Ein Liebesbrief

14. Februar 2017


In Zeiten von „CU 2morrow, I w8 4U! *g* ;-)“ ist der Liebesbrief nicht mehr so im Zentrum der Zweitsamkeit. Wer es dennoch wagen will, sei auf John Locke verwiesen.

Man traut dem brillanten Epistemologen und Staatsphilosophen, dem Vordenker des Empirismus und des Liberalismus, gar nicht so viel romantischen Esprit zu. Locke schrieb nämlich folgendes an eine Unbekannte: „Madam, den Blick dreister Gaffer einzufangen oder allmählich ein Herz zu entbrennen, das seine Flammen umwirbt, ist die Wirkung eines alltäglichen Gesichts; denn welches Feuer kann nicht denjenigen wärmen, der ganz nahe an es herankommt. Aber, Madam, ohne Überrumpelung oder Belagerung von ferne zu fesseln und ein Herz einzunehmen (das sich für gut gewappnet hielt), ist das Privileg einzig Ihrer Schönheit, die es verschmäht, auf hergebrachte Weise zu erobern […] Da dies nun der mühelose, obgleich ungewöhnliche Weg zu Ihren Siegen ist, betrachten Sie es nicht als sonderbar, daß Sie einen unbekannten Gefangenen zu Ihren Füßen finden, dem es gestattet sein mag, sich einer Leidenschaft zu unterwerfen, der zu widerstehen ihm kein Mittel übrigblieb“ (John Locke, The Correspondence, hg. v. E. S. de Beer, Oxford 1976 ff, Bd. 1, S. 45).

Nach dreimaligem Lesen weiß dann auch „Madam“, was die Stunde geschlagen hat. Ganz sicher.

(Josef Bordat)

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