Karneval. Eine ganz kurze Kulturgeschichte

28. Februar 2017


Die Kulturgeschichte des Karneval beginnt vor 5000 Jahren. Am Beginn der Zivilisation steht gewissermaßen der Karneval, und zwar in Mesopotamien, im Zweistromland, im Land der ersten urbanen Kulturen. Eine altbabylonische Inschrift aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. gibt Auskunft darüber, dass unter dem Priesterkönig Gudea ein siebentägiges Fest gefeiert wurde und zwar nach Neujahr als symbolische Hochzeit eines Gottes. Die Inschrift besagt: „Kein Getreide wird an diesen Tagen gemahlen. Die Sklavin ist der Herrin gleichgestellt und der Sklave an seines Herrn Seite. Die Mächtige und der Niedere sind gleichgeachtet.“ – Das ist eine gute Definition des Karneval: Jeder Jeck ist anders, aber alle machen mit. Oben und unten verschwimmen.

In allen frühen Kulturen des Mittelmeerraumes lassen sich ähnliche Feste nachweisen: In Ägypten feierte man ein ausgelassenes Fest zu Ehren der Göttin Isis und die Griechen veranstalten es für ihren Gott Dionysos und nennen es Apokries, was eben genau die Bedeutung von carne vale hat, nämlich „Fleisch vorbei“. Auch in Rom feierten die Sklaven mit ihrem Herrn, man saß zusammen am Tisch, trank und aß nach Herzenslust und konnte jedes freie Wort wagen. Zugleich überschüttete man sich mit kleinen Rosenblütenblättern; daran erinnert heute noch das Konfetti.

Jetzt gibt es zwei unterschiedliche historische Erklärungen dafür, warum wir heute immer noch Karneval feiern. Die eine, man könnte sie Kontinuitätsthese nennen, geht davon aus, dass die antiken, insbesondere römischen Festbräuche in den besetzten Gebieten tradiert wurden. Das Rheinland war damals von den Römern besetzt, die bis zum Rhein kamen und sich dort über Jahrhunderte ansiedelten. Dann kamen die Franken (455) und Germanen im frühen Mittelalter bis zum Reichsgründung (800). Das Gebiet wurde christianisiert, Köln wurde wichtige Bischofsstadt – und ist es, bis heute. Dann, so die These, hätten die neuen Christen die alten Bräuche übernommen. Diese Erklärung wird heute zunehmend angezweifelt, weil es zwischen dem Ende der Römer-Herrschaft im 5. Jahrhundert und dem Wiederaufleben des Karnevals im 12. Jahrhundert doch eine große zeitliche Lücke gibt. Die andere Erklärung, die man Katholizitätsthese nennen könnte, geht davon aus, dass der Karneval in der heutigen Form sehr eng mit der Fastenzeit zusammenhängt, also als Teil des Kirchenjahres gesehen werden muss. Das wäre dann eindeutig ein christlich-katholischer Zusammenhang. Das erklärt freilich nicht die Tatsache, dass der Rhein die Geister des Karnevals scheidet, dass also linksrheinisch gefeiert wird (Köln, Düsseldorf) und rechtsrheinisch, vor allem dann in Westfalen (Münster, Paderborn), nicht ganz so groß. Das jedoch könnte man auch mit der unterschiedlichen Mentalität erklären, also gewissermaßen ethnologisch, und natürlich auch damit, dass Köln und Düsseldorf Großstädte sind, die ein ganz anderes Potential freisetzen können bei den Feierlichkeiten. Dass es in dem nach 1500 protestantisch werdenden Raum keinen Karneval in der Form gibt, passt ins Bild, denn der wurde in dem Maße zurückgedrängt, in dem auch die Fastenzeit oder das Fasten überhaupt in Frage gestellt wurden, als Bußübung, die zu sehr an katholische Werkgerechtigkeit zu erinnern schien. Das würde diese zweite Erklärung also stützen. In diesem Sinne könnte man von einem antiken Karneval sprechen (vom 3000 v. Chr. bis 500 n. Chr.) und von einem katholischen Karneval (von 1100 n. Chr. bis heute).

Bei der Suche nach christlichen Deutungsmustern für den zweiten, den katholischen Karneval wird man bei niemand geringerem als dem Kirchenvater Augustinus fündig. Die mittelalterliche Fastnacht wird auf dessen Werk De civitate Dei (Gottesstaat) zurückgeführt. Der Karneval steht dabei für das Gegenmodell, die civitas diaboli, den Teufelsstaat. Karneval wurde also religionspädagogisch bzw. pastoral aufgenommen, um zu illustrieren, dass die Herrschaft des Bösen in der „verkehrten Welt“ vergänglich und Gott am Ende siegreich ist. Das machte den Karneval quasi zur Katholikenpflicht. Es gab päpstliche Empfehlungen, so die von Martin IV. (1284), die Gläubigen sollten ruhig „etliche Tage Fastnacht halten und fröhlich sein“. Johann Geiler von Kayserberg, Franziskanerprediger am Straßburger Münster aus dem 15. Jahrhundert, meinte: „Die Christliche Catholische Kirche erlaubet eine ehrliche recreation und Wollustbarkeit, damit ihre geistlichen Kinder desto williger seyn, das heilige Fasten zu halten“. Also, die Ausrichtung auf das Fasten ist bereits ein impliziter Bestandteil des Karnevals, der Karneval selbst damit ein Bestandteil des Kirchenjahrs.

So wurde Karneval gefeiert und so kehrt am Aschermittwoch die „verkehrte Welt“ wieder um, der Mensch wendet sich wieder Gott zu. Dieser Effekt, also Umkehr zu verdeutlichen, Abkehr vom Bösen, war entscheidend für die positive Sicht auf den Karneval. Denn während die Kirche während der Fastnacht, während des Karnevals offenbar sogar Blasphemie duldete (kirchliche Rituale wurden parodiert, Pseudopäpste wurden gekürt, es gab „Narrenmessen“), wurde ein Weiterfeiern nach Aschermittwoch strengstens verfolgt. Also, es war im Grunde alles erlaubt, aber nicht, den rechtzeitigen Absprung zu verpassen, mit dem man sich wieder zu Gott und der Kirche wandte – nach dem Karneval. Es gibt eine Grenze nicht inhaltlicher, sondern zeitlicher Art. Das „Kehret um!“ gilt allen Menschen, unabhängig davon, was vorher war. Nur, man muss es dann auch tun! Das ist die, wenn man so will, pastoraltheologische Seite des Karnevals im Mittelalter und eigentlich auch bis heute. Macht, was ihr wollt, aber am Aschermittwoch ist alles vorbei. Von außen betrachtet mutet das an wie Heuchelei und Doppelmoral, aber die feiernden Christen verstehen doch, dass es hier um Umkehr geht, um die Erfahrung von Gnade und Liebe Gottes dem Sünder gegenüber, der sich – das ist entscheidend – von der Sünde abwendet.

Unter diesem Vorzeichen beginnen im Hochmittelalter die Karnevalsfestivitäten im Rheinland. Ab dem frühen 12. Jahrhundert finden wir erste Anzeichen für größere Fastnachtsfeiern. So ist überliefert, dass der erste Karnevalswagen 1133 in Aachen gebaut wurde. In Köln sprach man schon im Jahr 1234 vom „närrischen Treiben“. Im Jahre 1341 fand der erste Karnevalsumzug in Köln statt. Eine der ältesten Erwähnungen der Fastnacht findet sich in der Speyerer Chronik von 1612, der aus alten Akten berichtet: „Im Jahr 1296 hat man Unwesen der Fastnacht etwas zeitig angefangen / darinn etliche Burger in einer Schlegerey mit der Clerisey Gesind das ärgst davon getragen / hernach die Sach beschwerlich dem Rhat angebracht / und umb der Frevler Bestrafung gebetten.“

Sinnbild für die „verkehrte Welt“ des Karneval, den verkehrten Kurs ist das mittelalterliche „Narrenschiff“. Es ist besetzt mit Personen, die nur dem eigenen Vergnügen frönen. Auf Holzschnitten und Bildern sind Frauen und Männer geistlichen Standes vertreten. Sie reisen unter geblähten Segeln „gen Narragonien“. Bekannt ist auch die Schrift Daß Narrenschyff ad Narragoniam von Sebastian Brant, ein Buch, das 1494 erschien und das dieses Bild der „verkehrten Welt“ aufgreift und der Narrengesellschaft auf dem Schiff durch eine unterhaltsame Schilderung ihrer Laster kritisch den Spiegel vorhält. Die Moralsatire Brants ist das erfolgreichste deutschsprachige Buch des Mittelalters.

Der Blick in die Geschichte des Mittelalters zeigt: Der Karneval hat als „Fest der verkehrten Welt“ (hierin liegt auch der Ursprung der Verkleidung) eine unverrückbare Stellung im christlich-katholischen Kalender, er ist untrennbar mit dem Aschermittwoch und der folgenden Fastenzeit verbunden. Bereits der Fasching bereitet die Fastenzeit als den reinigenden Bußakt vor: Durch Darstellung und Spiel der verkehrten Welt soll die rechte Ordnung um so deutlicher erscheinen. Am Aschermittwoch ist schlagartig alles vorbei. Die Narrenkappe mit den „Eselsohren geistlicher Trägheit“ und den „Schellen der Lieblosigkeit“ wird abgelegt. Umkehr hin zu Gott. Damit ist der Antagonismus von Karneval und Fastenzeit auch so etwas wie der ewige Kampf des Guten gegen das Böse. Als ein Beleg dafür gilt das Gemälde „Kampf zwischen Fastnacht und Fastenzeit“ von Pieter Brueghel d. Ä. aus dem 16. Jahrhundert. Das wüste Fastnachtstreiben stellt demnach den unerlösten, chaotischen Zustand der Welt dar – samt der Herrschaft des Teufels und seiner Narren. Die Umkehr und Rückkehr zur kirchliche und weltlichen Ordnung ist eine Umkehr und Rückkehr zu Gott.

Die Reformation stellte die vorösterliche Fastenzeit und damit eben auch die Fastnacht infrage. Der Karneval zieht sich vom 16. bis ins 19. Jahrhundert an die Höfe, auf die Schlösser zurück, wird als elitärer Maskenball veranstaltet; der lebhafte Straßenkarneval des Volkes verschwindet. Die Umzüge mit Wagen und Fußgruppen, wie man es vom Rosenmontagszug kennt, wurden erst 1823 in Köln neu belebt, dann vor allem organisiert vom aufstrebenden Bürgertum, das die Rolle der Zünfte übernahm. In der Geschichte Kölns fiel der Zug seit 1823 nur ganz selten aus, zuletzt 1991 aufgrund des Zweiten Golfkriegs. Auch davor hauptsächlich wegen der Kriege und der unmittelbaren Kriegsfolgen.

In dieser Zeit der Wiederentdeckung des Straßenkarnevals, also Anfang des 19. Jahrhunderts, entstehen auch die Garden, die Funken. Die Funken gehen zurück auf verschiedene Einheiten der Kölner Stadtsoldaten, die von den 1794 einmarschierenden französischen Truppen aufgelöst wurden. Die Karnevalssoldaten machten aus dieser Not eine Tugend, übernahmen die alten Uniformen der Stadtgarden und karikierten damit in den Folgejahren die preußischen Soldaten, die nach 1822 in Köln das Kommando innehatten (von 1822 bis 1945 gab es die so genannte „Rheinprovinz“ als Teil Preußens). Bis heute persiflieren die Funken das militärische Gehabe durch ihre Kommandosprache und ziemlich absurde Exerzierformen, z. B. den Stippeföttchedanz.

Dann kommt das 20. Jahrhundert. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde Fasching, wie alles andere auch, oftmals für propagandistische Zwecke eingesetzt. Die Propaganda der Nazis sollte den Karneval umfunktionieren und aus seinem religiösen Sinnzusammenhang lösen. Stattdessen sollte es unter Berufung auf die „germanische Vorzeit“ eine „Deutsche Fastnacht“ geben, die kein „Abkömmling jüdisch-christlicher Kultur“ sei. „Die innere Beziehung zum kirchlich-christlichen Fastabend“ müsse „negiert und verwischt“ werden, hieß es in einer nationalsozialistischen Weisung vom November 1933.

Kardinal Michael Faulhaber hat den Karneval gegen diese völkische Umdeutungen in Schutz nehmen. In seiner Predigt zu Silvester 1934 sagte er: „Der Karneval, früher eine Vorfeier der kirchlichen Fastenzeit, hat sich von der Kirche losgesagt und wird, eigentlich als Irrläufer und ohne inneres Recht, auch von jenen heute gefeiert, die die fleischlosen Fasttage der Kirche nicht mitmachen.“ 1935 widerstand der Kölner Karneval dem Eintritt in die NS-Organisation „Kraft durch Freude“, was als Narrenrevolte bezeichnet wird. Allerdings bezog sich das nur auf die Organisationsstruktur; ein Teil der Leitung der Kölner Karnevalisten war bereits zuvor in die NSDAP eingetreten.

Von Widerstand auf breiter Front kann seitens der Narren also keine Rede sein. Doch in Einzelfällen zeigt sich, dass die Kreativität des Karneval dem Zeitgeist auch damals etwas entgegenzusetzen hatte. Erinnert sei etwa an Karl Küpper, einen Kölner Büttenredner, der die Nazis (besonders deren „Deutschen Gruß“) gehörig auf die Schippe nahm, daraufhin lebenslängliches Redeverbot bekam und sich dem KZ nur entziehen konnte, indem er freiwillig in die Wehrmacht eintrat. Küpper selbst sah sich jedoch nie als Widerstandskämpfer gegen den Faschismus, sondern immer als Karnevalist. Das sollte im besten Fall auf das gleiche hinauslaufen.

Zuerst erschienen in der Tagespost vom 6. Februar 2016, S. 12.

(Josef Bordat)

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