Wannseekonferenz

20. Januar 2017


Heute vor 75 Jahren fand die Wannseekonferenz statt. Auf dieser Tagung beschlossen deutsche Politiker und Beamte die „Endlösung der Judenfrage“ – die Vernichtung des jüdischen Volkes mit modernsten Methoden. Technisiert, automatisiert. Die Frage ist seitdem, wie es dazu kommen konnte. Kam diese Idee aus dem „Nichts“? Ist sie eine „Singularität der Geschichte“? Ein „Rückfall ins Mittelalter“? Eine „Barbarei“? Oder eine quasi-logische Konsequenz aus dem „Projekt Moderne“? Und damit ein Vorgang, der sich immer und überall wiederholen kann?

Letzteres sagt der vor wenigen Tagen verstorbene Philosoph und Soziologe Zygmunt Bauman in seinem Buch Modernity and the Holocaust (1989), das 2002 in der deutschen Übersetzung erschien: „Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust“. Baumans fast schon triviale These lautet: „Der Holocaust wurde inmitten der modernen, rationalen Gesellschaft konzipiert und durchgeführt, in einer hochentwickelten Zivilisation und im Umfeld außergewöhnlicher kultureller Leistungen: er muß daher als Problem dieser Gesellschaft, Zivilisation und Kultur betrachtet werden.“

Beim zweiten Lesen offenbart sich die Dramatik dieser Worte, die alle gängigen und in gewisser Weise beruhigenden Erklärungen beiseite schieben: Kein Rückfall in die Barbarei, dem man mit Fortschritt begegnen könnte, nein: der Fortschritt ist selbst Teil des Schreckens. Kein deutsches Problem, nein: ein Problem der modernen Zivilisation. Kein jüdisches Thema, nein: ein globales Thema. Keine Singularität, nein: jederzeit und überall wiederholbar. Die Schoah, so Bauman, ist ein ganz „normaler Vorgang“, ein „Ausdruck der Moderne“.

Eine geradezu ungeheuerliche These, die jedoch besticht, im Gegensatz zu vielen anderen Erklärungen, die das Ereignis weit von uns weg schieben. Dadurch, dass wir die Schoah als Teil unserer Kultur verstehen (und nicht als Resultat perversen Wahnsinns einiger Fanatiker, die längst tot sind), dadurch (und nur dadurch) kann und wird es uns gelingen, künftige Fehlentwicklungen rechtzeitig zu erkennen und Schlimmeres zu verhindern.

Die Schoah, so Bauman in seiner sprachlich und argumentativ glasklaren Analyse, ist kein „gerahmtes Bild an der Wand, das von seiner Umgebung sauber getrennt ist und mit dem Rest des Mobiliars nichts zu tun hat“, sie ist Teil der Wohnung, in der wir leben. Die Schoah ist keine „Unterbrechung des normalen Ganges der Geschichte, ein Krebsgeschwür am Körper der zivilisierten Gesellschaften, ein Fall von Wahnsinn inmitten gesunder Verhältnisse“, sie ist Teil unseres Körpers wie eine Hand, die man öffnen und ausstrecken, die man aber auch zur Faust ballen kann.

Es geht nach Bauman darum, die inhärente Korrumpierbarkeit des Systems zu erkennen und zu bändigen. Dazu gehört freilich zunächst, sich diese einzugestehen. Das ist unbequem. Einfacher ist es, Korruption als Ganzes vom System zu trennen und dieses theoretisch zu immunisieren. Wenn dann was passiert, lag es nicht am System. Und alles, zumindest vieles, kann weitergehen wie bisher.

Nach Bauman führt diese Denkweise direkt in die nächste Katastrophe. Paradoxerweise umso schneller, je stärker man sich unter Hinweis auf die Vorzüge des Systems und unter Verkennung ihrer Ambivalenz über jeden Zweifel erhebt. Wir sind modern bedeutet dann schlicht: Wir sind gut. Garantieinstanzen der moralischen Überlegenheit sind „Rationalität“ und „Fortschritt“. Die Anfälligkeit der Konzepte für Überdehnungen wird mit Blick auf die Genese der Moderne aus dem Geist von Rationalität und Fortschritt verdrängt. Und „modern“ hieß ja: „gut“. Ein Teufelskreis.

Wir müssen die Herausforderung der Ambivalenz unserer modernen Zivilisation annehmen, um die Gräuel der Geschichte nicht zu wiederholen. Besondere Aufmerksamkeit verdient der wissenschaftlich-technische Fortschritt, von dem wir alle profitieren, der aber wie kaum ein anderer Fortschritt innerhalb der Gesellschaft geeignet ist, für Grausamkeit missbraucht zu werden.

Bauman erinnert daran, dass es Wissenschaftler wie der Biologe Erwin Baur und der Anthropologe Martin Stämmler waren, die den Nazis auf die Sprünge halfen: „Die Aufgabe besteht darin, das Volk vor der Überwucherung mit Unkraut zu schützen.“ Prinzipien der Tier- und Pflanzenzucht wurden auf die Sozialpolitik und schließlich auf die „Judenfrage“ angewandt, die „gelöst“ werden sollte. Motto: Das „Unkraut“ muss weg. Moderne wissenschaftliche Erkenntnisse der Genetik garantierten ein modernes politisches Programm.

Bauman schreibt über die enge Verknüpfung von Forschung und Politik in der Nazi-Zeit folgendes: „Geraume Zeit, bevor sie die Gaskammern bauten, betrieben die Nazis auf Geheiß Hitlers die Vernichtung ihrer geistig und körperlich behinderten Landsleute durch den infam als ,Euthanasie’ bezeichneten ,Gnadentod’. Gleichzeitig plante man, eine überlegene Rasse zu züchten durch organisierte Vermehrung (Eugenik) rassisch hochwertiger Frauen und Männer. So wie diese Projekte war auch der Mord an den Juden eine Maßnahme rationaler Gesellschaftsplanung, ein Versuch, die Grundsätze und Regeln angewandter Wissenschaft systematisch für diesen Zweck einzusetzen.“ Den Rest der Geschichte kennen wir.

Allenfalls die Kirche, in Gestalt des Münsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen, wagte es, dieser mörderischen Moderne etwas entgegenzusetzen. In ihrer Fundamentalkritik diagnostiziert sie ausgehend von der Würde und dem Lebensrecht jedes Menschen das zu Grunde liegende Problem sehr gut, während andere Widerständler vor allem eine andere Moderne wollten, in der andere Menschen zu Opfern werden. Ansonsten liefen die „Projekte“ der Nazis größtenteils reibungslos. Wer ist schon gerne unmodern?

Das historische Beispiel der Schoah sollte uns mahnen, die Moderne mit offenen Augen zu betrachten, damit wir als Kinder der Moderne dem Selbstbetrug wehren, ihre negativen Seiten abzuspalten und „vormodernen“ Phänomenen zuzuschreiben, die es – eben durch „Rationalität“ und „Fortschritt“! – zu überwinden gelte. Statt dessen sollten wir mit kritischem Geist die Bedingungen der Moderne und ihre Konsequenzen ergründen, damit die „Normalität des Bösen“ nie wieder den Raum einnimmt, den ihr unsere wissenschaftlich-technische Zivilisation nolens volens bietet.

Die Themenfelder, auf denen sich die „Normalität des Bösen“ heute ausbreitet, liegen gut ersichtlich vor uns: Die Fortschritte in Biologie und Medizin werfen in einer völlig neuen Art und Weise Fragen auf nach dem Leben und der Würde des Menschen. Hier gilt es, wachsam zu sein und der Renaissance einer Denkweise, die „Selektion unwerten Lebens“ für modern (also: „gut“) hält, klar und deutlich entgegenzutreten. Hier gilt es, entschieden unmodern zu sein. Angesichts mancher Mode sollte das Moralin, das uns „modern“ einimpfen soll, keine Wirkung haben.

Muss ich erwähnen, dass damit keiner plumpen Vergangenheitsverklärung das Wort geredet werden soll? Dass es nicht darum geht, die vielen Segnungen der Technik und die großen Leistungen der Wissenschaftler zu leugnen? Dass es auch nicht meine Absicht ist, die Phänomene selbst zu vergleichen, sondern die Mentalitäten, die sie jeweils ermöglichen? Ich glaube nicht. Denn wenn ich es erwähnen müsste, wäre in der Wahrnehmung des Zeitgeistes aus Kritik an der wissenschaftlich-technischen Moderne längst eine feindselige Einstellung gegenüber einem „alternativlosen“ Programm geworden und die Moderne mithin selbst zur Ideologie erstarrt, auf deren Insignien „Rationalität“ und „Fortschritt“ man rückhaltlos schwören müsste.

(Josef Bordat)

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