Erfüllung des Gesetzes

11. Februar 2017


Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich. Darum sage ich euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemand tötet, soll dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du (gottloser) Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein. Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe. Schließ ohne Zögern Frieden mit deinem Gegner, solange du mit ihm noch auf dem Weg zum Gericht bist. Sonst wird dich dein Gegner vor den Richter bringen und der Richter wird dich dem Gerichtsdiener übergeben und du wirst ins Gefängnis geworfen. Amen, das sage ich dir: Du kommst von dort nicht heraus, bis du den letzten Pfennig bezahlt hast. Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen. Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird. Und wenn dich deine rechte Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab und wirf sie weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle kommt. Ferner ist gesagt worden: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt, muss ihr eine Scheidungsurkunde geben. Ich aber sage euch: Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, liefert sie dem Ehebruch aus; und wer eine Frau heiratet, die aus der Ehe entlassen worden ist, begeht Ehebruch. Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst keinen Meineid schwören, und: Du sollst halten, was du dem Herrn geschworen hast. Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht, weder beim Himmel, denn er ist Gottes Thron, noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel für seine Füße, noch bei Jerusalem, denn es ist die Stadt des großen Königs. Auch bei deinem Haupt sollst du nicht schwören; denn du kannst kein einziges Haar weiß oder schwarz machen. Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen. (Mt 5, 17-37)

Der Text der heutigen, ungewöhnlichen langen Perikope wiegt hin und her zwischen alt und neu. „Ihr habt gehört“ – „Ich aber sage euch“, „Früher galt“ – „Jetzt gilt“. Dabei räumt Jesus gleich zu Beginn mit einem naheliegenden Irrtum auf: „Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen“ (Mt 5, 17). Seine Modifikationen richten sich also nicht auf die Normen selbst, sondern auf deren Deutung, auf ihre „Erfüllung“, für die Er persönlich sorgt. Wie erfüllt Christus das Gesetz? Die Antwort lautet: In der Liebe! Jesus sagt einem Pharisäer (also einem, der sich mit dem Gesetz gut auskennt), dass „das ganze Gesetz samt den Propheten“ (also das „Alte“) am Doppel-Gebot der Gottes- und Nächstenliebe „hänge“ (vgl. Mt 22, 34-40). Es hängt also ganz von der Liebe ab – darin besteht die Erfüllung. Das ist das „Neue“, das mit Jesus in die Welt kommt.

Wenn wir weiterlesen, merken wir, wie Jesus den Geist des Gesetzes nach außen zu kehren wünscht: Er drängt im Geist der Liebe auf eine Gerechtigkeit, die über die Buchstaben des Gesetzes weit hinausgeht (vgl. Mt 5, 20). Gottes Gerechtigkeit ist die Barmherzigkeit, die jedoch nicht von der Norm absieht, sondern gerade in ihr eine objektive Orientierung findet, ein Minimum an Verständigungsgrundlage, auf der dann lebensnahe Regeln als Ausdruck der Liebe entwickelt werden. So kommt es dann bei den einzelnen Vorschriften nicht zu Aufweichungen, sondern ganz im Gegenteil zu drastischen Verschärfungen. Diese folgen jedoch nicht dem Prinzip des Formalismus mit dem Ziel der Gängelung des Menschen, sondern betonen die Bedeutung besonderer moralischer Achtsamkeit in den entscheidenden Herausforderung der Lebensführung – auch heute noch: Streiten, Töten, Versöhnen, Heiraten, Schwören.

Jesus nennt die Bedingungen, unter denen hochmoralische Akte wie Friedensschluss und Partnerschaft gelingen: eben dann, wenn man sich nicht etwa über normative Klauseln gegenseitig Rechtssicherheit garantiert, sondern indem man ganz bewusst ethische Grundkonzepte wie Reinheit, Klarheit, Wahrheit, Friedfertigkeit, Versöhnungsbereitschaft und Güte in seinem Denken und Handeln abzubilden versucht. Dazu ist es nötig, weiter zu gehen als bis zum Buchstaben der tradierten Norm.

Jesus ist beispielsweise der Ansicht, dass nicht nur die Mordtat tötet, sondern schon das Wort (Mt 5, 21-22). Heute sprechen Friedensforscher wie Johan Galtung von symbolischer Gewalt, die der physischen Gewalt vorausgeht. Wirklich: Sprechakte können verletzen wie Baseballschläger. Ferner kann das unbedachte Wort gewaltsame Taten des Rezipienten herbeiführen. In jedem Fall kann also ein Wort Unfrieden stiften. Das gilt für die mehr oder minder deutliche Beleidigung (Jesus nennt ja dazu einige einschlägige Formulierungen, mit denen dem Gegenüber Vernunft und Glauben – wir können heute allgemeiner „Gewissen“ sagen – abgesprochen wird), das gilt aber auch für Witze und zotige Bemerkungen. Verletzende „Witze“ über Menschengruppen, auch über Religionsgemeinschaften, kennen wir sicher alle. Wir sollen uns überlegen, was wir damit anrichten können, wir sollen darüber nachdenken, was diese beim Betroffenen auslösen, und zwar, bevor wir den Mund auftun (oder das Posting abschicken) – daran erinnert uns Jesus.

Ein weiteres Beispiel, das heute vielleicht ganz besonders verstört: die Sache mit dem Ehebruch im Herzen: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen“ (Mt 5, 27-28). Diese drastische Verschärfung ist nichts anderes als eine sehr lebensnahe Warnung nach dem Motto „Wehret den Anfängen!“ Jesus betrachtet die Tat auf der intentionalistischen Ebene („im Herzen“) und führt sie auf ihren eigentlichen Beginn zurück. Es ist nicht der vollzogene Geschlechtsverkehr das eigentliche moralische Problem, sondern der Wille, die Absicht, die zu ihm führt. Der „lüsterne Blick“ (es kann auch eine eindeutig zweideutige E-Mail sein) ist der erste Schritt ins Verderben. Hier gilt es anzusetzen, bei der Einstellung, der Haltung. Jesus spricht hier in einer psychologischen Klugheit, die an Klarheit und Wahrheit das mosaische Gesetz weit übertrifft.

Wie oft sagen wir, wenn uns etwas nicht gut gelungen ist (es muss dabei nicht immer um Mord oder Ehebruch gehen): „Das habe ich nicht gewollt!“ Der Wille, das erkennen wir leider oft zu spät, steht am Anfang. Christus verdeutlicht dies – aus Liebe zu uns. Denn Er will, dass unser Leben gelingt, dass wir Leben in Fülle haben. Dazu muss sich das Gesetz in unserem Denken und Handeln erfüllen – in Liebe zu Gott und dem Nächsten. Es ist eine Liebe, die erkennt, um was es eigentlich geht, wenn uns Mord und Ehebruch verboten, Versöhnungsbereitschaft und Wahrhaftigkeit geboten werden: dass wir jederzeit im Kleinen ernst nehmen, was im Großen ernst werden kann.

(Josef Bordat)

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