Kulturkampf, angesagter

16. Januar 2017


Ich muss einfach noch einmal auf queer.de zurückkommen. Ich möchte dort nicht aktiv werden, dafür ist mir die Gesamtausrichtung der dortigen Debatte zu wenig – sagen wir mal – dialogorientiert und daher zu wenig erfolgversprechen (mit „Erfolg“ meine ich in diesem Zusammenhang ein Minimum an Verständnis der Differenzen in der Position bei gleichzeitiger Achtung der Person). Außerdem: Wer würde schon mit einem Religioten diskutieren wollen? Geht das überhaupt, wenn sich der idiotes als Privatmann buchstäblich aus der Öffentlichkeit heraushält? Naja, lassen wir das. Altgriechisch. Kann ich – ehrlich gesagt – auch nicht wirklich.

So. Zur Sache. Ich hatte gestern die im Ergebnis doch sehr wohlwollende Rezeption eines Mordes durch die queer.de-Kommunität angesprochen.

Mittlerweile hat sich unter die bereits in diesem gestrigen Beitrag verarbeiteten Kommentare der Kommentar eines (vermutlich) Gastes gesellt, der sich in Inhalt und Form ziemlich deutlich von den bisherigen Kommentaren abhebt (ganze Sätze, nachvollziehbarer Gedankengang, gemäßigte Diktion usw.). Dieser Kommentar, der unter anderem zur Selbstreflexion aufruft (die Sache mit dem Splitter und dem Balken) bleibt natürlich seinerseits nicht unkommentiert. Ein Kommentator, der bisher dadurch aufiel, dass er den Mord an der 31jährigen Paderbornerin als einen Akt der „Notwehr“ bezeichnete, geht mehr oder weniger direkt auf den Gast-Kommentar ein. Und hier wird es nun interessant.

Zunächst der Kommentar im Zusammenhang:

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Gut. Dann gehen wir die Sache mal gemeinsam durch.

1.) man traut aus erfahrung religioten eine unfähigkeit ,leben und lebenlassen, zu!
Ist zwar jetzt grammatikalisch gegenüber der Standardschriftsprache etwas verfremdet, aber ich denke, ich verstehe, was gemeint ist: Ein Religiot spricht anderen Menschen das Existenzrecht ab. Darauf läuft die „unfähigkeit […] lebenlassen“ wohl hinaus. Nun ist es so, dass in dem Fall der ermordeten 31jährigen Paderbornerin der Sachverhalt etwas anders liegt. Nicht so wichtig? Na, dann weiter.

2.) Das grundprinzip religioter radikalität ist die zuordnung des eigenen sein wollens als „göttlicher“ urwille.
„zuordnung […] als“ – Grammatik scheint generell nicht so beliebt zu sein. Ansonsten muss ich zugeben: Auch hier kann ich nur raten, was gemeint sein könnte. Ich hoffe, ich rate richtig. Also, vielleicht so etwas wie: Der Religiot weiß, dass sein Wille dem Willen Gottes entspricht. Er macht sich also selbst zu Gott. Das wäre dann aber – aus Sicht des Religioten – eine ziemliche Blasphemie. Mir fällt auf, dass die dem Religioten unterstellte Selbstsicherheit gerade den großen Heiligen der Kirchengeschichte völlig fremd ist.

Ach, so: Die Differenz von Wille und Urwille Gottes sollen mal die Jesuiten klären.

3.) Wären die mit sich selbst zufrieden und würden sich auf ihre eigenen kreise beschränken statt „missionieren“ zu müssen, wären solche konflikte nicht vorhanden.
Das heißt dann jetzt aber wirklich: „Selber Schuld!“. Oder?

4.) Oder gibt es eine mission der homos gegenüber religioten?
Nein. Dem steht wohl der Hass „der homos“ auf „religioten“ im Weg. Merke: Wen ich überzeugen will, den darf ich nicht hassen. Im übrigen ist sexuelle Orientierung ja keine Weltanschauung mit Wahrheitsanspruch, die sich vermitteln ließe. Oder?

5.) Immer euer ding, eure übergriffigkeit!
Inwiefern ist Mission übergriffig? Ist Wahlwerbung übergriffig? Produktinformation? Veranstaltungshinweise?

6.) Hinter der scheinheiligkeit des helfen wollens, steht der frontale unterwerfungsanspruch.
Bitte bis Ende des Monats lesen: Ratzinger, Josef – Einführung in das Christentum. Gut, meinetwegen: Küng, Hans – Christ sein. – Ja, ja – ich weiß.

7.) Mir ist deine/ andere religiösität schnurzpiep egal
Also, ich weiß nicht… Mir ist zum Beispiel Synchronschwimmen „schnurzpiep egal“. Und nur selten – sehr selten – äußere ich mich entsprechend zum Wesen des Synchronschwimmens und dem (mutmaßlichen) Willen von Synchronschwimmerinnen. Eben weil es mir „schnurzpiep egal“ ist. In dem Fall, dass eine Synchronschwimmerin mir etwas von ihrem Sport erzählte, in der Absicht, mich davon zu überzeugen, dass es gut sei, wenn ich bei den nächsten Olympischen Spielen in Tokyo nachts extra aufbliebe, um „Synchronschwimmen Gruppe, Qualifikation“ zu gucken, empfände ich das als alles mögliche – aber nicht als „übergriffig“.

8.) egal ist mir nicht, wenn andere meine haltung weder akzeptieren noch tolerieren und dies hinter dem begriff „religionsfreiheit& wahrheitssuche“ zu kaschieren suchen!
Das ist nun wieder etwas, dem man sich wirklich auch ernsthaft widmen kann und sollte. Hier geht es um die Differenz von Position und Person. Diese Unterscheidung gilt es als dialogermöglichend (neu) zu vermitteln. Auch der Übergang von Akzeptanz zu Toleranz, der hier sehr flüssig erscheint, ist ein fundamental entscheidender, setzt doch Toleranz (Duldung) gerade erst da ein, wo Akzeptanz (Achtung) endet. Wir tolerieren gerade das, was wir nicht akzeptieren können (Habermas). Toleranz ist das Mindestmaß an Haltung gegenüber Andersdenkenden. Wer Toleranz verweigert, stellt Existenz in Frage. – Ich darf hier nochmal an den Fall erinnern, der überhaupt erst zu der Diskussion geführt hat. Prüfungsfrage: Auf welcher Seite liegt dort die Intoleranz?

9.) Dann ist kulturkampf angesagt!
Und der „kulturkampf“ schließt Mord als „Notwehr“ ein, wenn und solange das Opfer ein_e „Religiot_in“ ist? Ist eine Frage – aber doch nicht ganz aus der Luft gegriffen, schließlich ging es ja genau darum. Im übrigen ist schon interessant, dass man Mission als „übergriffig“ ablehnt, den Kulturkampf aber proaktiv zu führen bereit ist.

Naja. Ich muss nicht immer alles verstehen. So als Religiot.

(Josef Bordat)

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