Katholische Werte

30. März 2017


Im Kommentarbereich unter einem Beitrag im Blog Katholisch? Logisch! von Claudia Sperlich hofft ein Kommentator, dass katholische Werte vom Erdboden verschwinden. Als Beispiele für katholische Werte nennt er u.a. die Prügelstrafe, Hinrichtungen und die Benachteiligung von Frauen. Da diese Hoffnung mit dem Thema des Beitrags nichts zu tun hat, möchte ich mit meiner Antwort darauf die Diskussion nicht noch weiter auf Abwege bringen und schreibe daher hier ein paar Zeilen.

Vorab: Ich habe lange wach gelegen und nachgedacht, aber ich weiß auch heute morgen beim allerbesten Willen nicht, wie man darauf kommt, dass das Prügeln von Kindern und das Hinrichten von Menschen katholische Werte seien. Das Land, in dem derzeit die meisten Menschen hingerichtet werden, heißt China und hat einen Katholikenanteil von geschätzt drei Prozent. Und wenn nur wertorientierte Katholiken ihre Kinder prügeln, müsste Saudi-Arabien mit unter 0,1 Prozent Katholikenanteil ein pädagogisches Paradies sein. Ist es aber nicht.

Ach, ja – die Frauen. Gerade in der katholischen Ehe werden sie benachteiligt. So der implizite Vorwurf, der weder neu noch historisch haltbar ist. Für die Kirche sind die Eheleute gleichberechtigt und daher auch gleichermaßen zur Treue verpflichtet („lange Zeit hat nur das Kirchenrecht den Ehebruch des Mannes mit dem Ehebruch der Frau gleichgesetzt“, Giulia Galeotti: Unterdrücker der Frauen, in: „Große Hure Babylon“. Zehn kirchengeschichtliche Klischees kritisch hinterfragt. Rückersdorf 2016, S. 213; Rezension des Buchs).

Und die wahren katholischen Werte?

Ein katholischer Wert ist es, die Arbeit nicht den Sklaven zu überlassen, sondern selbst anzupacken. Die Aufwertung der Arbeit geschieht mit der Ordensregel „Ora et labora“ des Heiligen Benedikt. Damals, in der Spätantike, ein Skandal, Gebet und Arbeit auf eine Ebene zu stellen. Hat dann aber dem Aufstieg Europas im Mittelalter und in der Neuzeit ganz gut getan.

Es waren dann Franziskaner, Dominikaner und Jesuiten mit ihren katholischen Werten, die sich für die autochthonen Kulturen Amerikas, Afrikas und Asiens interessierten und Wörterbücher, Chroniken und naturkundliche Abhandlungen verfassten. Ohne diese Zeugnisse wüssten wir heute kaum etwas über die außereuropäischen Ethnien und Gesellschaften vor dem Zeitalter der Kolonialisation.

Ein katholischer Wert ist das Naturrechtsdenken, das es ermöglicht, positive Normen auch dann noch kritisch zu hinterfragen, wenn dies aus dem Rechtssystem selbst nicht mehr möglich ist. Kritik am NS-Unrechtsstaat war daher ganz wesentlich eine Leistung des Neu-Thomismus, Kritik am DDR-Unrecht vornehmlich eine Sache der Kirche.

Ein katholischer Wert ist es auch, den Krieg als Mittel zum Zweck grundsätzlich in Frage zu stellen und nur unter einschränkenden Bedingungen hinsichtlich Anlass und Ausmaß für zulässig zu halten (der bellum iustum-Topos wird wesentlich von katholischen Denkern wie Augustinus und Thomas von Aquin entwickelt – mit Wirkung bis heute).

Kirchliche Gerichte waren die ersten, die die Folter abschafften, lange vor weltlichen Gerichten. Katholische Werte führten dazu, dass die Römische Inquisition bereits Anfang des 17. Jahrhunderts die Anwendung der Folter eingestellt hatte – lange vor der Aufklärung.

Die Tatsache, dass wir heute hierzulande überhaupt eine Staatsanwaltschaft haben (es geht in dem Beitrag um eine juristische Frage, Anm. J.B.), basiert auf dem katholischen Wert der Inquisitionsmethodik, die ehedem die nördlich der Alpen übliche Akkusation als methodisches Prinzip des Strafprozesses ablöste. Diese gibt es heute zwar auch noch, in Gestalt der Nebenklage, aber das Verfahren wird von einer unbeteiligten Instanz geführt, die Beweismittel auswertet und in jedem einzelnen Fall eine sorgsame Untersuchung (lateinisch: inquisitio) vornimmt.

Wir profitieren aber auch außerhalb des Gerichtssaals alle tagtäglich von katholischen Werten. Die meisten tun dies, ohne es zu wissen. Die Soziale Marktwirtschaft ist beispielsweise ein solcher – sie ist nämlich die Eins-zu-Eins-Umsetzung der Katholischen Soziallehre. Sie hat uns den Wohlstand in Freiheit beschert, also, nicht nur das Recht, auf die Kirche zu schimpfen, sondern auch die Möglichkeit, dazu jederzeit die nötigen Mittel günstig zur Verfügung gestellt zu bekommen (Internetanschluss).

Sollte man je eine Schule oder Universität besucht haben, bedanke man sich bei der Katholischen Kirche und ihren Werten, denn sie hat so etwas wie Bildung (einschließlich Schrifttum, Bücher, Bibliotheken etc.) in Mitteleuropa eingeführt.

Krankenhäuser hießen nicht von ungefähr „Barmherzigkeit“, wie das große im Zentrum Berlins – nein, das hatte seinen Grund: Medizinische Versorgung war über Jahrhunderte kein Rechtsanspruch mündiger Patienten mit freier Arztwahl, sondern aus Nächstenliebe geborene Zuwendung zu denen, die gesellschaftlich ausgeschlossen waren. Ohne Kirche bzw. katholische Werte undenkbar.

Wer nichts von katholischen Werten hält, sollte sich, wenn ihm während einer öffentlichen Großveranstaltung schlecht wird, bloß nicht an die Johanniter wenden – und eigentlich auch nicht ans Rote Kreuz. Alles basierend auf katholischen Werten. So wie unser Kalender (Reform durch Papst Gregor XIII., 1582) und die Erkenntnis der grundlegenden Prinzipien der Genetik: Ohne katholische Werte keine Klöster, ohne Klöster keine Klöstergärten, ohne Klöstergärten keine Feldforschung an Erbsen. Gregor Mendel, Augustiner. Katholisch.

Also: Öfter mal ein bisschen länger nachdenken. Auch so ein katholischer Wert.

(Josef Bordat)

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