Offener Brief an die Judäische Volksfront

20. Februar 2017


In Monty Pythons Life of Brian („Das Leben des Brian“) gibt es eine sehr lustige Situation. Verschiedene Gruppierungen und Grüppchen konkurrieren im Palästina der Zeit Jesu um die reine Lehre im Umgang mit der römischen Besatzungsmacht. Ihr gemeinsames Ziel ist die Befreiung der Heimat. Doch anstatt sich auf dieses Ziel zu konzentrieren, bekämpfen sie sich lieber gegenseitig. Als nun zwei der (noch aktiven) Gruppen zeitgleich die Frau des Statthalters Pontius Pilatus entführen wollen, geraten sie darüber in einen handfesten Urheberrechtsstreit. Nur Brian setzt die richtigen Prioritäten, zumindest, insoweit es um die Zielsetzung geht. „Wir sollten miteinander ringen!“, fleht er seine Gesinnungsgenossen an. „Das tun wir doch!“, antworten diese, während sie tatsächlich miteinander ringen – ganz konkret. Die Aktivisten der Gruppe A mit den Aktivisten der Gruppe B. Es gibt dabei nur einen Überlebenden (und auch das nur aus dramaturgischen Gründen): Brian.

Was als Persiflage auf die Zersplitterung im linken Lager der 1970er Jahre gedacht ist, passt ganz gut zur heutigen Lage der Katholischen Kirche in Deutschland. Ich sage das nicht gerne, aber es scheint so: Wir ringen miteinander, also: gegeneinander. Aber alle machen dabei mit. Ich möchte nicht – wie Brian in seinem Appell, der kein Gehör findet – vom „gemeinsamen Feind“ sprechen (im Life of Brian ironischerweise: „die Römer“), aber doch daran erinnern, dass bei den derzeitigen Grabenkämpfen viel Energie verloren geht, die anderweitig eingesetzt werden könnte, in der Auseinandersetzung mit dem, was uns als katholische Christen wirklich stören sollte.

Unsere Gegner (ich will sie mal so nennen), das sind Bewegungen, die Gewalt ausüben und zu Gewalt anstacheln. Unsere Gegner, das sind Unternehmen, die keine angemessenen Löhne zahlen bzw. denen es egal ist, wenn ihre Zulieferer das tun. Unsere Gegner, das sind Organisationen, die Religion ins Private drängen und sich jede Meinungsäußerung der Kirche zu gesellschaftlichen Fragen verbitten. Unsere Gegner sind Einrichtungen, die auf welche Weise auch immer bestrebt sind, den Menschen zu verzwecken und ihn seiner Würde zu berauben. Unsere Gegner, das sind daher alle, die das Lebensrecht des Menschen an Bedingungen knüpfen. Unsere Gegner, dass sind Gruppen, die auf den Schultern der Wissenschaft stehend jeder religiösen Weltsicht ihre Orientierungsleistung absprechen. Unsere Gegner sind Menschen, für die Fremde immer böse sind, weil sie fremd sind. Unsere Gegner sind Menschen, für die Fremde immer gut sind, weil sie fremd sind. Unsere Gegner sind Ideologen und Feinde der Vernunft. Unsere Gegner haben den Respekt vor der Toleranz verloren, die Anfangsachtung vor dem Bekenntnis des Anderen. Unsere Gegner wollen zerstören, was sie nicht verstehen und verstehen es nicht, weil sie sich nicht genug um Verständnis bemühen. Das sind unsere Gegner, ihnen sollte unsere Aufmerksamkeit in der publizistischen Auseinandersetzung gelten.

Derzeit sind wir doch sehr mit uns selbst beschäftigt. Ich will das Niemandem streitig machen, denn auch das gilt es zu tolerieren. Aber dennoch: Wenn ich mir so meine Mailbox anschaue, dann sieht es fast so aus, als sollte ich mich nun für die Unterstützung der Sine Dubiis-Geschichte bei jedem Kritiker persönlich verantworten. Und einige schießen in ihrer Kritik deutlich über das Ziel hinaus. Es geht insgesamt zu viel um Personen, zu wenig um Positionen. Zu viel Anmache, zu wenig Argumente. Also: Wenn wir schon miteinander ringen müsse – gestehen wir dabei doch beiden (oder allen) Seiten zu, nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln. Prüfen wir selbst, ob Zuspitzungen, die gezielt gegen Personen gerichtet sind, wirklich hinsichtlich der Sache ihre klärende Notwendigkeit haben.

„Und Du? Vielleicht gehörst Du ja auch zu einer der Gruppen, über die Du Dich mokierst! Vielleicht ist es nicht die Judäische Volksfront, sondern die Volksfront von Judäa. Oder die Populäre Front.“ – Richtig: vielleicht. Ich werde mich daher auch nicht mehr in der Angelegenheit Sine Dubiis äußern, es sei denn, es gibt wieder einen Reichstag und jemand zahlt mir das Ticket nach Worms. Über das Gewissen – und darum geht es in der Sache letztlich (wie fast immer) – habe ich einschlägig veröffentlicht. Wer sucht, wird sicher fündig werden. Mehr habe ich auch dazu nicht zu sagen.

Übrigens: Bis Ende Februar ist noch Karneval. Ist auch katholisch. Wenn wir mal ehrlich sind.

(Josef Bordat)

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: