Un-fass-bar

16. Januar 2017


Oder: Wie kann ein Tierfreund so menschenfeindlich sein?

Zu den eher unangenehmen Pflichten eines katholischen Autors mit der Absicht, ein kirchenhistorisches Manuskript zu erstellen, gehört es, sich auch Angebote anderer Provenienz genau anzuschauen und kirchenkritische Stimmen aufmerksam zu hören. Unangenehm ist das deshalb, weil es einerseits tatsächlich die Fehler und Schwächen der Kirche völlig ungeschönt vor Augen führt, zugespitzt, einseitig und übertrieben, gleichwohl aber oftmals nicht grundsätzlich abzustreiten, was weh tut, wenn man, wie ich, zur Kirche gehört, gerne und überzeugt katholisch ist, zum anderen, weil die Recherche einen oft genug auch auf ausgesprochen unsachliche, fehlerbehaftete und gehässige Texte bringt, die sensible Gemüter wie mich ziemlich fassungslos zurücklassen.

Bei meiner letzten Recherche stieß ich auf Herrn Stößer. Ich möchte hier von diesem Menschen nichts verlinken, zumal ich nicht sicher bin, ob einige Inhalte der Seiten, für die Herr Stößer verantwortlich zeichnet, nicht doch zumindest einen Anfangsverdacht der Strafbarkeit rechtfertigen. Ich sehe als juristischer Laie den Tatbestand der Volksverhetzung zumindest dort erfüllt, wo Herr Stößer ziemlich unmissverständlich über religiöse Menschen urteilt und Umgangsformen vorschlägt, die nicht ohne weiteres problemlos unter den Würdebegriff von Artikel 1 Grundgesetz subsumierbar sind.

Um einen kleinen Eindruck zu bekommen, was und vor allem wie Herr Stößer denkt, eignet sich zum Einstieg ein Interview zu seiner veganen Ernährungsweise im Deutschlandradio, in dem sich eine durchaus als selbstsicher zu bezeichnende Positionierung („Ja, also eine Seele per se existiert ja ohnehin nicht“) und eine wohl eher unfreiwillig ans Komische grenzende Diktion („Vegetarier sind genauso Mörder wie alle Unveganer“) recht munter abwechseln und in Summe ein ziemlich rätselhaftes Bild ergeben: Einerseits ist das, was Herr Stößer sagt, nicht unbedingt nachvollziehbar, wenn man Dinge wie Venunft, Moral, Toleranz, Umgangsformen, Sprachrichtigkeit usw. ernst nimmt, andererseits ist das immerhin Deutschlandradio Kultur, in dem Herr Stößer Dinge sagen darf wie: „Nicht-vegane Freunde habe ich nicht, nein, also ich habe beispielsweise auch keine Rassisten als Freunde. Das würde mir einfach nicht liegen, mit Menschen, die Tiere umbringen, um sie beispielsweise aufzuessen, befreundet zu sein“. Kultur in Deutschland? Oder Radio Gaga?

Herr Stößer möchte Tiere befreien und Menschen einsperren, soweit sie es wagen, eine andere Meinung zu haben als er, der Herr Stößer. Ein religiöser Mensch gehört für Herrn Stößer hinter Gitter oder in die Psychiatrie. Denn: Religion ist Wahn, der religiöse Mensch ein Wahnsinniger. Eines muss man dem Herrn Stößer lassen: Er denkt die Dinge konsequent zuende. Als seinen Lebenstraum sieht er eine nicht nur von allem, sondern auch von allen Religiösen befreite Welt. Er spricht deutlich aus, was andere schamhaft verschleiern: Wer eine Welt ohne Religion will, muss die religiösen Menschen aus dem Weg schaffen. Alle. Das ist das vorläufige Ergebnis der Lektüre seiner Internetseiten und Foren, in denen es um Tierrechte geht. Um Menschenrechte weniger. Auch, wenn Menschen in den Augen Herrn Stößers Tiere sind. Aber groß mit Logik zu kommen und hier auf das Problem der inhärenten Widersprüchlichkeit von Aussagen hinzuweisen – ich weiß es nicht. Zumal, wenn der, um den es dabei als Adressat gehen soll, Dinge sagt wie: „Es gibt weder rosa unsichbare Einhärner noch einen der christlichen Götter“. Druckfehler inklusive. Aber das ist wohl das geringste Problem. Beim Herrn Stößer.

Freilich kann man sagen: Bordat, kümmere dich um wichtigere Dinge! Gut, mache ich ab morgen auch wieder. Versprochen. Aber dennoch möchte ich das einfach mal zu den Akten geben: Es ist möglich, eine deutschsprachige Internetseite (suchen Sie einfach nach Achim Stößer und Antitheismus) zu betreiben, auf der Texte stehen, die nicht nur drei sachliche Fehler in jedem Satz verzeichnen (darauf im einzelnen zu reagieren, birgt dann doch die Gefahr einer Überschreitung des für Recherchearbeiten eingeplanten zeitlichen Rahmens), sondern auf der zudem gesagt wird, „dass, so dumm Beten auch ist […], zum Gebet gefaltete Hände wenigstens in diesem Moment keine Kinder misshandeln können“. Und: „Die Gülle, die sie [religiöse Menschen, J.B.] in die Köpfe der Kinder füllen, ist ein Nährboden für die grausamsten denkbaren Verbrechen. Kinder müssen vor solchen Wahnsinnigen geschützt werden. Aber wie?“ Tja, wie schützt man sonst Kinder vor Menschen mit Psychose? Hm? Ideen?

Herr Stößer erklärt: „Theismus ist eine Psychose (auch wenn die ‚Verhaltensänderung‘, da Theismus meist durch kindliche Indoktrination verursacht wird, kaum erkennbar sein dürfte, da sich das Verhalten in dem Alter ohnehin ändert). Und, das kann nicht oft genug gesagt werden, mindestens eine der, wenn nicht die, gefährlichste(n) Psychosen.“ – „Auf der anderen Seite“, so ein Teilnehmer in dem von Herrn Stößer betriebenen Forum, „nimmt es den Gläubigen irgendwie etwas von der Verantwortung für ihre Verbrechen, wenn ihr Verhalten ’nur‘ eine Psychose ist“. Nicht, dass sich da die Gläubigen einst noch wegen Schuldunfähigkeit vor der Lagerhaft drücken können!

Zurück zu den Schutzmaßnahmen. Die sind bitter nötig. Immerhin ist „Kinder mit Religion zu indoktrinieren“ in Herrn Stößers Hirn gleichbedeutend mit „Babys pürierten Leichenbrei einflößen oder Säuglinge mit Pocken infizieren und darauf hinweisen, sie könnten später ja vegan werden bzw. sich medizinisch behandeln lassen“. Herr Stößer erklärt daher zudem: „Schulen dürfen nicht weiterhin Kinder mit religiösen Wahnvorstelllungen vergiften, vielmehr müssen sie über die Realität auch der Religion aufklären: über Kreuzritter und Konquistadoren im Geschichtsunterricht, Ursachen von Psychosen wie der Religion in Psychologie und über ‚Boko Haram‘ oder den ‚Islamischen Staat‘ im Politikunterricht“. Weiterhin: „Abgeschafft werden muss, so befremdlich dies zunächst klingen mag, auch die sogenannte Glaubensfreiheit. Denn um die Freiheit, etwas zu glauben, geht es dabei nur vorgeblich“. Das ist – elegant gelöst. Und die Zukunft entsprechend rosig: „Dann gibt es in wenigen Jahrzehnten keine religiösen Terroranschläge mehr, von seltenen Fällen, in denen der religiöse Glaube durch beispielsweise einen Gehirntumor verursacht wird, abgesehen. Aber auch das wird irgendwann heilbar sein.“ Herrn Stößers schöne religionsbefreite Welt, „irgendwann“ auch ohne glaubensverursachende Gehirntumore.

In dieser Welt lässt es sich dann prima leben. Der Religionsunterricht ist abgeschaffen, die Gläubigen sind weggesperrt, die Welt ist endlich sicher. Und hier lässt es sich sterben. „Wie und wo möchten Sie sterben?“, wird Herr Stößer in einem Interview gefragt. Antwort: „Durch das gezielte Attentat eines der wenigen noch lebenden, aus der Psychiatrie ausgebrochenen Gläubigen – in einer von Menschen erbauten Stadt auf dem Jupitermond Europa.“

Ja, das ist wirr. Und: Nein, das muss man jetzt nicht allzu ernst nehmen. Doch gerade vor dem Hintergrund des Freiburger Mordfalls reagiere ich auf die stolze Ankündigung, etwas sei anti-theistisch motiviert, und auf die irritationslos vorgetragene Ambition, die Welt von Religiösem/n zu befreien, etwas aufmerksamer und wohl auch dünnhäutiger als sonst. Das mag man mir vielleicht nachsehen, zumal der Freiburger Mordfall auf der Seite des Herrn Stößer im Grunde so etwas wie eine best practice im Umgang mit religiösen Menschen abgeben könnte. Wenn ich Herrn Stößer richtig verstehe. Das mit dem Verstehen des Herrn Stößer, das fällt mir aber etwas schwer.

Fazit einer Recherchenacht: Unfassbar.

(Josef Bordat)

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