Wikipedia. Mitmach-Totalitarismus

4. Januar 2017


Bisher habe ich in meiner schier grenzenlosen Naivität immer gedacht, die sachlichen Mängel und die extrem tendenziösen Darstellungen in Wikipedia-Artikeln zu religiösen Themen, zu Glaubensfragen oder zur Katholischen Kirche seien einfach das Ergebnis einer tragischen Melange aus fehlender Sachkenntnis und allgemeiner, aber letztlich doch diffuser Abneigung. Dass System dahintersteckt, ja, sogar eines, das man geradezu totalitär nennen kann, ist für mich eine neue Erkenntnis und hebt meine Kritik an Wikipedia auf ein neues Niveau.

In einem öffentlich zugänglichen Nachrichtenaustausch offensichtlich hochengagierter Wikipedianer wird darüber diskutiert, welchen Umgang man mit religiösen Menschen pflegen sollte. Die Diskussion, die bereits im Herbst 2011 geführt wurde, liegt etwas disparat vor und hat sich wohl aus allgemeinen wikipediaspezifischen Angelegenheiten – um nicht Vereinsmeiereien zu sagen – entwickelt. Als Einstieg dient diese Einlassung (noch unter dem Label „Sie“, der Papst und sonstige „Frömmler“), die dann unter dem Betreff „Schläfer“ – „rigoros aufräumen“ – „stilllegen“ – „Erfassung“ religöser Gruppen/Personen verhandelt wird.

Es geht hoch her, fragt sich doch der Durchschnittswikipedianer, wie man gläubige Menschen, die bei der Mitmach-Enzyklopädie mitmachen wollen, daran hindern kann, genau dies zu tun. Da ist von „Schläfern“ die Rede (ein Begriff aus dem Anti-Terror-Kampf), von „Säuberungen“ (woher dieser Begriff kommt, muss ich wohl nicht näher erläutern), von „rigorosem Aussperren“. Damit das von Erfolg gekrönt ist, das weiß jeder Wikipedianer von Rang, muss man die schädlichen Elemente zunächst einmal „erfassen“. Damit gibt es offenbar Probleme, da bislang „nur ein kleiner Teil dieser Gruppen erfasst und vorerst stillgelegt wurde“ („Hubert“). Als an der totalitären Tonalität zarte Kritik aufkeimt, versetzt „Liesel“: „[S]o ist das nun mal. In jedem Krieg gibt es Kollateralschäden.“

Man ist geneigt, „Jawoll“ zu sagen, angesichts des Pathos im Überlebenkampf der aufrechten Wikipedianer gegen die Bedrohung durch Menschen, die sich nicht nur der Erfassung entziehen, sondern auch noch an Gott glauben. Das gehört sich schließlich nicht. Als Wikipedianer. Das ergab eine Studie der Arbeitsstelle im Studien- und Forschungsschwerpunkt „Medienrecht“ der Juristischen Fakultät an der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder).

Nach ihrer weltanschaulichen Selbstverortung gefragt, bekennen sich nur 4 der 56 Wikipedia-Administratoren, die an der Studie teilgenommen haben, als Katholiken. Das sind rund 7 Prozent, bei etwa 29 Prozent Katholiken in der deutschen Bevölkerung. Hinzu kommen 9 evangelische Wikipedia-Administratoren (16 Prozent, bei etwa ebenfalls etwa 29 Prozent Protestanten in der deutschen Bevölkerung).

Das bedeutet: Der Anteil der Christen liegt in den Reihen der Wikipedia-Administratoren bei etwa 23 Prozent und damit nicht einmal halb so hoch wie in der deutschen Bevölkerung (58 Prozent). Nimmt man Österreich und die deutschsprachige Schweiz noch hinzu, verschlechtert sich die Bilanz weiter. So genau brauchen wir es allerdings gar nicht. Fest steht: Christen sind unter den Wikipedia-Administratoren sehr stark unterrepräsentiert.

Andererseits kann man eingedenk der (höflich ausgedrückt) Stimmungsmache gegen Christen in der Wikipedia-Kommunität bzw. gegen gläubige Mitwirkende fast erstaunt darüber sein, dass sich immer noch einige bekennende katholische und evangelische Christen unter den Administratoren finden lassen. Einige unterwandern eben selbst noch das totalitärste System. Auch das ist Krieg.

(Josef Bordat)

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