Noch mal zum Sinn

16. März 2017


Wie kann man sich der Sinnfrage analytisch sinnvoll annähern? Zunächst einmal, indem man den Sinn des Lebens und den Sinn im Leben unterscheidet, eine notwendige Differenz, die ich in ihrer ganzen Klarheit erstmals bei Thomas Nagel vorfand, in dessen systematischer Einführung in das philosophische Denken, ein Büchlein, das im Deutschen unter dem Titel Was bedeutet das alles? (1990) erschien. Was bedeutet nun diese Unterscheidung? Mit ihr ist gewonnen, dass wir der großen, der allzu großen Außenperspektive auf unser Sein eine weit kleinere Innenansicht des Daseins beistellen, die einerseits leichter zu fassen ist und die andererseits auch diejenigen anspricht, die das Leben als solches für sinnlos halten, etwa, weil sie sich einer religiösen Deutung des Daseins verschließen.

Man kann die Frage nach dem Sinn des Lebens offen lassen – letztlich bleibt uns ja die Möglichkeit, eine verbindliche Antwort zu geben, auch entzogen, weil ihre Bedingung nicht gegeben ist (wir haben nun einmal lediglich einen begrenzten Verstand) –, während man im Hinblick auf den Sinn im Leben Entscheidungen zu treffen gezwungen ist – man entscheidet sich ja auch, wenn man die Entscheidung verweigert, also im Leben alles offen zu lassen versucht.

Was auffällt: Je weniger der Sinn des Lebens eine Rolle spielt, desto mehr wird der Sinn im Leben aufgewertet. Das führt zum Bedeutungszuwachs der Lebensentscheidungen, etwa Partner- und Berufswahl, mit der Folge, dass man sie möglichst umgeht oder aufschiebt. Die Erwartung, den Sinn des Lebens im Leben zu finden, lähmt; Bindungs- und Entscheidungsschwäche sind die Folge. Andererseits werden immer mehr Optionen angeboten, die ein perfektes Leben ermöglichen sollen. Das macht die Sache nicht einfacher, wenn man denn hier und jetzt nach vollendeten, letztgültigen Lösungen strebt.

Wer hingegen weiß (oder zumindest ahnt), dass Vollendung und Vollkommenheit keine Kategorien des innerweltlichen Sinnstrebens sein können, dass unser Leben zwar sinnvoll geführt werden will, sich daraus aber nicht dessen eigentlicher Sinn ergibt, dass Gesundheit, Familie und Beruf zwar wichtige Aspekte des Lebens sind, dass unser Wohlergehen hier und jetzt aber nicht das Wichtigste ist, wer also den Sinn des Lebens nicht restlos im Lebensvollzug aufgehen lassen will, der kann entspannter mit Entscheidungen (auch Fehlentscheidungen) umgehen.

Das gilt besonders, wenn man an Christus als den „gekreuzigten Sinn“ (Werner Thiede) glaubt, an die Auferstehung und das Ewige Leben, an die Vollendung des Menschen in Gott. Christen wird in diesem Zusammenhang oft Selbstvertröstung auf das Jenseits vorgeworfen, mit der Folge, im Leben verantwortungslos und fatalistisch zu sein. Doch eine solche Interpretation des Umstands, dass der Christ nicht alle Hoffnung ins Leben hineinlegt, jede Heilszusage hier und gleich erfüllt, jedes Sinnstreben jetzt und sofort an ein endgültiges Ziel gelangt sehen will, stellt die Dinge auf den Kopf.

Es ist ja gerade so, dass der Christ im Bewusstsein, den Sinn nicht stiften zu müssen, sondern „nur“ bei dessen Verwirklichung mitzuhelfen, frei wird zum Handeln, fähig wird, das Reich Gottes aufzubauen, das hier und jetzt beginnt, auch durch das Wirken des Menschen, aber von diesem nicht vollendet werden muss, weil es gar nicht von ihm vollendet werden kann. Das frustriert nicht, es entlastet. Zumindest dann, wenn man an Gott glaubt. Wer nicht an Gott glaubt, neigt hingegen dazu, selbst das Paradies auf Erden von Grund auf und in Vollendung errichten zu wollen – als Einzelner oder als Gemeinschaft. Von kollektiven Versuchen, die Frustration angesichts des verlorengeglaubten Gottesreichs innerweltlich zu kompensieren, gibt es einige abschreckende Beispiele in der Geschichte.

Sinn ist etwas anderes als Glück, Erfolg, Gesundheit, Ansehen, Reichtum. Der Sinn des Lebens erschöpft sich nicht in einem sinnvollen Leben, in der Suche nach Sinn im Leben, sei diese auch noch so anregend und erfolgreich. Der Sinn des Lebens entzieht sich dem Leben, bleibt ihm äußerlich, lässt sich aber in ihm erahnen, immer dann, wenn wir am Reich Gottes arbeiten, unter der Maßgabe, dass es zwar auf uns ankommt, aber nicht von uns abhängt. Herr der Geschichte ist Gott, nicht der Mensch. Sinn verhält sich also zum Leben wie Gott zur Welt. Insoweit kann der Sinn aus Sicht des irdischen Lebens getrost mit Gott identifiziert werden.

(Josef Bordat)

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