Ganz kurzer Nachtrag zum Thema „Bewusstsein“

17. Februar 2017


Claudia Sperlich hat nachgelegt, da will das auch mal tun. Bewusstsein – das ist ein schwieriger Begriff, dem aber eine Schlüsselrolle in der Diskussion um Abtreibung zukommt. Gemeint ist im Zusammenhang mit dem ungeborenen menschlichen Leben das „Bewusstsein“ im biologischen Sinne, also die neuronale Disposition zur Schmerzempfindung. Die ist bei entsprechender Gehirnaktivität gegeben. Diese lässt sich messen, wobei unklar ist, ab wann tatsächlich eine Empfindung vorliegt. Ich hatte das ja schon angedeutet.

Wenn es stimmt, dass sich Föten bei Spätabtreibungen, in Einzelfällen aber auch innerhalb der 12-Wochen-Frist gegen das Absaugen und Zerstückeln ihres Körpers „wehren“, indem sie sich festkrallen und so ihrem Schicksal zu entgehen versuchen (entsprechende Berichte dazu gibt es), dann wird das zwar einem Instinkt geschuldet sein und keiner Überlegung (Frage: Führt Todesangst bei einem erwachsenen Menschen zu reflektierten Handlungen?), doch es kann damit nicht ausgeschlossen werden, dass der ungeborene Mensch im Moment seiner Tötung nicht doch etwas empfindet, etwa Schmerz.

Eingedenk dessen gibt es nun einige Menschen, die den Bewusstseinsbegriff auch im Kontext der Abtreibungsthematik anders verstehen, nämlich in einem philosophischen Sinne: als Fähigkeit zur Reflexion. Damit begründen sie nicht nur den Unterschied zwischen „human life“ und „human being“, sondern sie gehen konsequenterweise einen Schritt weiter. Sie unterscheiden zwischen „Mensch“ und „Person“ und definieren diesen Unterschied in Würdeschutz und Lebensrecht hinein. Demnach sei Menschenwürde als „Personenwürde“ zu deuten.

Und „Person“ ist dabei ein Wesen (Tier oder Mensch), das über die Tatsache seiner Existenz hinaus noch Eigenschaften haben muss, um einen Anspruch auf Würdeschutz und Lebensrecht zu haben, etwa die Fähigkeit, Interessen zu haben, z.B. das Lebensinteresse. Damit wird die Grenze des Zielbereichs des Artikel 1 GG ganz neu gezogen: Tiere mit dieser Eigenschaft (z. B. Schimpansen) gehören dann dazu (etwa weil sie bei Gefahr für Leib und Leben reagieren), Menschen ohne diese Eigenschaft nicht (z. B. ungeborene Menschen).

Damit wäre für Würdeschutz und Lebensrecht völlig unerheblich, dass sich der Mensch als Mensch entwickelt (und nicht zum Menschen), weil und soweit er sich ja zur Person entwickeln muss, um Würdeschutz und Lebensrecht zu genießen. Und das ist tatsächlich ein Schritt, der innerhalb der Entwicklung erfolgt, und je nach erforderlicher Eigenschaft zeitlich mehr oder weniger klar bestimmt werden kann.

Nehmen wir etwa Leidensfähigkeit als für den Person-Status erforderliche Eigenschaft und unterstellen wir ferner, dass diese mit Schmerzempfindlichkeit hinreichend beschrieben ist (was freilich Unsinn ist, weil es Schmerz ohne Leid und Leid ohne Schmerz gibt), dann könnten wir mit der Messung von Hirnströmen diesen Entwicklungsschritt identifizieren. Aber dies – wie gesagt – nur äußerst ungenau.

Akzeptieren wir statt dessen wahrnehmbare Abwehrreaktionen bei drohender Gefahr als Ausdruck von Lebensinteresse, so müsste man diese Reaktionen beschreiben und möglichst genau definieren, wann sie gegeben sind. Auch das ist nicht besonders exakt zu leisten.

Betrachten wir gar erst die deutliche Artikulation von Lebensinteresse als Anhalt, dann wären Kleinkinder, Depressive und alte Menschen mit Demenz wohl mehrheitlich keine „Personen“ – weil sie zu einer solchen Bekundung entweder noch nicht oder aber nicht mehr in der Lage sind. Also, wenn Sie mich fragen: Ich persönlich halte nichts von diesen Differenzierungen an der falschen Stelle.

(Josef Bordat)

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