„Augen zu und durch?“ – Ein Gastbeitrag zum Weckruf

19. Februar 2017


„Augen zu und durch?“ – Warum ich diesen Weg nicht mitgehen kann! Eine kritische Anmerkung zum Weckruf „Sine Dubiis“ von Dr. Markus Büning.

Eines vorweg: Ich kann das Anliegen der Unterzeichner durchaus verstehen! Im Januar 2016, als die Kritik an Papst Franziskus gerade im „ultrarechten“ Lager der Kirche mitunter schon völlig sachfremd entbrannt war, habe auch ich die Notwendigkeit gesehen, zur Mäßigung aufzurufen und sehe diese Notwendigkeit immer noch (vgl. Vertrauen statt Aufgeregtheit – Ein Plädoyer für die Liebe zum Petrus. Ein Gastbeitrag auf kath.net vom 27. Januar 2016). Die Kardinäle, die die Dubia gegenüber dem Statthalter Christi erhoben haben, sind jedoch aus einem ganz anderen Holz geschnitzt wie die vielen ungehörigen „Pöbler“, die völlig überzogen und flegelhaft seit 2013 über unseren Papst herziehen. Aber: Kritik ist doch dann, wenn sie geboten erscheint und in sachlich angemessener Weise geschieht, auch am Papst zulässig. Hier hätte ich von den Unterzeichnern des sogenannten Weckrufes mehr Differenzierungsvermögen erwartet!

Als Autor geistlicher Bücher, der sich vor allem dem Anliegen der Vermittlung von Heiligenleben für die Kirche unserer Zeit verschrieben hat, möchte ich folgende grundsätzlichen Anmerkungen zum Weckruf machen: Man darf doch bitte schön, wenn in der Sache angemessen, auch einen Papst kritisieren, ja mitunter sogar zurechtweisen! Schauen wir nur auf das Beispiel großer Heiliger: Was wäre aus dem Christentum geworden, wenn in der Stunde des Anfangs nicht ein Paulus dem Kephas ins Angesicht widerstanden hätte? Was wäre aus dem Papsttum geworden, wenn heilige Frauen wie Katharina von Siena und Birgitta von Schweden den römischen Bischöfen nicht mal gehörig die Leviten gelesen hätten und sie an die ordentliche Wahrnehmung ihres von Christus übertragenen Amtes mit geradezu prophetischen Worten erinnert hätten? Wie viel mehr Zulauf hätte nach dem Ersten Vatikanum die altkatholische Bewegung bekommen, wenn nicht ein so gemäßigter und besonnener Mann wie der selige John Henry Newman den Primat des Gewissens in der damals aufgeheizten Diskussion um den päpstlichen Primat hervorgehoben hätte? Nein, all diese Beispiele zeigen, wie lebensnotwendig solche „Rucksituationen“ für die Kirche sein können. Gut, dass die zuvor genannten Zeugen des Glaubens nicht nach dem Motto eines papalistischen „Augen zu und durch!“ verfahren sind (vgl. hierzu meine grundsätzlichen Ausführungen Ein Plädoyer gegen einen gewissenlosen Papalismus. Ein Gastbeitrag auf kath.net vom 07. Dezember 2016).

Und genau auf dieser Linie liegen die vier Kardinäle und im Gefolge derer ihre Unterstützer: Aufgrund des klaren Gebotes Gottes („Du sollst nicht die Ehe brechen!“) und der Weisung des hl. Johannes Paul II. in Nr. 84 Familiaris Consortio, dass ein Zusammenleben sog. wiederverheirateter Geschiedener nur auf dem Weg der sexuellen Enthaltsamkeit vor Gottes Gebot erlaubt ist. Diese Vorgaben prägen die Gewissen der Kritiker an Amoris Laetitia (vgl. hierzu meinen Artikel Amoris Laetitia und die Aufgabe einer verantwortlichen Gewissensbildung durch das kirchliche Magisterium. Ein Gastbeitrag auf katholisches.info vom 09. Januar 2016). Und dies ist von Seiten der andersdenkenden Gläubigen zu achten. Die Kritiker an AL haben es nicht verdient, in die Ecke pathologischer Querulanten gestellt zu werden. Zudem streiten die Lebenszeugnisse weiterer großer Heiliger für diese Kritik: Johannes der Täufer, Lambertus von Maastricht, Thomas More und John Fisher. All diese Männer haben ihr Leben gegeben, weil sie sich vor den Autoritäten dieser Welt standhaft für die Unauflöslichkeit der Ehe eingesetzt haben.

Die Liebe zum Papst, die seinem Amt gebührende Ehrfurcht und Achtung schulden wir nicht, weil der jeweilige Amtsträger per se ein Heiliger wäre. Hier zeigt uns bereits die Kirchengeschichte zu genüge, dass Petrus auch oft gefehlt und große Fehler gemacht hat. Hier ist Petrus genauso schwach wie wir alle, die wir sündige Menschen sind. Die Achtung gebührt dem Herrn, der diesen riskanten Weg der Stellvertretung gewählt hat, weil er eine sichtbare Kirche möchte: Die Kirche ist nicht nur Lehre, ein Gedankengebäude, nein sie ist vom Herrn begleitete Heilsgeschichte im Gewirr und Unheil aller Zeiten bis zu dem Tag, an dem ER wiederkommt. Wir können in der Tat dankbar dafür sein, dass der Herr uns den Petrusdienst geschenkt hat. Und auch in konkreter Hinsicht bin ich für einige Anstöße dieses Pontifikates dankbar: der bescheidene Lebensstil des Papstes, die Option für die Armen, das Wertschätzen der Volksfrömmigkeit, das Aufgreifen des Anliegens des Umweltschutzes in einer Enzyklika, die tiefe Marienfrömmigkeit und die Gegenwehr gegenüber einem elitären Klerikalismus. All das überzeugt mich und finde ich richtig! Hier erkennt der Papst sicher auch die Zeichen der Zeit.

Aber es gibt meinerseits auch Fragen: Die Missverständlichkeit von Amoris Laetitia, das m.E. gefährliche Zugehen auf die Piusbruderschaft ohne ausdrückliche Vorbedingung, das letzte Konzil anzuerkennen, sind hier nur zwei Punkte, die ich am konkreten Handeln des Papstes kritisch sehe. Zudem habe ich Probleme mit der Leichtfertigkeit seines Wortes, insbesondere in den von ihm gegebenen Interviews. Hier wäre m.E. Schweigen oft besser gewesen. Und diese Punkte darf man durchaus kritisch sehen.

Insgesamt gesehen glaube ich, dass dieser Weckruf die Debatte eher ver- als entschärfen wird. Hier scheint ein triumphaler Papalismus am Werke zu sein, der auch nicht hilfreich ist. Wir alle müssen wohl gerade lernen, mehr auf den Herrn zu schauen. Sein Wille bleibt auf ewig bestehen! Sein Wort allein ist untrüglich wahr! Sein Gesetz bleibt ewig! Vor IHM stehen wir alle, einschließlich der Papst und die Bischöfe, und können nur dankbar sein, dass er bei uns ist, „alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28, 20).

Markus Büning

Nachbemerkung:

Auf Jobo72 werden Gastbeiträge auch dann veröffentlicht, wenn die darin geäußerte Meinung nicht mit der des Weblog-Betreibers übereinstimmt. Gerade dann. Das ist ja der Sinn der Sache.

(Josef Bordat)

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