Die 96. Minute

19. Februar 2017


Ärgerlich. Für die Spieler und die Fans der Berliner Hertha. Erst in der Nachspielzeit der Nachspielzeit, in der sage und schreibe 96. Minute gelingt den Bayern im Berliner Olympiastadion der Ausgleich. Bitter. Auch für diejenigen, die im Tippspiel der „Kirche im Web“ 1:0 für Hertha BSC prognostizierten. Soll es geben, solche Leute.

Dramatisch ging es also zu in Berlin, gestern Nachmittag. Mit höchst unglücklichem Ausgang. Ein kleiner Trost: Wieder einmal belegt der Fußball eine kulturphilosophische These, nämlich die von der Katharsis des Kickens, davon, dass Mitleid und Furcht heute nicht mehr auf der Bühne, sondern auf dem Rasen erfahrbar gemacht werden. „Was besagt ein Shakespearescher Theatertod gegen das entscheidende Kopfballtor in der 92. Minute? Die zeitgenössischen Dramen voll Schicksal und Tragik finden nicht mehr auf den überholten Bühnen der Stadttheater statt, sondern in den Fußballstadien.“ Das sagt der Literaturkritiker Helmut Böttiger. Und womit? Mit Recht! Echte Dramatik is’ auf’m Platz!

Erinnert sei hier auch an Sascha Dreiers Comic Die 90. Minute. Dramatische Fußballgeschichten. Darin zeichnet er kleine Kunstwerke zu fünf Begegnungen, die es in Fankreisen – und darüber hinaus – zu Kultstatus gebracht haben: das legendäre WM-Halbfinale Deutschland gegen Italien 1970 in Mexiko-Stadt, die Partie Arminia Bielefeld gegen 1860 München im Abstiegskampf der Bundesligasaison 1980/81, das UEFA-Cup-Achtelfinalrückspiel Borussia Dortmund gegen Deportivo La Coruña (1994), die Partie Hansa Rostock gegen den FC Bayern aus der Saison 2000/2001 sowie der letzte Spieltag dieser denkwürdigen Saison, an dem die Bayern beim Hamburger SV in allerletzter Sekunde die Meisterschaft sicherten und dem FC Schalke doch noch die Schale entrissen, an die die Königsblauen schon Hand angelegt hatten.

Keine Winzigkeit ist Dreier zu klein, wenn sie dazu dient, die cholerischen Ausbrüche Kahns, den Schmäh unseres Kaisers Franz und die Begeisterung junger und alter Fans punktgenau zu illustrieren. Man fühlt sich mitgenommen in die Atmosphäre des Stadions, man durchleidet die kritischen Spielsituationen hautnah und freut sich schließlich mit den Helden auf dem Rasen, weil es Dreier mit seinem Detailreichtum gelingt, Stimmungen zu verdichten, die Spannung des Augenblicks zeichnerisch einzufangen und dem Betrachter verfügbar zu machen.

Auch ein kleiner Trost: Blättern im Fußball-Comic. Ansonsten: Ärgerlich. Sehr ärgerlich.

(Josef Bordat)

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