Stimmung und Projektion

13. Januar 2017


Meinungsforscher, die Umfragen zu Wahlen durchführen, machen einen Unterschied zwischen der momentanen politischen Stimmung und dem tatsächlichen Wahlverhalten. So sind die heute veröffentlichten Ergebnisse der Forschungsgruppe Wahlen zur so genannten „Sonntagsfrage“ von höchster Bedeutung, sind es doch die ersten des Instituts in diesem besonderen Wahljahr und die ersten nach dem Terroranschlag vom 19. Dezember.

Demnach gibt es eine politische Stimmung in Deutschland, die der Union Rückenwind geben sollte: 40 Prozent sind demnach für diese Politikoption eingestimmt. Die SPD kommt bei der Stimmungslage auf 21 Prozent, die Grünen auf 10 Prozent, die FDP und die Linken auf jeweils 8 Prozent und die AfD auf 10 Prozent.

Daraus projezieren die Forscher für das tatsächliche Wahlverhalten folgendes: Die Union käme auf 36 Prozent (würde also jeden zehnten Wähler durch „längerfristige Bindungen oder taktische Überlegungen“ wieder verlieren), SPD und Grüne kämen exakt auf das Ergebnis des Stimmungsbarometers, die FDP würde zwei Prozent einbüßen und käme nur noch auf 6 Prozent, die Linke läge um ein Prozent höher bei 9 Prozent und die AfD käme auf 13 Prozent.

Das wiederum ist interessant, wird doch die AfD gerne als eine Partei gesehen, die zwar von Stimmungen profitiert, gerade dann, wenn diese ihrer Programmatik in die Karten spielen (und das tut ja die Debatte über innere Sicherheit und Migration, die nach dem Anschlag virulent ist), die dann aber, in Ruhe und bei Lichte betrachtet, doch nicht gewählt wird. Nun ist es aber so, dass die AfD laut Forschungsgruppe Wahlen aus „längerfristigen Bindungen oder taktischen Überlegungen“ dreißig Prozent mehr Menschen gewinnt als aus der momentanen Stimmungslage.

„Längerfristige Bindungen“ kann es bei einer Partei, die gerade einmal vier Jahre existiert, nicht geben. Aber welche „taktischen Überlegungen“ könnten bei der Wahl der AfD eine Rolle spielen? Doch wohl nur, dass mit einer AfD zwischen 10 und 15 Prozent Angela Merkel weiterhin Bundeskanzlerin bleibt, weil eine andere politische Möglichkeit als die Fortsetzung der Großen Koalition bei einem solchen Wahlergebnis nicht in Frage kommt. Dabei ist das erklärte Ziel der AfD: Merkel muss weg! Vielleicht sollte die Partei dies ihren Wählern noch mal deutlich sagen.

(Josef Bordat)

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