im Nullsummendenken der Feindbildlogik. Dort gilt: Z+ ist gleich Z-, damit ist Z+ minus Z- gleich Null.

Im Facebook erlebt dieses Denken, das mit dem Ende des Kalten Krieges kurzzeitig in eine Krise geraten ist, eine ganz eigentümliche Renaissance. So kommt es vor, dass man – von Freunden – vor Feinden gewarnt wird, die sich als Freunde tarnen. Da schreibt dann M dem N: „Du bist mit X befreundet. Dabei hat X sich mit Aussage A positiv über Y geäußert, der ein Freund des Z ist. Z wiederum ist Mitglied der Partei P1, die Positionen vertritt, die ich, als Anhänger von Partei P2, nicht teile.“ Dann soll N sich rechtfertigen, um die Freundschaft zwischen M und ihm nicht zu gefährden. Logisch.

Es steht zu befürchten, dass in dem Lagerwahlkampf, der für die nächsten Monate in den Sozialen Medien zu erwarten ist, diese Feindbildlogik eine neue Dimension erreicht. Ich weiß, dass viele, die das hier lesen, nicht an Gott und schon gar nicht Jesus Christus als Sohn Gottes glauben. Dennoch kann Jesus uns allen an dieser Stelle weiterhelfen. Denn Er hat einen Ausweg gezeigt: Feindesliebe. Die Feindbildlogik lässt sich tatsächlich nur mit der Logik der Liebe überwinden. Das schließt harte inhaltliche Auseinandersetzungen nicht aus, wohl aber die Gleichsetzung von Person und Position, von Z+ und Z-. Vielleicht kann unser Umgang mit Gegnern und Kritikern sich daran orientieren. Und vielleicht ja auch nicht nur im Facebook.

(Josef Bordat)

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: