Der begründete Einzelfall

1. Februar 2017


Amoris laetitia (zu deutsch: „Die Freude der Liebe“) ist ein Schreiben von Papst Franziskus vom April 2016, in welchem der Heilige Vater die Ergebnisse der Weltbischofssynoden von 2014 und 2015 zur Erneuerung der kirchlichen Ehe- und Familienlehre und -seelsorge zusammenfasst. Dabei geriet schnell eine Frage ins Zentrum der moraltheologischen Debatte: Darf und soll wiederverheirateten Geschiedenen der Zugang zu den Sakramenten ermöglicht, insbesondere Empfang der Heiligen Kommunion erlaubt werden?

Im Streit um diese Frage haben sich die deutschen Bischöfe nun für eine größere Offenheit in begründeten Einzelfällen ausgesprochen: „Eine Entscheidung für den Sakramentenempfang gilt es zu respektieren“, heißt es entsprechend in einem mit Spannung erwarteten Bischofswort zu Amoris laetitia, das die Deutsche Bischofskonferenz am 23. Januar verabschiedet und heute veröffentlicht hat. Es trägt den etwas sperrigen Titel „‚Die Freude der Liebe, die in den Familien gelebt wird, ist auch die Freude der Kirche‘ – Einladung zu einer erneuerten Ehe- und Familienpastoral im Licht von Amoris laetitia“.

Mit diesem Papier gehen die deutschen Bischöfe wieder einmal weiter als die Hirten in anderen Teilen der Welt. Sie setzen gewissermaßen die Tradition fort, die mit der Königsteiner Erklärung (1968) begann.

Zentral ist in allen Debatten immer wieder ein Begriff: Gewissen. Auch heute betonen die Bischöfe wiederum, dass es keinen „Automatismus in Richtung einer generellen Zulassung aller zivilrechtlich wiederverheiratet Geschiedenen zu den Sakramenten“ gebe, sondern dass dies eine Gewissensentscheidung sei. Der Gewissensentscheidung müssten eine ernsthafte Prüfung und ein von einem Seelsorger begleiteter geistlicher Prozess vorausgehen. An dessen Ende stehe „nicht in jedem Fall der Empfang der Sakramente von Buße und Eucharistie“.

Es geht also wieder um eine Gewissensentscheidung, die sich gegen eine Norm richtet – und durchdringt. Damit setzen die deutschen Bischöfe die durch das Zweite Vatikanische Konzil begonnene Stärkung des Gewissenskonzepts in der katholischen Morallehre fort.

Dabei ist das mit dem Gewissen schon so eine Sache. Im Gewissensgebrauch trifft die subjektive Perspektive des Individuums (also: des Gläubigen) auf die objektive Normativität der Gemeinschaft (also: der Kirche). Während aus dem Blickwickel des Subjekts Beliebiges erkannt werden kann und der Gewissensgebrauch damit in einen „So sehe ich das!“-Relativismus herabzusinken droht, der Authentizität und persönliches Wohlergehen zu den alleinigen Kriterien von Moral macht, kann die objektive Ordnung durch zu starke Verbindlichkeit jeden Spielraum eigener Verantwortungsübernahme des Einzelnen zunichte machen.

Wird der Gewissensgebrauch im Subjektivismus durch Relativität und fehlende Verbindlichkeit in Bezug auf die objektive Norm- und Wertordnung in seiner Unberechenbarkeit zur Gefahr für die Allgemeinheit, so wird er im Objektivismus vom Vorrang der Normativität im Keim erstickt. Polemisch gesagt: Das subjektivistisch formierte Gewissen ist zu allem fähig, das objektivistisch eingefasste Gewissen zu nichts zu gebrauchen.

Wenn also in der Moraltheologie vom Gewissen die Rede ist, steht auf der einen Seite die Furcht vor Willkür und Anarchie, vor einem losgelösten Individuum, das die Fähigkeit verloren hat, sich überhaupt noch an allgemeine Werte und Normen zu binden, auf der anderen Seite der Vorwurf, das Gewissen werde in seiner Fähigkeit zur Kritik der Werte und Normen unterschätzt, gerade dadurch, dass man es zu sehr auf eben diese Werte und Normen festlegt.

Auf der einen Seite scheint zu gelten: Wenn wir das Gewissen nicht mehr an objektiven Maßstäben messen, sondern dem Einzelnen überlassen, hat jeder die Chance, durch entsprechende Gewissensbildung ein „gutes Gewissen“ zu bekommen, auf der anderen Seite scheinen die objektivistischen Forderungen das Gewissen zu überfrachten und zu lähmen.

Das weiß Franziskus natürlich – und holt in Amoris laetitia das Konzept genau in dieser Spannung ab. Er meint: „Wir sind berufen, die Gewissen zu bilden, nicht aber dazu, den Anspruch zu erheben, sie zu ersetzen“ (Nr. 37). Genau darum geht es. Weiterhin zitiert Franziskus die einschlägigen lehramtlichen Texte, in denen das Gewissen eine Rolle spielt, um es als „die verborgenste Mitte und das Heiligtum im Menschen, wo er allein ist mit Gott, dessen Stimme in diesem seinem Innersten zu hören ist“ zu definieren (Nr. 222; nach Gaudium et spes, Nr. 16).

Das eigentliche Problem liegt nach Franziskus demnach nicht im Gewissensgebrauch, sondern in dem, was wir fälschlicherweise dafür halten: „Um gut zu handeln, reicht es nicht, ’sachgemäß zu urteilen‘ oder ganz klar zu wissen, was man tun muss – obschon das vorrangig ist. Oft sind wir inkonsequent mit unseren eigenen Überzeugungen, selbst wenn diese gefestigt sind. Sosehr unser Gewissen uns ein bestimmtes moralisches Urteil eingibt, haben hin und wieder andere uns anziehende Dinge mehr Macht, wenn wir es nicht erreicht haben, dass das vom Verstand erfasste Gute sich als tiefe gefühlsmäßige Neigung in uns eingewurzelt hat“ (Nr. 265).

Franziskus will also keineswegs, dass Gewissen als moralischer Joker zum Einsatz kommt, gar als Gegenkonzept zu Gebot. Er will eine dialogische Pastoral, die den einzelnen Menschen in den Blick und das Gewissen ernst nimmt. Er fordert, „dass das Gewissen der Menschen besser in den Umgang der Kirche mit manchen Situationen einbezogen werden muss“ (Nr. 303). Zunächst aber will Franziskus, dass sich der einzelne Mensch selbst ernsthaft in den Blick nimmt und einen inneren Dialog führt, vor seinem von der Kirche gebildeten (und insoweit „recht geformten“, Nr. 302) Gewissen.

Als Synthese formuliert der Heilige Vater schließlich eine etwas sperrige Konzeption des Gewissens für die pastorale Praxis, die jedoch für beide Seiten (für den Gläubigen als Vertreter der Subjektivität und für die Kirche als Hüterin der Objektivität) alles beinhaltet, was eine wohlabgewogene Anleitung zum Gewissensgebrauch benötigt: „Selbstverständlich ist es notwendig, zur Reifung eines aufgeklärten, gebildeten und von der verantwortlichen und ernsten Unterscheidung des Hirten begleiteten Gewissens zu ermutigen und zu einem immer größeren Vertrauen auf die Gnade anzuregen. Doch dieses Gewissen kann nicht nur erkennen, dass eine Situation objektiv nicht den generellen Anforderungen des Evangeliums entspricht. Es kann auch aufrichtig und ehrlich das erkennen, was vorerst die großherzige Antwort ist, die man Gott geben kann, und mit einer gewissen moralischen Sicherheit entdecken, dass dies die Hingabe ist, die Gott selbst inmitten der konkreten Vielschichtigkeit der Begrenzungen fordert, auch wenn sie noch nicht völlig dem objektiven Ideal entspricht. Auf jeden Fall sollen wir uns daran erinnern, dass diese Unterscheidung dynamisch ist und immer offen bleiben muss für neue Phasen des Wachstums und für neue Entscheidungen, die erlauben, das Ideal auf vollkommenere Weise zu verwirklichen“ (Nr. 303).

Also: Papst Franziskus traut dem Gewissen weitreichende Erkenntnis zu, sowohl die Erkenntnis dessen, was falsch läuft (das obliegt zunächst dem einzelnen Gläubigen), als auch die Erkentnis des rechten Umgangs mit dem objektiv Unvollkommenen (hier ist dann vor allem die Kirche bzw. deren seelsorglich-pastoral tätige Mitarbeiterschaft gefragt), angesichts eines konkreten Subjekts, das hier und jetzt eine Antwort der Kirche von Gott her erwartet – vom Gott des Gebots und vom Gott der Gnade; und zugleich wirksame Hilfe bei der wichtigsten Erkenntnis erhalten sollte: dass dieser Gott ein Gott ist, dessen Normen barmherzig sind, dessen Liebe daher geboten werden kann und auf dessen Gnade wir deswegen vertrauen dürfen.

Die deutschen Bischöfe schließen sich dieser Position an und konkretisieren sie für den Einzelfall: „Wir sehen es als unsere Aufgabe an, den Weg der Gewissensbildung der Gläubigen zu vertiefen. Dazu ist es nötig, unsere Seelsorger zu befähigen und ihnen Kriterien an die Hand zu geben. Solche Kriterien einer Gewissensbildung gibt der Heilige Vater in Amoris laetitia in ausführlicher und hervorragender Weise an“.

Wenn begründete Einzelfälle eine so große Aufmerksamkeit erhalten, ist es jedoch umso wichtiger, die Begründung für die allgemeine Geltungskraft moraltheologischer Prinzipien deutlicher als zuvor herauszustellen, also: die Regel angesichts der Ausnahme wieder öfter und genauer in den Blick zu nehmen und argumentativ zu stärken. Auch dazu besteht nun die besondere Chance. Nur eine in beide Richtungen gewissenhafte Pastoral ist glaubwürdig und kann die besondere Bedeutung des Sakraments vermitteln. Und der besonderen Rolle des Gewissens gerecht werden.

(Josef Bordat)

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