Wikipedia-Doppelstandards

12. Januar 2017


Ein gutes Beispiel für die Doppelstandards der Wikipedia ist der Berlin-Artikel. Im Abschnitt „Religionen und Weltanschauungen“ findet sich zunächst ein Lobgesang auf die Humanisten. Tenor: Die tun was, erreichen die Jugend, haben Zulauf, sind die Zukunft, sind ganz toll.

Zu den beiden großen Kirchen, denen sich immerhin mehr als jeder Vierte in Berlin zugehörig fühlt, erfährt man vor allem dies: „Das Land Berlin zahlt der evangelischen Kirche jährlich 8.146.910 Euro und der römisch-katholischen Kirche 2.860.000 Euro Staatsdotationen (Stand: 2009).“ Steht dort. Einfach so.

Einfach so? Nun, ja. Fest steht: Es sieht für den unbedarften Wikipedia-Nutzer so aus, und genau das soll es vielleicht auch, als stopften sich die bedeutungslosen Kirchen Berlins die Taschen mit Staatsknete voll, während die einzig wirklich vitale Weltanschauung, der organisierte Humanismus, leer ausgeht. Denn ein Hinweis darauf, was denn die kurz zuvor genannten Humanistischen Verbände und Vereinigungen vom Land Berlin erhalten, fehlt gänzlich.

Dabei wäre das leicht zu recherchieren und sicherlich auch – der Ausgewogenheit wegen – ganz interessant. Aber es würde natürlich die Legende, allein die Kirchen profitierten vom Staat, ganz schnell als das entlarven, was sie ist: eine Legende.

Es wäre vielleicht nicht völlig uninteressant zu erfahren, dass der Humanistische Verband Berlin-Brandenburg zwischen 2011 und 2016 insgesamt über 9 Millionen Euro allein für die Durchführung seines außerschulischen Lebenskundeunterrichts (nicht zu verwechseln mit dem Pflichtfach Ethik) erhalten hat, im Schnitt jährlich 1,5 Millionen Euro. Vom Land Berlin. Kein schwarmintelligentes Wort darüber.

Ebenso kein Wort darüber, dass der Humanistische Verband Berlin-Brandenburg sein 50 Millionen Euro-Jahresbudget zu gut 80 Prozent von der öffentlichen Hand bezahlt bekommt (nicht nur vom Land Berlin freilich, sondern auch vom Land Brandenburg, den Kommunen, dem Bund und der EU). Dagegen sind die 11 Millionen Euro für die beiden Kirchen kaum der Rede wert.

Lustig auch, dass hier der (noch relativ hohe) Wert von 2009 genommen wird, obwohl wir schon im Jahr 2017 sind. Der Hintergrund: Die Staatsleistungen an die Kirchen liegen seitdem niedriger. Zwischen 2010 und 2015 waren es aus dem Land Berlin jährlich durchschnittlich nur noch 10,5 Millionen Euro. Noch cleverer wäre es allerdings, Werte aus der Mitte der 1990er Jahren zu nennen, als die Dotationen in Berlin noch über 12 Millionen Euro lagen.

Gleichzeitig stiegen die Zuschüsse für den Lebenskundeunterricht des Humanistischen Verbandes Berlin-Brandenburg von 1,36 (2011) auf 1,81 Millionen Euro (2016). Könnte man, schwarmintelligent wie man nun mal ist, als Trend durchaus ernst nehmen. Fairerweise muss man sagen, dass der Lebenskundeunterricht mit etwa 60.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern auch besser besucht ist als vor fünf Jahren – da waren es noch 50.000 Schülerinnen und Schüler.

Ohnehin sei den Humanisten die Staatsknete gegönnt. Was soll’s: Dafür ist der Staat ja da, Geld für Bildung, Kultur, Sport, Freizeitsgestaltung, Jugendarbeit etc. bereit zu stellen. Die weltanschauliche Ausrichtung ist dabei – Grundgesetzkonformität vorausgesetzt – zweitrangig. Das meint Neutralität des Staates, nicht aber, dass sich der Staat bei der Finanzierung weltanschaulicher oder religiöser Angebote ganz heraushalten soll, schon gar nicht, dass der Humanistische Verband Berlin-Brandenburg Geld bekommen soll, die Kirchen aber nicht. Man muss da schon konsequent sein.

Natürlich ergibt sich hier ein Verteilungskonflikt (Geld ist ein endliches Gut, zumal in Berlin) und jede Seite wirbt für sich und ihr Angebot. Das ist völlig in Ordnung. Dass die Wikipedia durch ihre Akzentuierung gezielt in eine Richtung Stimmung macht, ist hingegen nicht in Ordnung. Die wahren Zahlenverhältnisse sehen jedenfalls ganz anders aus als Wikipedia dies vermittelt. Doch was ein irrelevanter Blogger mit ein wenig Einsatz recherchieren konnte, ist für die Wikipedia – richtig: irrelevant.

(Josef Bordat)

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