Die Sache mit der Selbstbestimmung

4. März 2017


Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hat geurteilt, dass Menschen, die aufgrund der als unerträglich empfundenen Extremsituation einer unheilbaren Krankheit ihrem Leben ein Ende setzen wollen, das Recht auf ein tödlich wirkendes Betäubungsmittel haben. Abgesehen davon, dass die Bedingungen des Rechtsschutzes nicht objektivierbar sind, was für eine objektive Norm eigentlich Voraussetzung sein sollte, ist die Begründung interessant: Die Richter argumentierten mit der Selbstbestimmung, wie sie das Grundgesetz dem Menschen zuschreibe.

Selbstbestimmung – wie sie diejenigen auffassen, die meinen, je mehr Möglichkeiten für die aktive Gestaltung des Lebensendes erlaubt sind, desto mehr werde man der Würde des Menschen gerecht – gibt es aber in dieser Form nicht, zumindest nicht in sinnvoller Weise. Das zeigt sich bei einem Blick hinter die Kulissen dieses schillernden Konzepts. Ich möchte den Begriff, der nicht nur das Urteil, sondern auch die gesamte gesellschaftliche Debatte prägt, einmal etwas genauer unter die Lupe nehmen und aus philosophischer, aus christlich-anthropologischer und aus katholischer Perspektive problematisieren.

1. Jede Selbstbestimmung hat Grenzen – denn Niemand lebt allein. Doch selbst dann, wenn der Mensch allein lebte, gäbe es Grenzen seiner Verfügungsmacht über sich und das in ihm wohnende Menschliche (Kant nennt es Sittlichkeit oder moralisches Gesetz). Es gibt also Pflichten gegen unser Menschsein als solches, die wir auch dann nicht verletzen dürfen, wenn sich alle Menschen, die eine Entscheidung äußerlich etwas angeht, einig sind. Es handelt sich um Entscheidungen, die gegen das Wesen und die Würde des Menschen gerichtet sind. Hier ist der Autonomie des Menschen eine letzte Grenze gezogen: eben jene Würde, die heute gerade als Grund für ein schrankenloses Selbstbestimmungsrecht herhalten muss. Doch Würde umfasst mehr als das, was einen einzelnen Menschen angeht, mehr als seinen Körper und seine Seele. Es geht um die Würde, die in uns wohnt, uns zugleich aber übersteigt und uns letztlich entzogen ist. Auch die „schafft man aus der Welt“, wenn man sich das Leben nimmt oder nehmen lässt.

2. Die christliche Theologie verleiht dem Menschen eine unveräußerliche Würde, eine dignitas humana, die direkt aus der Gottebenbildlichkeit des Menschen erwächst. Als Abbild Gottes ist dem Menschen personale, subjektive Würde verliehen. Ausgangspunkt der christlichen Anthropologie ist die Geschöpflichkeit des Menschen. Gott schuf den Menschen als sein Abbild, so steht es gleich dreimal hintereinander in der Genesis (Gen 1, 26-27). Gottebenbildlichkeit ist demnach eine Gabe Gottes, die sich durch Unverfügbarkeit für den Menschen auszeichnet. Sie ist keine Qualität des Menschen, sie besteht nicht in etwas, das der Mensch ist oder tut, sondern sie besteht, indem der Mensch selber und als solcher besteht, als ein Gottes Geschöpf. Er wäre nicht Mensch, wenn er nicht Gottes Ebenbild wäre. Er ist Gottes Ebenbild, indem er Mensch ist. Damit ist die Würde des Menschen, die aus der Gottebenbildlichkeit erwächst, unveräußerlich, nicht von ihm zu trennen, weil die Gottebenbildlichkeit nicht von ihm zu trennen ist. So ist der Mensch als geschaffenes Ebenbild Gottes von seinem Ursprung, seinem Wesen und seinem Ziel her nicht eigenbestimmt, seine Würde ist eine dignitas aliena, eine „fremde Würde“ (so Martin Luther). Der Mensch konstituiert sich also nicht in völliger Autonomie als selbstbestimmtes Subjekt, sondern bleibt dem Objekt in einer heteronom gestalteten Beziehung zugewandt. Gerade dadurch erhält der Mensch nicht nur eine ihm „fremde“, sondern eine ihm entzogene Würde, eine absolute Würde, die nicht Gegenstand konventionaler Überlegungen der Gemeinschaft oder subjektiver Entscheidungen des Menschen sein kann.

3. Die Position der Katholischen Kirche fasst die Überlegungen zu Subjektivität, Sittlichkeit und Würde in der Forderung nach „Achtung vor der menschlichen Person“ zusammen. In der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes des Zweiten Vatikanischen Konzils heißt es: „Was ferner zum Leben selbst in Gegensatz steht, wie jede Art Mord, Völkermord, Abtreibung, Euthanasie und auch der freiwillige Selbstmord; was immer die Unantastbarkeit der menschlichen Person verletzt, wie Verstümmelung, körperliche oder seelische Folter und der Versuch, psychischen Zwang auszuüben; was immer die menschliche Würde angreift, wie unmenschliche Lebensbedingungen, willkürliche Verhaftung, Verschleppung, Sklaverei, Prostitution, Mädchenhandel und Handel mit Jugendlichen, sodann auch unwürdige Arbeitsbedingungen, bei denen der Arbeiter als bloßes Erwerbsmittel und nicht als freie und verantwortliche Person behandelt wird: all diese und andere ähnliche Taten sind an sich schon eine Schande; sie sind eine Zersetzung der menschlichen Kultur, entwürdigen weit mehr jene, die das Unrecht tun, als jene, die es erleiden. Zugleich sind sie in höchstem Maße ein Widerspruch gegen die Ehre des Schöpfers“ (Nr. 27).

Das Bundesverwaltungsgericht meint, dass die Freiheit des Menschen das Recht umfasse, das eigene Leben zu beenden, wenn man dies denn will. Interessanterweise wird – ganz heteronom, ja, fast schon paternalistisch – eine freiheitsbeschränkende Bedingung genannt (die unheilbare Krankheit) – so ganz ernst scheint man die Selbstbestimmung des Menschen also doch nicht zu nehmen. Die im Urteil aufscheinende Position lässt sich jedenfalls kritisieren, mit und ohne Gottesbezug, wie man an den philosophischen, theologischen und kirchlichen Einwänden sieht. Man muss sich jedoch abgesehen davon auch einmal ganz grundsätzlich die Frage stellen, ob ein Mensch, der meint, nicht mehr weiterleben zu können bzw. zu wollen, überhaupt „frei“ ist, also jene Autonomie besitzt, um die es bei der selbstbestimmten Entscheidung geht.

(Josef Bordat)

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