Brüchiger Fels in der Brandung

20. März 2017


Jürgen Hoeren stellt Papst Martin V. (1417-1431) vor

In der fast 2000jährigen Geschichte des Papsttums gibt es bekanntere und weniger bekannte Inhaber des Heiligen Stuhls. Den aktuellen und seine beiden Vorgänger kennt man vielleicht noch, ebenso den ersten Papst. Dazwischen vor allem jene, die historisch verhältnismäßig bedeutungslos waren, aber für die nötigen Skandale und Skandälchen sorgten, etwa die berühmt-berüchtigten Borjas. So richtig wichtig waren indes andere Päpste. Zum Beispiel Martin V., der von 1417 bis 1431 das Amt des Papstes innehatte.

Am 11. November jährt sich sich die Wahl Oddo Colonas zum Papst das 600. Mal. Aus diesem Anlass erschien nun im Südverlag die erste Biographie dieses kirchenhistorisch bedeutenden Papstes in deutscher Sprache. Daran mitgewirkt haben neben dem Autor Jürgen Hoeren auch Winfried Humpert mit einem Beitrag über die Hussitenkreuzzüge und Hans Küng mit einer aus seinem Buch „Das Christentum. Wesen und Geschichte“ (1994) entnommenen Einführung in die ekklesiologische Thematik, um die es damals (und auch heute noch) geht: Wie verhält sich der Papst zur Kirche, wie zu den Kardinälen und Bischöfen, wie zu Konzilien und Synoden?

Es ist eine besondere Wahl, die einzige auf deutschem Boden, nämlich während des Konzils von Konstanz (1414-18). Und es trifft einen Juristen, der bis dahin noch nicht einmal die Diakonweihe empfangen hatte. Diese sowie die Priester- und auch die Bischofsweihe folgen an den Tagen nach der Wahl. Dann erst kann die Krönung erfolgen – zehn Tage später. Der neue Pontifex nimmt den Namen des Tagesheiligen seines Wahltags an: Martin.

Als Martin V. ist er gleich gefordert: Das laufende Konzil von Konstanz geht in die entscheidende Phase, jenes Konzil, das 1415 mit dem Dekret „Haec sancta“ für die Absetzung von Johannes XXIII. und die Abdankung Gregors XII. gesorgt und damit den Weg für Colona / Martin V. frei gemacht hatte. „Haec sancta“ beinhaltet den Grundsatz, dass das Konzil über dem Papst steht, also die letzte Jurisdiktionsgewalt besitzt. Es ist eine richtungsweisende Entscheidung eines historisch bedeutenden Konzils.

Der Autor sieht dieses Prinzip vom Unfehlbarkeitsdogma des Ersten Vatikanischen Konzils (1870-71) auf den Kopf gestellt. Schützenhilfe bekommt es von Hans Küng, der als ausgewiesener Experte in Sachen Unfehlbarkeit jüngst in einer Eingabe an Papst Franziskus den Heiligen Vater darum gebeten hat, das Dogma zu überdenken. Im Vorwort berichtet Hoeren: „Die Antwort aus Rom war positiv!“ Was gegenüber „Haec sancta“ wie ein Paradigmenwechsel aussieht, die dogmatische Konstitution „Pastor Aeternus“ (1870) nämlich, ist bei genauerer Betrachtung jedoch weit harmloser, als dass man sich daran allzu lange festbeißen müsste.

Abgesehen davon bietet die schmale Biographie eine lehrreiche und streckenweise auch unterhaltsame Einführung in das kirchengeschichtliche Zeitalter zwischen abendländischem Schisma und Reformation. Martin V. hatte die Chance, mit einer Reform der Kirche die Reformation zu kanalisieren und die reformatorischen Kräfte an die Kirche zu binden, statt sie durch Exkommunikationen und Verurteilungen weiter gegen die Kirche aufzubringen. Er hätte ein Brückenbauer sein können – zwischen Rom und der Welt, zwischen Katholizismus und Renaissancehumanismus, zwischen Mittelalter und Neuzeit.

„Martin V. erlebte eine Zeitenwende, aber er erkannte sie nicht.“ Das Urteil des Verfassers fällt hart aus, ist aber angesichts der Faktenlage gerecht. Martin V. war zu sehr höfischer Machtpolitiker, um die Menschen „an der Basis“ wirklich ernst zu nehmen. Das hatte – wie wir heute wissen – fatale Folgen. Als Martin V. 1431 stirbt, sind die Hussiten zwar militärisch geschlagen, und 1433 wird der Konzilskönig Sigismund in Rom zum Kaiser gekrönt, doch die eigentliche Herausforderung für Kirche und Reich steht noch bevor. Ein halbes Jahrhundert später wird Martin Luther geboren.

Bibliographische Angaben:

Jürgen Hoeren: Martin V. Papst der Einheit und der Glaubenskriege.
Konstanz: Südverlag 2017.
112 Seiten, € 16,–.
ISBN 978-3-87800-105-8.

(Josef Bordat)

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