Muss das sein?

21. März 2017


Ein Beitrag zum Welt-Down-Syndrom-Tag

Laut einer Studie aus dem Jahr 2001 muss sich die Mehrzahl der Eltern eines Kindes mit Down-Syndrom (72 Prozent der befragten Mütter, 100 Prozent der befragten Väter) nach der Geburt dafür rechtfertigen, warum keine pränatale Diagnostik in Anspruch genommen wurde. Gemeint ist: So etwas muss doch heute nicht mehr sein! Tatsächlich entscheiden sich neun von zehn Frauen nach einem positiven Pränataltest auf Trisomie 21 für eine Abtreibung.

Was ist das eigentlich, das nicht mehr sein muss? Mal ganz abgesehen davon, dass man eher behindert wird, als dass man behindert ist, gelten Menschen mit Down-Syndrom als „geistig“ behindert (wohl besser: kognitiv eingeschränkt). Das heißt: Sie schneiden bei einem Intelligenztest schlechter ab als der Durchschnitt der Bevölkerung. In einer Cogito-Gesellschaft, in der ein gutes Abschneiden bei einem Intelligenztest zum Würdeausweis wird, bedeutet das folgerichtig einen Mangel an Würde bis hin zum Verlust derselben.

Die meisten Kinder mit Trisomie 21 können heute Lesen und Schreiben lernen und erwerben Grundkenntnisse im Rechnen. Zudem häuft sich die Zahl der Menschen mit Down-Syndrom, die einen höheren Bildungsabschluss erlangen. Selbst das erfolgreiche Absolvieren eines Hochschulstudiums mit Trisomie 21 ist offenbar möglich, wie die Literaturwissenschaftlerin Aya Iwamoto und der Lehrer Pablo Pineda zeigen. Zwar wird dies die Ausnahme bleiben, andererseits ist zu fragen, ob denn das Lebensrecht erst mit der Promotion erworben wird.

Es scheint generell bei Menschen mit Trisomie 21 so zu sein wie bei Menschen ohne Trisomie 21: Wichtig ist die individuelle Fähigkeit und die Förderung, die eine Person erhält. Zwar wird der Anteil der Akademiker mit Down-Syndrom wohl auch in Zukunft unterdurchschnittlich bleiben, doch je selbstverständlicher die Integration im Rahmen der Früherziehung funktioniert, je sensibler Erzieher und Lehrerinnen reagieren, kurz: je mehr wir wissen über den vielgestaltigen Phänotyp dieser Genanomalie, desto besser werden betroffene Menschen ihr Leben führen können.

Was jetzt schon auffällt: Menschen mit Trisomie 21 bereichern als Künstler und Sportler unsere Kultur. Schauspieler wie Mirco Kuball und Gewichtheber Lukas Schütterle (Deutscher Meister im Kraftdreikampf) zeigen das Potential von Menschen mit Down-Syndrom. Und: Kinder mit der Genanomalie fallen den Erzieherinnen und Erziehern überdurchschnittlich oft positiv auf, wegen ihres vorbildlichen Sozialverhaltens und ihrer besonderen Emotionalität. Menschen mit Down-Symdrom sind meist lieb, nett, gesellig, ehrlich, unterhaltsam, offen, sozial und glücklich.

Muss aber nicht sein.

(Josef Bordat)

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