Philosophien der Wissenschaften

16. März 2017


Der Grundriss Wissenschaftsphilosophie bietet eine in die akademischen Einzeldisziplinen ausdifferenzierte Analyse der jeweils spezifischen Erkenntnisbedingungen und Forschungsmethoden.

Was können wir wissen? So fragte Kant. Diese Frage markiert den Gegenstand der Epistemologie als philosophischer Basisdisziplin: das Nachdenken über die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis. Aus diesen grundsätzlichen Überlegungen entstand – eingedenk der Tatsache, dass Erkenntnis immer mehr eine Angelegenheit der akademischen Forschung wurde – die Theorie des Wissens und der Wissenschaft. Wissenschaftsphilosophie gehört heute zum Hauptarbeitsbereich der Theoretischen Philosophie, als Wissenschaftsethik auch der Praktischen Philosophie. Als Philosophie der Wissenschaft wurde sie im 20. Jahrhundert von so unterschiedlichen Denkern wie Hempel, Carnap und Popper, oder auch von Kuhn, Fleck, Feyerabend und Gadamer geprägt.

An diesen Namen zeigt sich schon, wie wichtig eine Differenzierung des Gegenstands bei der Erforschung der Möglichkeitsbedingungen des Erkenntnis- und Wissensfortschritts ist: Geht es um Naturwissenschaft (das war Hempels, Carnaps und Poppers Perspektive), um Sozialwissenschaft (zu dieser passen eher die Ansätze Kuhns, Flecks und Feyerabends) oder um Geisteswissenschaft (für die Gadamer eine eigene Methodenanalyse bot)? Das Technische, das Soziale, das Humane, die Natur und die Kultur erheben jeweils ganz spezielle Ansprüche, wenn wir uns ihnen mit Erkenntnisinteresse nähern. Diese Differenz muss sich in der Wissenschaftsphilosophie deutlich niederschlagen.

Umso wichtiger ist der kürzlich im Felix Meiner Verlag erschienene „Grundriss Wissenschaftsphilosophie“, herausgegeben von Simon Lohse und Thomas Reydon. Nie zuvor war ein deutschsprachiges Kompendium der Wissenschaftsphilosophie so konsequent in der Berücksichtigung der ganz unterschiedlichen Erkenntnisbedingungen. Das Werk hält, was der programmatische Untertitel verspricht: „Die Philosophien der Einzelwissenschaften“ zu versammeln und darzulegen – ausführlich, kompetent, zugänglich, nicht nur für Philosophen, sondern eben gerade auch für interessierte Vertreter der jeweils behandelten Forschungsdisziplin. Dass solch ein Mammutprojekt an der Leibniz Universität Hannover entwickelt wurde, passt sehr gut, schließlich hat der Universalgelehrte Leibniz selbst für eine stärkere disziplinäre Differenzierung der Wissenschaft gesorgt.

In der Tat haben wir es heute mit eine schier unüberschaubaren Menge an Spezialisierungen zu tun, erkennbar an den zum Teil auf bestimmte Anwendungsbereiche gezielt zugespitzten Studienangebote. Eine solche Fülle muss freilich wieder geordnet werden. Der Band definiert vier Wissenschaftsgruppen mit methodisch wie inhaltlich verwandten Einzeldisziplinen: die Formal- und Geisteswissenschaften (dazu gehören etwa Mathematik und Philosophie, aber auch Jura), die Natur- und Biowissenschaften (zu diesen zählen neben den klassischen Fächern Physik, Chemie, Biologie auch die Neurowissenschaften), die Ingenieur- und interdisziplinären Wissenschaften (neben Urgesteinen der alma mater, den Ingenieurwissenschaften, werden auch ganz neue transdisziplinäre Forschungsgebiete wie die Klimawissenschaften betrachtet) und schließlich die Sozial- und Verhaltenswissenschaften (Soziologie, Psychologie, Ökonomie, aber auch die Politologie und die Linguistik).

Die Verfasserinnen und Verfasser aus dem internationalen Autorenteam geben für jede Einzelwissenschaft einen ebenso kompetenten wie kompakten Überblick über die Ideengeschichte der jeweiligen Wissenschaftsphilosophie, die ontologischen, epistemologischen und methodologischen Spezifika des Fachs sowie aktuelle Tendenzen der (Meta-)Forschung. Besonders dort, wo sich viele Vertreter unterschiedlicher Forschungsgebiete treffen, wird der Band einen großen Nutzen stiften – ich denke an die kleinen, aber zumeist sehr feinen Bibliotheken von katholischen Bildungshäusern und Studenten- bzw. Hochschulgemeinden.

Bibliographische Angaben:

Lohse, Simon / Reydon, Thomas (Hg.): Grundriss Wissenschaftsphilosophie. Die Philosophien der Einzelwissenschaften.
Hamburg: Felix Meiner 2017.
658 Seiten, € 78,–.
ISBN: 978-3-7873-2986-1.

(Josef Bordat)

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