Luther. Der gescheiterte Superstar

27. Januar 2017


Wenn es in diesem Jahr ein Dauerthema für die christliche Publizistik gibt, dann die Reformation, deren Beginn sich zum 500sten Mal jährt. Angesichts des Gedenkens ist die Flut an Neuerscheinungen zum Thema und dessen prominenten Urheber, Martin Luther, bereits Ende Januar kaum zu überblicken. Hier gilt es, die Orientierung zu behalten und das Lesenswerte hervorzuheben.

Zu den lesenswerten Neuerscheinungen zählt das von Media Maria herausgebene Buch Martin Luther. Eine Reise an den Ursprung der Reformation des Fundamentaltheologen Richard Niedermeier. Mehr als eine Biographie, aber auch mehr als eine historisch-theologische Abhandlung, liegt das Luther-Buch Niedermeiers von der Anlage her zwischen Narration und Analyse. Der Verfasser versucht so, die wechselweisen Beziehungen zwischen Leben und Lehre Luthers aufzuspüren, um zu einem besseren Verständnis der Reformation zu gelangen.

Dieses Verfahren ist sicher nicht neu, gerade im Fall Martin Luthers nicht, doch nur selten gelangt es so souverän zur Anwendung und nur selten resultiert daraus eine derart ertragreiche Abhandlung. Die biographischen (Elternhaus und Ausbildung), aber auch die ideengeschichtlichen (Humanismus, insbesondere Erasmus von Rotterdam) und zeithistorischen (der blühende Ablasshandel nach 1507) Einflüsse auf den heranreifenden Reformator werden miteinander verzahnt und ergeben so ein Gesamtbild, das verstehen lässt, weshalb Luther 1517 seine Thesen formulierte (ob er sie tatsächlich am 31. Oktober an die Tür der Wittenberger Schlosskirche geschlagen hat, bezweifelt auch Niedermeier – er spricht von einer „Legende“).

Dennoch steht fest, dass die 95 Thesen sich rasch verbreiteten und einen großen Einfluss hatten. Weitere Schriften folgten: die Resolutiones und der Sermon von Ablass und Gnade aus dem Jahr 1518 und die zwei Jahre später erschienen „vier Hauptschriften der Reformation“, die für den „öffentlichkeitswirksamen Durchbruch seiner Lehre“ sorgten: Sermon von den guten Werken, An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung, Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche und Von der Freiheit des Christenmenschen. Dem Verfasser gelingt es, in aller gebotenen Kürze einen fundierten Überblick über diese Schriften zu verschaffen.

Ausführlich geht Niedermeier auf das Verhältnis Luthers zum Papsttum ein, das er mit „radikale Ablehnung“ treffend beschreibt. Er legt dar, woher diese Aversion kam und wie sie auf Luthers Theologie zurückwirkte. Die Stationen der diplomatischen Bemühungen – vom Augsburger Verhör (1518) bis zum Wormser Reichstag (1521) – um eine Einigung zwischen Papst und Reformator werden so unterhaltsam wie möglich aufgelistet, ohne dabei oberflächlich oder polemisch zu werden.

Niedermeiers Fazit ist ernüchternd: Luther wurde den Erwartungen seiner Zeit nicht gerecht, weder politisch (als „Befreier der deutschen Nation“), noch ekklesiologisch (als Gegner des Papsttums), weder philosophisch (als Überwinder der aristotelisch-thomistischen Scholastik), noch theologisch (mit einer neuen Glaubenslehre). Am Ende bleibt festzuhalten, was Martin Luther wirklich war: „Ausgangspunkt neuer Spaltungen“, im Zuge derer er selbst immer mehr in den Hintergrund rückte, lediglich noch bemüht, „die Zerfallskräfte seiner reformatorischen Bewegung zu bändigen“.

Dass dies nicht nur misslang, sondern dass sich die „Zerfallskräfte“ im weiteren historischen Ablauf der Dinge geradewegs zu Zentrifugalkräften entwickelten (man denke an das 19. Jahrhundert, in dem praktisch alle paar Jahre eine neue Gemeinschaft entstand, die den Anspruch erhob, wahre Nachfolgerin der lutherischen Ideen zu sein), das wissen wir heute, 500 Jahre später. Richard Niedermeier kommt das Verdienst zu, es einmal so offen und deutlich ausgesprochen zu haben.

Bibliographische Angaben:

Richard Niedermeier: Martin Luther. Eine Reise an den Ursprung der Reformation.
Illertissen: Media Maria 2017.
192 Seiten, € 17,95.
ISBN 978-3-9454012-6-2.

(Josef Bordat)

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