Erstklassig

2. Februar 2017


Als BahnCard-Inhaber bekam ich kürzlich die Möglichkeit, auf einer Reise innerhalb Deutschlands mit einem zweitklassigen Fahrschein (also: „Ticket“) die Erste Klasse zu nutzen (to use). Zudem durfte ich die BahnLounge im Berliner Hauptbahnhof betreten. Dort erntete ich zwar zunächst nur jene mitleidigen Blicke, die Fahrgästen der Zweiten Klasse naturgemäß gebühren und auch das Personal schien nach dem Motto zu verfahren: Gib Emporkömmlingen keine Chance. Doch nachdem ich mehrfach mit meinem Gutschein gewedelt hatte, bekam ich dann meinen CrunchBrowny Macchiato mit Karamellkruste und Sojamilch, extra sweet. Obwohl ich ein Bier wollte.

Eigentlich hatte ich dann schon selbigen aus, was die Erstklassigkeit der Deutschen Bahn betrifft. Und da für gewöhnlich auch in der Zweiten Klasse Menschen sitzen, die mit Vernunft, Gewissen und unveräußerlichen Rechten begabt sind, und es noch genügend freie Plätze gab, saß ich dort auch nicht schlecht, was sage ich: perfekt! Und wäre wahrscheinlich genauso an mein Ziel gelangt. Und irgendwann gestorben.

Doch es gibt ja die Fahrscheinkontrolle. Das wachsame Adlerauge des Schaffners (also: Controllers) identifiziert meinen Gutschein. „Sie haben first class! Gehen Sie doch bitte durch den Speisewagen in Ihre Klasse, ja?“ Da sich das wie eine dienstliche Anweisung ausnahm, ging ich in die verheißene Richtung, zuerst etwas widerwillig – immerhin war ich mitten in der Arbeit, musste das Notebook zuklappen, meine Sachen packen und und und –, dann allerdings mit einem gewissen Stolz: Erste Klasse.

Noch einmal blickte ich an der Automatik-Tür zurück in den Zweite Klasse-Wagen, voller Verachtung für die ärmlich gekleideten Proletarier, die mir neidisch schmachtende Blicke entgegenwarfen. Eine Frau in zerrissenen Lumpen streckte mir verzweifelt ihre Hand entgegen und deutete mit dem Kopf auf drei Kleinkinder, die sich den Platz neben ihr teilten. „Gehen Sie einfach weiter, mein Herr!“ Der Fahrscheinkontrolleur entriss dem bärtigen Mitfünfziger in der Gepäckablage sein selbstgebasteltes Protestplakat („Eigentum verpflichtet! Umverteilung jetzt!“) und drückte den sich bedrohlich zu mir beugenden Kegelclub „Zeche Nikolaus“ zurück auf die verdreckten Plätze mit den abgewetzten Sitzbezügen. „Es gibt hier nichts zu sehen, verlauste Bande!“

Der Schaffner winkt hektisch. „Gehen Sie weiter, nun machen Sie schon!“ Ich flüchte vor dem Wehgeschrei und dem bestialischen Gestank der Zweiten Klasse durch die Bistro-Schleuse ins Bourgeoise-Paradies der Gratis-Zeitungen und sakrotangetränkten Ledersitze. „Halt! Wo wollen Sie hin?!“ – „Hier: Erste Kla… also first class! Gutschein ,Noblesse oblige’“ – „Mein Herr!“ Ein halbes Dutzend Erste Klasse-Schaffner steht Spalier und küsst mir die Hand. Zugegeben: Das ist alles noch etwas ungewohnt.

Hinter mir schließt sich die Tür. Endlich da! Endlich frei! Endlich da, wo man frei ist. Was mich in der Ersten Klasse erwartet, kann ich kaum beschreiben. Es ist ein Eldorado mobiltelefonierender Manager, die vermutlich alle first class reisen, soweit das cheaper ist als the second one, wo man „Portfolio-Analyse“ sagt und „Viralitätssteigerung“ und „mit New York“ spricht. Wo man den Deutsche Bahn-Slang versteht, vermutlich deshalb, weil man an seiner Entwicklung beratend beteiligt war. Wo die schönen Reichen leben, wo Geld und Glück sich in den Armen liegen. Kurz: Wo das wahre Leben tobt und Handygespräche hauptsächlich Fremdwörter enthalten.

Man ist unter sich. Eine Zeit lang bin ich fast der Einzige im ganzen Abteil. So sind alle aufmerksamen Augen allein auf mich gerichtet. Die service providerinnen rasen nur so durch die Gänge. „Noch einen Wunsch!“ – „Nein, Danke!“ – „Kaffee, Cappuccino, Latte?“ – „Das ist sehr…“ – „Keinen Wunsch?“ – „Nein!“ – „Wir hätten auch Kaltge…“ – „Vielen Dank!“ – „Wunschlos glücklich, wie?! Haha!“ – „Ja.“ Haha.

Ich will gerade mit meinem Essay beginnen („Moralisch erstklassig. Warum Reiche die besseren Menschen sind – Ein Beitrag zum Reformationsgedenken“), als der Vorgesetzte der service providerinnen nachfragt, ob alles zu meiner Zufriedenheit sei. Es ist – ohne jeden Zweifel. „Wirklich?“ Wirklich. „Wir hätten auch noch Zeitungen.“ – „Sehr nett. Aber ich habe zu tun.“ Dennoch fühle mich innerlich genötigt, die sieben ausliegenden Zeitungen auch wirklich zu lesen, was mich zeitlich etwas unter Druck setzt. Doch schließlich sind sie extra für die Gäste der first class zu einem Deutsche Bahn-Infotainment-Angebot arrangiert worden, da will man ja nicht… – „Latte?“ – „Nein!“

Als wir unser Ziel mit 30minütiger Verspätung erreichen (zum Trost gibt’s eine Gratis-Zeitung), bin ich mit den Sudokus durch und mein Vokabelheft Englisch-Deutsch ist voll. Ich weiß jetzt, dass ein Handy nicht nur dazu dient, in aller Öffentlichkeit die Probleme privater Beziehungen zu erörtern, sondern auch die Probleme geschäftlicher Beziehungen. Also: business. Not as usual.

(Josef Bordat)

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