Blinken und denken

14. März 2017


Robert Nitsch warnt davor, philosophische Argumente in der Leib-Seele-Debatte für obsolet zu halten.

Die bildgebenden Verfahren der neurowissenschaftlichen Gehirnforschung scheinen in der Leib-Seele-Debatte philosophischen Überlegungen den Rang abgelaufen zu haben. Mehr noch: Sie scheinen sie überflüssig zu machen, lassen sie aussehen wie Jugendsünden der menschlichen Kultur. Damals waren wir naiv genug zu glauben, man könne über den Geist reden, ohne das Gehirn zu kennen, doch jetzt wissen wir es besser: Es blickt, es denkt. Das Phänomen Bewusstsein wird nur noch als gehirnphysiologisches aufgefasst, dem man mit einer noch besseren Technik hinreichend auf die Schliche kommen wird. Motto: Wir müssen nur genauer hinschauen, die Blickrichtung stimmt.

Gegen diese Haltung schreibt Robert Nitsch sein Buch. Nitsch, Direktor des Instituts für Mikroskopische Anatomie und Neurobiologie und Sprecher des Forschungsschwerpunkts Translationale Neurowissenschaften (FTN) an der Universität Mainz, ist dabei ein ausgewiesener Experte, erhaben über voreilige weltanschaulich motivierte Verdächtigungen. Er weist darauf hin, dass auch der Neurowissenschaft Postulate im Rücken liegen, die nicht selbst Gegenstand der Erfahrung sind, die erfahrungswissenschaftliche Theorien jedoch mitbestimmen. Damit haben sie nicht den postulierten Vorteil gegenüber den klassischen philosophischen Thesen, denen ihre Voraussetzungen inhärent sind. Dementsprechend plädiert er für ein erkenntnis- und wissenschaftstheoretisch wohlbegründetes Nebeneinander der Ansätze aus Physiologie, Psychologie und Philosophie.

Zu Beginn nimmt er die gegenwärtige Stimmung auf: „Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht das menschliche Verhalten durch neueste neurowissenschaftliche Befunde – die häufig genug keineswegs neueste Ergebnisse sind – erklärt wird, in kaum einer Debatte über die großen Gesellschaftsthemen, etwa bei der Bildungs- und Schulreform oder der Frage nach Schuld und Bestrafung, fehlt der neurowissenschaftliche Beitrag, der die biologischen Grundlagen in der Diskussion bereitstellen soll. Dabei wird mit Bezug auf die Befunde der Neurowissenschaften eine bisher mit pädagogischen oder juristischen Argumenten geführte Auseinandersetzung zunehmend naturalisiert: Es gibt, so die weit verbreitete Meinung, harte naturwissenschaftliche Gründe für Entscheidungen, die vormals von anderen Disziplinen vorbereitet und dann entsprechend politisch umgesetzt wurden. Zunehmend übernehmen die Neurowissenschaften die Rolle des Letztentscheiders in solchen Debatten und garantieren mit naturwissenschaftlicher Objektivität die Richtigkeit einer daraus folgenden politischen Entscheidung. […] Bisweilen ist sogar die Rede davon, dass durch die Neurowissenschaften ein vollkommen neues Welt- und Selbstverständnis entsteht, welches tiefgreifende Veränderungen unserer Rechts- und Moralvorstellungen zur Folge haben wird.“ Soweit die Diagnose des Ist-Zustands.

Was ist davon zu halten? Nitsch kritisiert diese neue Naivität methodologisch, ausgehend davon, dass „erfahrungswissenschaftliche Erkenntnisse selbst keinen Ersatz für eine Erkenntnistheorie darstellen“, sondern dass vielmehr „erfahrungswissenschaftliche Forschungsprogramme, wie etwa das neurowissenschaftliche, von der Erfahrung […] abhängig sind“ und deren Zwecke nicht Gegenstand des empirischen Zugangs sein können. Das bedeutet: Die Ermöglichungsbedingung von Erkenntnis kann selbst nicht erkannt werden, zumindest nicht mit den gleichen Methoden. Hier gilt es genau zu differenzieren, zwischen der Zwecksetzung und dem Ertrag der Neurowissenschaften, ein Unterschied, der wegen überragender Erträge nicht einfach verwischt werden kann, ohne zugleich die prinzipielle Begrenztheit der angewandten Methoden zu leugnen.

Dass sich eine Forschungsdisziplin aus Gegenstand und Methode und Zweck konstituiert und daher Aussagen über den Gegenstand methodisch und teleologisch präjudiziert sind, ist für den Philosophen nicht neu, geriet aber durch den Neurowissenschaftler (beziehungsweise in der öffentlichen Wahrnehmung seiner Tätigkeit) zunehmend ins Wanken, im Windschatten einer angeblich objektiven, allumfassenden naturwissenschaftlichen Perspektive, die diese Zuschreibungen ihrem großen Erfolg auf bestimmten Gebieten verdankt. Insoweit ist das grenzenlose Vertrauen in die Neurowissenschaften (um nicht schon wieder „Naivität“ zu sagen) verständlich, bleibt jedoch grundsätzlich problematisch, weil die Ebenen wissenschaftlicher Forschung dabei nicht mehr getrennt werden und infolgedessen nicht mehr nach Sinn, Zweck und Relevanz gefragt, sondern nur noch gestaunt wird.

Die „Grundintuition“ seines Buches, so Nitsch, sei der auf Charles S. Pierce zurückgehende Gedanke, dass „wissenschaftliche Theorien dann mit der Realität in Übereinstimmung und in diesem Sinne wahr“ seien, wenn es „eine letzte Theorie“ gibt, über die sich zweierlei sagen lasse: zum einen kann man „eine solche Theorie im realen Erfahrungsraum menschlicher Existenz nicht erreichen“ und zum anderen müssen daher alle Forschungsprogramme, die zur wissenschaftlichen Theoriebildung beitragen, als „Kommunikationsprozesse“ aufgefasst werden, die „auf ein vorher bestimmtes Ziel hin“ orientiert sind. Also, erstens: Empirie liefert keine Letztbegründung, zweitens: Wissenschaft ist ohne Interesse nicht denkbar. Daraus folgt für Nitsch, dass „kein Forschungsprogramm“ (auch nicht das neurowissenschaftliche) in der Lage sei, „die Wirklichkeit als das Gegebene freizulegen und seinen wissenschaftlichen Anspruch aus diesem Vorgehen zu begründen“. Deswegen plädiert er für ein „Nebeneinander“ der Ansätze und dafür, der „inzwischen weitverbreiteten Hybris der naturwissenschaftlich orientierten Neurowissenschaften gegenüber philosophischen Argumenten in der Leib-Seele-Diskussion Einhalt zu gebieten“ (Hervorhebung im Original).

Nitsch tut dies als Neurowissenschaftler. Der stringenten Argumentation zu den Grenzen steht eine kenntnisreiche Rekonstruktion der Möglichkeiten neurowissenschaftlicher Zugänge gegenüber. Es geht ihm nicht um die Neurowissenschaften an sich, sondern um die Einbettung ihrer Ergebnisse in einen breiteren Diskurs, dessen Regeln sich methodologisch anders ausnehmen als die Regeln, mit denen die zur Diskussion stehenden Ergebnisse erzielt wurden. Das soll die große Bedeutung der Neurobiologie im Konzert der Wissenschaften nicht schmälern, sondern nur ihre Stellung als „letzte Instanz“ hinterfragen, als jene „letzte Theorie“ im Sinne von Pierce, als welche sie zunehmend angesehen und daher zur „Letztentscheiderin“ politischer Fragen befördert wird. Nitsch betont, dass sie eine wichtige, aber begrenzte Disziplin ist, mit wichtigen, aber nur eingeschränkt gültigen Resultaten, deren Geltungsbereich die Annahmen und die Zwecksetzungen der Forschung bestimmen. Und diese liegen als Ergebnisse diskursiver Verständigungsprozesse außerhalb des Empirischen.

Die „naturalistische Unter- und Unbestimmtheit des Gehirns“, die Nitsch identifiziert, ist eine methodologische Folgelast des naturwissenschaftlichen Zugangs, die den Neurowissenschaften prinzipielle Restriktionen aufbürdet und auch durch technischen Fortschritt (also durch die Verfeinerung der zum Einsatz kommenden Methoden) nicht leichter wird. Denn es bleibt dabei: Die neurowissenschaftlichen Forschungsprogramme können grundsätzlich nur untersuchen, was ihnen zugänglich ist. Die entscheidende Frage müssen sie dabei unberücksichtigt lassen: Ist das wirklich alles? Das kann nur bejahen, wer meint, dass alles, was wirklich ist, der Neurobiologie mit ihren spezifischen methodologischen Prämissen zugänglich wird. Und hier beißt sich die Katze in den Schwanz: Wenn, wie Nitsch betont, von Neurobiologen „nur noch ein emergenter Zusammenhang zwischen Gehirnzuständen und Bewusstseinsphänomenen angenommen wird“, muss ihnen freilich alles, was an Bewusstseinsphänomenen wirklich ist, das sein, was an Gehirnzuständen aufgewiesen werden kann; philosophische Einwände, die diesen „emergenten Zusammenhang“ nicht unterstellen, sind apriori ausgeschlossen, und zwar nicht nur in den Neurowissenschaften selbst, sondern auch im rezipierenden Diskurs, wenn der Diskurs unter dem Eindruck stattfindet, der spezielle Zugang der Neurowissenschaften machte alle anderen Zugänge obsolet.

Das entscheidende Argument für die Gleichberechtigung der Ansätze ist also bei Nitsch nicht die gegenstandsbezogene Kritik an der Neurobiologie, nicht der Einwand, sie sei noch nicht so weit, um unserer Gehirn restlos zu erforschen, sondern die methodologische Erkenntnis, dass sie qua ihrer Definition nicht alles Relevante über unseren Geist erhellen kann und daher (nach wie vor) der Ergänzung durch die Philosophie bedarf beziehungsweise dass umgekehrt „im Rahmen eines nicht auf eine physikalistische Naturalisierung reduzierten Aufklärungsprogramms des Geistes die Neurowissenschaften die Leib-Seele-Diskussion zwar bereichern, keinesfalls aber vollständig ersetzen können“ (Hervorhebung im Original). Robert Nitsch entfaltet seine Thesen souverän, nicht immer mit den einfachst möglichen Formulierungen, doch stets nachvollziehbar. Er leistet damit einen wichtigen epistemologischen Beitrag zur Gehirnforschung, der dazu anregt, dem Blinken das Denken (wieder) zur Seite zu stellen.

Diese Rezension erschien zuerst in Literaturkritik (7/2013).

Bibliographische Angaben:

Robert Nitsch: Gehirn, Geist und Bedeutung. Zur Stellung der Neurowissenschaften in der Leib-Seele-Diskussion.
Münster: Mentis 2012.
166 Seiten, € 29,80.
ISBN: 9783897857940.

(Josef Bordat)

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