Theologisch-naturwissenschaftlicher Dialog

1. Februar 2017


Als Harald Lesch auf dem Ökumenischen Kirchentag 2010 in München gefragt wurde, warum er als Wissenschaftler an Gott glaube, hat er geantwortet: „Was soll ich denn sonst machen!“ In dieser Antwort steckt einiges an kosmologischer Expertise und irdischer Lebenserfahrung. Beides zeigt sich auch in dem Geleitwort zur Neuerscheinung Wissenschaft und die Frage nach Gott. Theologie und Naturwissenschaft im Dialog der Evangelischen Akademie im Rheinland. Darin erläutert Lesch seinen Glauben als das Gefühl des Eingebundenseins in etwas Größeres und Höheres – größer und höher als das, was uns die raumzeitliche Erfahrungswelt zu erkennen gestattet. Daran fühle er sich gebunden – religio als Rückbindung.

Das ist theologisch nur die etwas unbefriedigende Haltung eines weitgehend indifferenten Glaubens an ein möglichst niedrigschwelliges Gottesbild. Dennoch ist es ein guter Ausgangspunkt für den Dialog. Erforschbarkeit, Unbegrenztheit, Selbstorganisation. Das sind die Stichpunkte, die Wissenschaft und Theologie in der Weltanschauung einen. Zumindest einen können. Schon Wissenschaftsgrößen wie Kopernikus, Kepler, Galilei und Leibniz waren davon überzeugt, dass es hinter den Gesetzen der Natur einen Gesetzgeber gibt, der die Erkenntnis der Zusammenhänge garantiert. Anders gesagt: Ohne Gott keine Wissenschaft.

Heute ist Wissenschaft (zumindest methodologisch) ein gottloses Unternehmen. Die Hypothesen der Forscher müssen ohne Gott auskommen. Und sie können dies auch. Die Streitfrage ist, was sie damit beschreiben. Die Welt, wie sie ist? Oder: Die Welt, wie sie uns erscheint? Gibt es zwischen der Phänomenologie und der Ontologie noch Raum – für Gott? Oder ist im Laborbericht alles gesagt, was es über den Menschen, die Natur und die Welt zu sagen gibt? Wenn sich Wissenschaftler bereit erklären, mit Theologen zu sprechen, so liegt nahe, dass sie einen Gesprächsbedarf unterstellen, dass also die Theologie ihrer Ansicht nach überhaupt noch etwas Relevantes zu sagen hat.

Allein das macht den vorliegenden Sammelband zu einem erfreulichen Ereignis. Hier wird in 18 Beiträgen historisch und systematisch untersucht, wie sich das Verhältnis von Wissen und Glauben sinnvoll beschreiben lässt. Nicht als Gegensatz, das ist klar, aber auch nicht als strikt getrennte Sphären (dagegen spricht schon die Geschichte der Naturwissenschaften), bei aller Unterschiedlichkeit des Zugangs zur Welt. Biologen und Physiker, Philosophen und Theologen behandeln dazu die sattsam bekannten Fragen: die der Möglichkeit oder Unmöglichkeit eines Gottesbeweises, die der (behaupteten) Spannungen zwischen Evolutionstheorie und Schöpfungsvorstellung, die einer (angeblichen) religiösen oder quasireligiösen Dimension der Quantentheorie, die nach dem freien Willen und die nach dem Jenseits. Alles drin, auf nicht mal 200 Seiten.

Das alles ist nicht neu – wie könnte es das sein. Auch die Erträge bleiben im Bereich des Erwartbaren. Dass sich „eine theistische Deutung der Entstehung des Neuen nicht zu verstecken“ braucht (Hans-Dieter Mutschler), konnte man ebenso erahnen wie den Umstand, dass es in einem strengen naturwissenschaftlichen Sinne keinen Gottesbeweis geben kann, zumindest dann nicht, wenn es dessen Ziel sein soll, die Existenz Gottes zu zeigen, und nicht nur Evidenz für die „Widerspruchsfreiheit und Unvermeidbarkeit des Gottesgedankens“ (Dirk Evers) zu liefern.

Ungewöhnlich für eine akademische Dokumentation seriöser Studien auf diesem hohen Niveau ist jedoch die erfrischend legere Gestaltung des Buchs, das sich den großen Themen über kurze Beiträge mit angemessen kleinteiligen Fragestellungen nähert und dabei aus einer grundlegenden historisch-methodologischen Vergewisserung heraus die wesentlichen Aspekte der gegenwärtigen Debatten anschaulich darlegt. Die einzelnen Beiträge namhafter Experten sind didaktisch gut strukturiert, bei aller nötigen gedanklichen Tiefe in verständlicher Sprache gehalten und zudem durchgehend farbig bebildert, was die Abhandlungen einerseits auflockert, andererseits positiv zu deren Verständnis beiträgt.

Der von Andreas Losch und Frank Vogelsang herausgegebene Band Wissenschaft und die Frage nach Gott. Theologie und Naturwissenschaft im Dialog ermöglicht einen leichten Zugang zu schwierigen Fragen und ist daher auch für theologische wie naturwissenschaftliche Laien mit Gewinn zu lesen. Er kann durchaus auch dem verunsicherten Glaubenden oder dem am Glauben Zweifelnden helfen, zu einem besseren Verständnis der Kompatibilität von Wissenschaft und Religion zu gelangen. Begriffe werden geklärt, überzogene Erwartungshaltungen zu beiden Seiten hin aufgelöst und mit überzeugenden Argumenten versöhnliche Einsichten formuliert.

Schließlich kann man mit Lesch getrost über die Erahnung des Transzendenten im Licht des wissenschaftlichen Staunens hinausgehen, zu einem inhaltlich klar bestimmten christlichen Glauben, eingedenk dessen, dass wir „der Teil des Kosmos“ sind, „der sich nach sich selbst fragt“. Anders ausgedrückt: „Ohne uns würden dem Universum drei wichtige Eigenschaften fehlen: Glaube, Hoffnung und Liebe“. Es sind die christlichen Kardinaltugenden, die Harald Lesch dem Menschen zuschreibt – nicht gegen wissenschaftliche Erkenntnisse, auch nicht allein durch sie, sondern in einem durch den Forschergeist und die Gottesfrage gleichermaßen gebildeten Bewusstsein von Demut und Vertrauen.

Bibliographische Angaben:

Andreas Losch / Frank Vogelsang: Wissenschaft und die Frage nach Gott. Theologie und Naturwissenschaft im Dialog.
Bonn: Evangelische Akademie im Rheinland 2015.
190 Seiten, € 20.
ISBN 978-3-937621-50-0.

(Josef Bordat)

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