Abtreibung. Einige Anmerkungen

16. Februar 2017


Im Blog von Claudia Sperlich läuft derzeit eine interessante Diskussion über das Thema Abtreibung. Auf den Text habe ich ja bereits hingewiesen. Die Diskussionsbeiträge dazu entsprechen den typischen Argumentationslinien.

1. Kern der Debatte ist freilich immer wieder der Status des ungeborenen menschlichen Lebens. Person? Mensch? Werdender Mensch? Sich zum Menschen entwickelnder Fötus? Sich als Mensch entwickelnder Embryo? Potentielle Person? Zellhaufen? Soll der Status ein ontologischer, phänomenologischer oder teleologischer sein? Geht es darum, was der Mensch ist, wie er ist oder welche Bedeutung sein Leben hat, welchen Sinn, welchen Zweck, welches Ziel? Es zeigt sich immer wieder: Der Ethik geht die Anthropologie voraus, dem Menschenbild wiederum die Weltanschauung. Da kommt man also kaum weiter. Denn bestritten wird ja nicht, dass das Töten eines Menschen schlecht ist, sondern, dass das, was getötet wird, ein Mensch ist.

Wir müssen also, wenn wir eine gemeinsame Basis entwickeln wollen, sprachlich zu anderen Formen gelangen. Worauf man sich einigen können sollte, das ist die Einschätzung, dass bei einer Abtreibung menschliches Leben getötet wird. Und dass dieses einzigartig ist und eben nicht (wie Hautschuppen, die ab und zu abfallen) nur Teil eines Ganzen sind, das im Wesentlichen erhalten bleibt. Die einzigartige genetische Disposition dieses einen menschlichen Lebens ist nach einer Abtreibung nicht mehr existent. Das ist Fakt.

2. Das wiederum ist dann aber ganz offensichtlich einigen Diskussionsteilnehmern ziemlich egal, weil und soweit menschliches Leben als Embryo oder Fötus ebensowenig Bewusstsein habe wie menschliches Leben in Gestalt der Hautschuppe. Hört man jedenfalls oft. Ähnliches klingt in der Diskussion bei Claudia Sperlich an. Frage: Kann es darauf ankommen, auf „Bewusstsein“? Die Antwort ist wiederum anthropologisch belastet. Wer den Menschen als Geschöpf Gottes sieht, würde wohl eher zu einem Nein tendieren, wer den Menschen als hedonistischen Glücksmaximierer begreift, eher zu einem Ja. Das wiederum – ich wiederhole mich – ist weltanschaulich präjudiziert. Also lassen wir das.

Die Frage, über die wir aber gemeinsam diskutieren können, lautet: Was heißt das eigentlich – „hat kein Bewusstsein“? Und: Trifft das dann auf den bestimmten Fall bei einer ganz konkreten Abteibung zu? Schließlich: Woher wissen wir das?

Ab wann man von „Bewusstsein“ – im biologischen, nicht im philosophischen Sinne, also: Schmerzempfindungsfähigkeit, nicht Reflexivität! – sprechen kann, ist nicht eindeutig beantwortet und wohl auch nicht eindeutig zu beantworten. Je nachdem, welche Ansprüche man an das materielle Korrelat des Bewusstseins, also die Gehirnaktivität, die „Hirnströme“ stellt (reicht ihre nachweisliche Existenz, also: „Strom fließt“ oder braucht es die Ausbildung eines gleichförmigen Wellenprofils auf dem Bildschirm), liegt der erste Zeitpunkt ihres Auftretens mit handelsüblichen Messverfahren zwischen der 6. und der 24. Schwangerschaftswoche. Irgendwo mittendrin liegt dann die (rein pragmatische) 12-Wochen-Frist nach § 218 StGB.

3. Eine andere Argumentation hebt auf die Grenzen der rechtlichen Gleichbehandlung von geborenem und ungeborenem Leben ab. Dazu zwei Bemerkungen.

Zum einen stellte das BVerfG ziemlich unmissverständlich fest: Das „Recht auf Leben wird jedem gewährleistet, der ‚lebt‘; zwischen einzelnen Abschnitten des sich entwickelnden Lebens vor der Geburt oder zwischen ungeborenem und geborenem Leben kann hier kein Unterschied gemacht werden“ (Urteil des BVerfG vom 25.02.1975, AZ 1 BvF 1/74 u.a. [BVerfGE 39, 1, veröffentlicht in: NJW 1975, 573]), denn das Grundgesetz enthalte keine „dem Entwicklungsprozeß der Schwangerschaft folgenden Abstufungen des Lebensrechts“ (Urteil des BVerfG vom 28.05.1993, AZ 2 BvF 2/90 u.a. [BVerfGE 88, 203, veröffentlicht in: NJW 1993, 1751]). Art. 1, Abs. 1, Satz 1 GG muss demnach so gelesen werden: „Die Würde des menschlichen Lebens ist unantastbar.“ Also: Das BVerfG gibt einen deutlichen Hinweis darauf, dass der Gesetzgeber geborenes und ungeborenes Leben gleichzubehandeln hat, wo immer dies möglich ist.

Zum anderen sprechen wir nicht nur über die Rechtslage, sondern auch über die moralische Dimension der Abtreibung. Hier kommt die christliche Ethik des Lebens zu einer anderen Position als der Gesetzgeber in der Bundesrepublik Deutschland. Und in der DDR. Dort wurden alle Entscheidungen der Volkskammer einstimmig beschlossen, mit einer Ausnahme: Die 14 CDU-Abgeordneten stimmten am 9. März 1972 geschlossen gegen die „liberale“ Abtreibungsregelung („Gesetz über die Unterbrechung der Schwangerschaft“ – als könnte man die irgendwann mal wieder aufnehmen). Es muss also möglich sein, dass die Kirche – der sich die CDU-Abgeordneten aus der DDR mehr verbunden fühlten als „ihrem“ Staat – mit moralischen Argumenten Vorschläge für einen rechtlich umfassenderen Lebensschutz macht (so damals in einem Hirtenbrief vom 9. Januar 1972). Oder auch einzelne christliche oder säkulare Initiativen. Oder Bloggerinnen. Alles mit der Rechtslage abzubügeln übersieht die Freiheit des Gewissens, aus dessen Erwägungen heraus man sich auch gegen das geltende Recht entscheiden können sollte.

Die beiden in der Debatte bei Claudia Sperlich genannten Beispiele zeigen, dass der Gesetzgeber bisher keine einheitliche Linie zum Schutz des ungeborenen menschlichen Lebens gefunden hat: Der Erbfähigkeit des Ungeborenen steht entgegen, das etwa das mehr oder minder bewusste Schädigen der Leibesfrucht durch Alkoholkonsum während der Schwangerschaft straffrei bleibt, weil es nicht als Körperverletzung angesehen wird. Dennoch wird es im Allgemeinen moralisch geächtet (ebenso wie Drogenkonsum oder Rauchen während der Schwangerschaft). Eine aktuelle Plakatkampagne in Berlin (ich weiß gerade nicht, von welcher Einrichtung betrieben, aber in den letzten Wochen deutlich im Straßenbild wahrzunehmen) fordert entsprechende Abstinenz von Schwangeren.

4. Viele Argumente für das „Recht auf Abtreibung“ laufen auf die „Einheit“ von Mutter und Kind während der Schwangerschaft hinaus. Das mit der „Einheit“ stimmt – in einem übertragenen Sinn. Vielleicht spricht man dennoch besser von „enger Verbundenheit“ als von „Einheit“. Mutter und Kind sind nicht ein Wesen. Das ist ontologisch schlicht falsch. Das sagt uns nicht nur die Kirche, sondern auch die Genetik. Es sind zwei Menschen, die etwa neun Monate lang in einer besonderen, einzigartigen Weise miteinander verbunden sind.

Nota bene: Oft sind die Menschen, die aus der engen psychischen und physischen Verbundenheit von Mutter und Kind ein Abtreibungsrecht entnehmen – „Mein Bauch gehört mir!“ – gleichzeitig vehement für Leihmutterschaften. Und verstehen sich dann noch als Vertreter des Feminismus. Das alles zusammenzubekommen, fällt mir sehr, sehr schwer.

Insbesondere wird es spannend sein, wie sich dieses Argument schlägt, wenn wir erst mal die künstliche Gebärmutter serienmäßig im Handel haben; derzeit wird sie entwickelt, offenbar mit ersten „Erfolgen“. Damit könnten sich befruchtete Eizellen entwickeln – ohne eine Frau. Eine Horrorvorstellung, die jedoch das Argument, ohne die Frau funktionierte keine Schwangerschaft, entkräftet. Und die „Einheit“ von Mutter und Kind vollends aufhebt; allerdings auch die „enge Verbundenheit“, die natürliche Bande von Mutter und Kind.

5. Ach, ja: Natur. Naturrecht meint nicht das „Recht der Natur“ (im Sinne eines normierten Naturschutzes), auch nicht ein aus der Natur im Allgemeinen zu entnehmendes Recht (nach dem Motto: „Wenn es in der Natur vorkommt, ist es auch für uns Menschen richtig“), sondern ein Recht, das direkt aus der Natur des Menschen abgeleitet werden kann. Man spricht daher auch von Vernunftnaturrecht oder kurz von Vernunftrecht (in der Annahme, dass es die Vernunft ist, die den Menschen von der nichthumanen Schöpfung abhebt). Ob es so etwas wie die Natur des Menschen unabhängig von der Natur im Allgemeinen gibt, ist wiederum – Sie ahnen es – eine Frage der Weltanschauung.

(Josef Bordat)

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