Logos und Liebe. Fakten des Christentums

4. Januar 2017


Eine wirkliche Auseinandersetzung begnügt sich nicht damit, die andere Seite immer zu diskreditieren, zu verteufeln, als unfähig darzustellen. Ohne die Mühe der Differenzierung und ohne die Anstrengung des Begriffs können, liebe Schwestern und Brüder, die massiven Probleme unserer Welt nicht gelöst werden. Bloße Gefühle reichen nicht aus. Der Ruf allein nach Werten, zu denen die Kirche auch ein Wort zu sagen hat, greift meines Erachtens zu kurz, wenn sie nicht mit Verstand und Herz begründet werden können. Denn nur das ist menschenwürdig, was zugleich vernünftig und vom Herzen her anzunehmen ist. Und nur so gelingt uns die Auseinandersetzung mit allen fremden Kulturen, mit anderen Religionen und geistigen Strömungen.

Das Christentum hat sich von Anfang an als Religion des Logos, des Wortes, der Vernunft verstanden. Am Anfang war nicht das Chaos, keine Gefühlsduselei, kein Gemisch von Phantasie, willkürlichen Affekten, sondern das Wort, freilich ein Wort, das aus Gnade und Wahrheit besteht, ein Wort, das der Tiefe der Liebe Gottes entstammt. Und nur hier finden wir den Grund für Werte, für die geistigen Zusammenhänge, die dem Leben dienen und es nicht zerstören. […] Das Christentum, die Liebe und die Welt sind nicht postfaktisch. Wir leben aus Taten der Liebe, aus Hingabe, aus dem Faktum, dass Gott uns und die Welt gewollt hat, ja, noch immer will. Postfaktisch ist das Chaos und die Willkür, die Liebe ist Tat, sie ist das Faktum überhaupt.

Felix Genn, Bischof von Münster (in seiner Predigt zum Jahresabschluss 2016)

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