Krankheit als Gewinn

6. März 2017


Das andere Leben mit Parkinson

Henk Blanken ist ein in den Niederlanden populärer Autor und Journalist. Als solcher ist er viel beschäftigt. Unter anderem arbeitet er für die Tageszeitung De Volkskrant. Auch wissenschaftlich hat er sich mit der Publizistik auseinandergesetzt und ein viel beachtetes Werk über narrativen Journalismus verfasst. Dann – Blanken ist Anfang 50 – die Diagnose: Parkinson. Das bedeutet: Gebrechlichkeit, Vergesslichkeit, schleichender Verfall, bis hin zur Arbeitsunfähigkeit. Und das mitten im Leben. Doch Blanken nimmt sein Schicksal gelassen, ja, die Krankheit ist für ihn „eine gute Geschichte“.

Diese erzählt er uns in seinem jüngst auch in deutscher Sprache erschienenen Buch Da stirbst du nicht dran. Was Parkinson mir gibt. Noch positiver klingt der niederländische Originaltitel: Pistoolvinger. Parkinson en de schoonheid van het verval – zu deutsch: „Pistolenfinger. Parkinson und die Schönheit des Verfalls“. Der Pistolenfinger ist Blankens Zeigefinger. Er steht die meiste Zeit verkrampft aufrecht. Ein Freund meint dazu: „Du kannst noch von Glück sagen, dass es nicht dein Mittelfinger ist.“ Blanken erzählt davon. Man sieht ihn förmlich lächeln. Dieser Humor durchzieht das Buch wie ein roter Faden.

Blankens Geschichte ist mehr als ein Krankheitsbericht, auch, wenn man viel über Parkinson und die Folgen erfährt. Doch das geschieht eigentlich eher nebenbei. Es geht vor allem um das Annehmen und Aushalten, um das Aufgeben und Loslassen. Um das Entdecken des Neuen, um Freundschaft und um das Leben. Und um die Grenze des Zumutbaren. „Solange ich denken und schreiben kann, bin ich glücklich“, sagt Blanken. Und was, wenn das Denken und Schreiben immer schwerer fällt und irgendwann nicht mehr möglich ist? Blanken hat eine Patientenverfügung aufgesetzt, über die er offen spricht. Mit seiner Sandra. Und mit uns.

Die Begegnung mit Henk Blanken ist tief berührend. Sie ist zudem unterhaltsam und lehrreich. Sie zeigt, worauf es wirklich ankommt. Sie stellt Fragen nach dem Wert und dem Sinn des Lebens. Der Verfasser ist sicher nicht der erste, der auf die Essenz des Daseins aufmerksam macht, aber doch einer der wenigen, die dies ebenso spielerisch wie glaubhaft tun, mit einer erzählerischen Leichtigkeit, die meisterhaft ist. Eine lesenswerte Reise durch das Neuland jenseits von Erfolg, Dynamik und eingefahrenen Gleisen. Eine Grenzerfahrung zwischen Tragik und Komik, bei der die Formulierungsgabe des Protagonisten über manche tiefe Schlucht trägt, die er zuvor aufgerissen hat.

Bibliographische Angaben:

Henk Blanken: Da stirbst du nicht dran. Was Parkinson mir gibt.
Ostfildern: Patmos 2017.
240 Seiten, € 20,00.
ISBN 978-3-8436-0850-3.

(Josef Bordat)

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