Liebt eure Feinde

18. Februar 2017


In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin. Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel. Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm. Wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab. Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden? Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist. (Mt 5, 38-48)

Wie letzten Sonntag, so auch heute: Jesus grenzt im Evangelium das Neue vom Alten ab. „Ihr habt gehört“ – „Ich aber sage euch“. Eins muss dabei klar sein: Schon das, was einst „gesagt worden ist“, nämlich „Auge für Auge und Zahn für Zahn“ (Dtn 19, 21), war ein ganz erheblicher zivilisatorischer Fortschritt, vom anarchischen Faustrecht, das regelmäßig zur Eskalation der Gewalt führte, hin zu einem angemessenen Interessensausgleich, der eine Gemeinschaft befrieden konnte. Das ius talionis bot die Möglichkeit zur geregelten Vergeltung (zur talio: der Abgeltung durch Entschädigung in Form eines gleichwertigen Ausgleichs), aber eben nicht zu maßloser Rache.

Echter Fortschritt in der Moral kann aber nur dort entstehen, wo ein Übergang vom reziproken Rechtsprinzip der Vergeltung zum Grundsatz des Wünschenswerten stattfindet. Nicht mal mehr Gleiches mit Gleichem zu beantworten, sondern zu erkennen, dass auch die Vergeltung die Fortschreibung von moralisch falschem Verhalten bedeutet, stellt eine ganz neue Form des Umgangs miteinander dar, die ganz neue Möglichkeiten friedlich-kooperativen Zusammenlebens eröffnet.

Das Talionsprinzip kann nur in der empathischen Haltung dem Anderen gegenüber durchbrochen und nur in der Bezugnahme auf das Erwünschte überwunden werden. Diese Umgangsform lehrt Jesus Christus, nicht zuletzt in Gestalt der Goldenen Regel („Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, also tuet auch ihr ihnen“, Mt 7, 12), vor allem aber durch Seine bedingungslose Liebe und Hingabe. Die Zehn Gebote werden auf ihre Basis, die Gottesliebe und die Nächstenliebe, zurückgeführt, das Gesetz, das erfüllt werden muss, erfüllt sich in der Liebe.

Hier spricht Jesus nun scheinbar davon, dass man sich dem Bösen widerstandslos ergeben soll. Kann das gut sein? Bringt das moralische Fortschritte? Das hieße doch, dass das Böse triumphiert und sich in seiner Bösartigkeit ausbreitet. Das kann doch auch nicht christlich sein!

Schauen wir zunächst auf die Beispiele. Drei Fälle nennt Jesus: Das Hinhalten der anderen Wange, die Abgabe des Mantels zum Hemd und die freiwillige Verdopplung der Wegstrecke. Was hat es damit auf sich? In allen drei Fällen bietet man dem, der sich in gewaltsamer Weise des Eigentums bemächtigen will (sei es das Eigentum am Körper, an materiellen Dingen wie der Kleidung oder auch an immateriellen wie der Verfügung über die Zeit) mehr von sich und dem Seinen an als eigentlich beansprucht wird. Damit sinkt die Bedeutung des Machtgehabes und der „Böse“ wird peinlich berührt, wird beschämt. Dadurch bietet sich die Chance, das Böse von der Einsicht des „Bösen“ her zu überwinden. Der „Böse“ muss erkennen (zumindest dann, wenn er noch einen Rest an Vernunft hat): Er schlägt sich selbst, macht sich lächerlich, wenn er den Weg des Bösen weitergeht. Wer wird jemanden auf ein Hemd verklagen, der ihm den Mantel schenkt?

Also: Das Böse hat seinen Schrecken, seine Macht verloren, weil ihm der Boden entzogen wurde, die emotionale Grundlage: die Angst, die Abwehrhaltung, der Widerstand. Gerade durch die Widerstandslosigkeit wird also das Böse überwunden, weil es dann schlicht und ergreifend nicht mehr böse ist. Es löst sich auf. Es verdampft im Feuer der annehmenden Liebe.

Doch wie ist es in den Fällen, in denen es nicht um leichte Körperverletzung oder Nötigung geht, sondern um Leben und Tod. Was heißt dann Feindesliebe? Heißt das, man müsse sich um des Friedens Willen abschlachten lassen? Widerstandslos?

Nein. Die Kirche kennt ein Naturrecht auf Notwehr und Nothilfe in lebensbedrohlichen Lagen. Das gilt für individuelle und kollektive Bedrohungssituationen. Bereits der Kirchenvater Augustinus dachte zur Zeit des Zusammenbruchs Roms über die Frage nach, ob Christen an einem Krieg teilnehmen dürfen. Er kommt zu einer bejahenden Antwort für den Fall, dass mit dem Krieg die Friedensordnung wiederhergestellt wird, die auf der von Gott gesetzten Schöpfungsordnung beruht. Die Aufforderung Jesu zur Feindesliebe deutet Augustinus nicht auf konkrete Handlungen bezogen, sondern hinsichtlich einer Änderung der Einstellung.

Feindesliebe meine, so Augustinus, eine prinzipielle innere Bereitschaft des Menschen zum Frieden, eine praeparatio cordis (Herzenshaltung), keine realpolitische Prämisse. Doch der Realpolitik sind für den Kriegsfall durch diese Haltung enge Grenzen gesetzt. So sind nach Augustinus nur die jeweils gebotenen Mittel erlaubt, die den Frieden wiederherstellen und zur Umkehr des Friedensstörers beitragen (dem damit selbst mehr geholfen wird als durch Nichteinmischung), nicht aber solche, die Rachegelüste befriedigen oder von Gier, Grausamkeit, Eroberungstrieb und Unversöhnlichkeit zeugen.

Ausgehend von dieser pazifistischen Grundhaltung gilt es, eine Brücke zum „Feind“ zu bauen, damit der Selbstverteidigungs- bzw. der Nothilfefall gar nicht erst eintritt. Noch ehe überhaupt der „Feind“ zum Feind wird, ist der Feindschaft zu wehren. „Liebet eure Feinde!“ bedeutet damit: „Hasset eure Feindschaft!“. Wir sollen, so wir Jesu Worte nicht nur hören, sondern ihnen folgen wollen, das bekämpfen, was zwischen uns steht. Christliche Feindesliebe ist darum dem Wesen nach „Entfeindungsliebe“. Als solche fordert sie auf, den Irrenden und den Sünder zu lieben (und zu stützen), Irrtum und Sünde aber zu hassen (und zu bekämpfen).

Das erfordert Mut zum Perspektivenwechsel und zur Entaktualisierung von Konfliktpotential, um es mit der modernen Psychologie zu sagen. Mut – um es aus der Sicht christlicher Ethik zu sagen –, den Anderen im Licht der Liebe Gottes zu sehen. Wenn in diesem Licht etwas aufscheint, das die Beziehung stört, bedeutet Feindesliebe, nicht den Menschen zu verurteilen, sondern zu helfen, dass dieses Störende verschwindet. Lässt es sich nicht beseitigen, bleibt angesichts des drohenden Bruchs immer noch die Möglichkeit, Gott im Gebet um Hilfe und um Heilung zu bitten. Diese Chance kann einem niemand nehmen. Wenn die menschlichen Optionen ausgeschöpft sind, kann Gott helfen – nur Gott. Gebet ist immer eine Alternative zur Gewalt.

Diesen Weg zu gehen – zum Anderen und zu Gott –, das erfordert schließlich den Mut, uns selbst zu verändern. Eine Starre im Denken und Fühlen ist wie ein „Feind in mir“, der zuerst und am hartnäckigsten bekämpft werden muss.

Bedeutet das schließlich, um des Friedens willen für alles offen zu sein? Nein. Man braucht nicht seinen Standpunkt aufzugeben, damit Bewegung möglich wird. Nur sollte man bereit sein, probeweise die Perspektive des Anderen einzunehmen, um entdecken zu können, wie die Sache sich von seiner Warte aus darstellt. Der Ernst, mit dem man die eigene Position vertritt, darf nicht größer sein als der Ernst, mit dem man nach friedlichen Lösungen für einen Konflikt sucht. Und vor Gott zu treten, ohne die eigene Haltung zur Disposition zu stellen und bereit zu sein für Veränderung, wäre ohnehin die falsche Einstellung.

Das ist anspruchsvoll, sehr sogar. Es führt uns an Grenzen. Aber dass alles beim Alten bleiben kann und der Weg zum Frieden ein leichter ist, behauptet Jesus gar nicht. Er weiß um die Macht dessen, was von alters her „gesagt worden ist“. Dagegen setzt Er das radikal Neue, das Aber, das uns wie kaum etwas sonst herausfordert: „Ich aber sage euch“. Die Herausforderung anzunehmen und tatsächlich dem zu geben und zu borgen, der darum bittet, ist nicht einfach. Aber man kann es ja einfach mal versuchen.

(Josef Bordat)

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