Wencke Myhre

15. Februar 2017


Bevor ich es vergesse: Wencke Myhre wird heute 70 Jahre jung. Ja – die Zeit vergeht. Die norwegische Schlagersängerin ist hierzulande vor allem bekannt durch dieses Lied, in dem ein Mann eine Frau zum Verbleib in einem spartanisch ausgestatteten Wasserfahrzeug nötigt: „Er hat ein knallrotes Gummiboot“. Hier wird die Abhängigkeitsbeziehung der Frau vom Mann zementiert, dem Mann, der seine sozioökonomische Privilegiertheit schamlos ausnutzt: „Er hat ein knallrotes Gummiboot“. Er, der Mann, ist im Besitz der Produktionsmittel. Er, der Mann, ist Inhaber des Mobilitätsmonopols: „Mit diesem Gummiboot fahr’n wir hinaus! / Er hat ein knallrotes Gummiboot / und erst im Abendrot kommen wir nach Haus!“ Es stellt sich die Frage: Mit welchem Recht fährt der Mann mit seinem unschuldigen Opfer „hinaus“, mit welchem Recht erfolgt die Rückkehr „erst im Abendrot“? Was ist dies anderes als romantisch verklärte Freiheitsberaubung unter den Bedingungen gesellschaftlich beförderter ökonomischer Differenz? Selbstverständlich beschränkt sich der Besitz des Mannes auf das zweckrational erforderliche Minimum: „Wir haben kein Segel und keinen Motor und keine Kombüse / Oh nein!“ Segel, Motor, Kombüse sind nicht vorhanden – Artefakte, welcher der weiblichen Begleitung in ihrer Zwangslage zumindest einen Rest an Würde ließen. Die quasirevolutionäre Reaktion ist in diesem Kontext nur zu verständlich („Oh nein!“). Sie ist das Wiedererwachen und Aufbegehren des antipatriarchalischen Pathos. In diesem „Oh nein!“ bündelt sich der Freiheitsdrang der unterdrückten Frau. Ihr gibt Wencke Myhre eine Stimme. Herzlichen Glückwunsch.

(Josef Bordat)

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