Weltgebetswoche

22. Januar 2017


Vom 18. bis 25. Januar findet jährlich die Weltgebetswoche für die Einheit der Christen statt. Diese kann am besten als „Einheit in der Vielfalt“, oder: in „versöhnter Verschiedenheit“ beschrieben werden. Das ist nicht viel, aber viel mehr geht nicht.

Es gibt grundsätzlich unterschiedliche Erwartungen und Vorstellungen, was christliche Ökumene ist bzw. sein könnte. Die Positionen gehen von „friedlicher Koexistenz“ bis hin zur vollen Einheit der Kirche. Auch nach der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre (1999) kann kein Zweifel bestehen: Bis dahin, also zur Einen Kirche, ist es noch ein weiter Weg. In den „Knackpunkten“ des interkonfessionellen Gesprächs (Abendmahl, Kirchenbegriff, Amtsverständnis) ist die ökumenische Bewegung arg ins Stocken geraten.

Es gibt aber keinen Grund zur Verzweiflung, sondern allen Grund zur Hoffnung, zumindest, was die „Einheit in der Vielfalt“ als „versöhnte Verschiedenheit“ betrifft, denn wir wissen Jesus in unserer Mitte. Wir teilen den Glauben an Christus als Erlöser. Das ist die Basis, unter der kein Christ, sei er katholisch, evangelisch oder orthodox, abtauchen kann. Mehr zu erwarten wäre falsch, denn die Verschiedenheit der Deutung des Begriffs „Erlösung“ ist schon zu groß.

Ökumenische Einheit kann man nicht herbeiführen, indem man in Beliebigkeit verfällt. Dies widerspräche der Tatsache, dass es sich beim christlichen Glauben in seiner katholischen, evangelischen und orthodoxen Variante um ein System fester Überzeugungen handelt, die den Anspruch haben, wahr zu sein. Wahrheit ist eine ernste Angelegenheit, die man nicht der Relativierung anheim stellen darf. Ungeduld, Aktionismus, überzogene Forderungen, Polemik, aber auch ein „Bad in Harmoniesoße“ (der frühere ZdK-Präsident Meyer) hemmen den Dialog eher als dass sie ihn förderten.

Wer vorschnell eigene Positionen aufgibt, nur um in der Ökumene „weiter“ zu kommen, erkennt nicht, dass damit jeder Wert des Fortschritts verloren geht. Es muss gelingen, nach einem ökumenischen Schritt sich und Andere weiterhin ernst nehmen zu können. Einheit darf nicht um den Preis des Identitätsverlusts zu erzielen versucht werden.

Die vielbeschworene Formel der „Einheit in der Vielfalt“ kann zudem nur dann verfangen, wenn die Unterschiede der gemeinsamen Orientierung nicht im Wege stehen. Bei einigen Fragen ist das leider so. Wenn wir uns im Geiste Gottes um den Herrn versammelt wissen, schrumpfen liturgische, theologische und ekklesiologische Differenzen. Andererseits werfen diese Differenzen die Frage auf, ob die Versammlung überhaupt noch „im Geiste Gottes“ und „um den Herrn“ stattfindet. Die Vielfalt zeigt mithin schnell die Grenzen der Einigungsbemühungen auf und es stellt sich damit nicht nur deutlich die Frage, wie viel Einheit möglich, sondern wie viel Einheit überhaupt nötig ist.

Es bleibt dabei: Ökumenischer Dialog bedeutet Streit der vielfältigen christlichen Annäherungen an Gott. Dieser Streit ist konstruktiv, soweit er das Ziel – so viel gemeinsam getragene Einheit wie möglich – nicht aus dem Auge verliert und sich der Basis bewusst bleibt: des Glaubens an Jesus Christus.

Das Wort von der „versöhnten Verschiedenheit“ beschreibt damit wohl den Zustand der Ökumene derzeit am besten. Wer von Ungeduld getrieben ist und mehr will, wird am Ende mit weniger dastehen. Auch Großereignisse wie der Ökumenische Kirchentag können nicht dauerhaft über inhaltliche Differenzen hinwegtäuschen. Aber sie können Felder markieren, die gemeinsam bestellt werden können.

Die Frage einer gerechten Wirtschaftsordnung und einer Lebensweise, die im Einklang mit der natürlichen Umwelt steht, gehören als Kernthemen christlicher Spiritualität sicherlich dazu. In der Option für die Armen und dem Bemühen um die Bewahrung der Schöpfung gibt es längst lebendige Ökumene. Und: Lebendige Ökumene gibt es vor allem an der Basis, wo es die persönlichen Beziehungen sind, die die Einheit ermöglichen und die Gemeinschaft tragen.

Vieles ist in Deutschland nur noch (oder zumindest: viel besser) ökumenisch möglich, zumal in Berlin. Von der gemeinsamen Party der Studierendengemeinden über Chöre und Suppenküchen bis hin zur Formulierung gesellschaftspolitischer Positionen. Wenn der christliche Glaube in der Berliner Republik noch Gehör finden will, muss die Gemeinde Jesu mit einer Stimme sprechen. Es bleibt abzuwarten, ob und wie sich dies in den kommenden Debatten realisieren lässt.

(Josef Bordat)

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