Prinzip: Protest

13. März 2017


Die ideengeschichtliche Bedeutung der Reformation.

Jörg Lauster, Professor für Systematische Theologie mit dem Schwerpunkt Dogmatik, Religionsphilosophie und Ökumene an der Ludwig Maximilians-Universität München und Autor des Bestsellers Die Verzauberung der Welt. Eine Kulturgeschichte des Christentums (2015) richtet in seinem jüngst erschienenen Essay Der ewige Protest. Reformation als Prinzip einen durchaus kritischen Blick auf das Erbe Luthers bzw. dessen Erben.

Zunächst müsse man erkennen, so Lauster, dass die Reformation weniger als historische Epoche denn als Geisteshaltung ihren bleibenden Wert für die Kultur des christlichen Europas hatte und hat: „sie ist [..] kein einmaliges Ereignis, sondern Prozess und Prinzip“. Und dabei ist es die ideengeschichtliche Dimension, die zählt.

Eine zu starke Betonung ihres Ursprungs bei Luther (der Verfasser attestiert dem „deutschsprachigen Protestantismus“ die „Neigung“, dessen Rolle „chronisch zu überschätzen“), wie sie ein Gedenkjahr impliziert, birgt einerseits die Verlockung, ihre äußerst heterogene Entfaltung („Aus einer großen Aufbruchsbewegung wurde kleinkariertes theologisches Gezänk“) zu übersehen.

Andererseits drohe die Gefahr, ihre ideengeschichtliche Bedeutung („denkende Frömmigkeit und Mut zum Gestaltwandel“ als Gegenkonzepte zu „Gedankenverarmung“ und „Verlustangst“ – beileibe nicht nur in der Kirche ein Thema!) systematisch zu unterschätzen, obgleich es nach Ansicht des Verfassers gerade darauf ankomme, wenn es um die Zukunft des Christentums geht (Stichwort: Ökumene).

Kirchengeschichtlich sieht Lauster die Reformation als „dritte große Epochenzäsur“ (nach der Konstantinischen Wende im vierten und dem Bruch zwischen West- und Ostkirche im elften Jahrhundert). Ihr folgten in der Profangeschichte weitere politisch, wirtschaftlich und (immer wichtiger) wissenschaftlich-technologisch begründete Umbrüche.

Ergo: Die Reformation ist in der europäischen Kulturgeschichte nichts Besonderes. Selbst für das Christentum als religiösem Glaubenssystem sind die Herausforderungen der Moderne weitaus größer als die der Reformation. In der Tat: Heute sind Darwin, Freud, Einstein, Hawking die Protagonisten der Kirchenkritik. Und schon lange nicht mehr Luther.

Dennoch überwiegt bei Lauster das prozessuale Geschichtsverständnis, das besonders auch die Arrangements des Christentums mit dem „Zeitgeist“ in den Blick nimmt und affirmativ rezipiert, etwa den „Kulturprotestantismus“ des 19. Jahrhunderts. Was andernorts ein Schimpfwort ist, das wird bei Lauster überzeugend rehabilitiert, leistete diese „bemerkenswert interessante Bewegung“ doch nichts weniger als den beachtlichen Versuch, „Christentum und Moderne miteinander zu verbinden“. So bleibt der Geist der Reformation als Quell guter Ideen und Interpretamente auch in aktuellen Diskursen wertvoll.

Apropos: Aktualität. Ein eigenes Kapitel ist der kulturhistorischen Verortung des „Jubiläums“ selbst gewidmet („An 2017 wird eines mit Sicherheit haften bleiben: Es war viel“). Das Fazit des Autors klingt ernüchternd: „Es ist schade, dass das Reformationsjubiläum zwar außerordentlich betriebsam begangen wird, aber für die entscheidende Frage nach dem Sinn der Reformation wenig Platz lässt“.

Warten wir es ab. Mit Der ewige Protest. Reformation als Prinzip tut Jörg Lauster jedenfalls das seine, damit das Jahr 2017 auch als lehrreich und tiefschürfend in Erinnerung bleibt.

Bibliographische Angaben:

Jörg Lauster: Der ewige Protest. Reformation als Prinzip.
München: Claudius 2017.
144 Seiten, € 12,–.
ISBN 978-3532624968.

(Josef Bordat)

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