Freiheit, die Er meint

5. April 2017


In jener Zeit sprach Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten: Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wirklich meine Jünger. Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch befreien. Sie erwiderten ihm: Wir sind Nachkommen Abrahams und sind noch nie Sklaven gewesen. Wie kannst du sagen: Ihr werdet frei werden? Jesus antwortete ihnen: Amen, amen, das sage ich euch: Wer die Sünde tut, ist Sklave der Sünde. (Joh 8, 31-34)

Wahrheit macht frei. Christus macht frei. Von der Sklaverei der Sünde. Es ist die innere Freiheit, die Jesus meint, während die „Juden, die an ihn glaubten“ an die äußere Freiheit denken und darauf hinweisen, dass sie keine Sklaven sind – und dies auch nie waren. Nicht im Sinne des Rechtsstatus ihrer Person sind sie Sklaven, aber doch im Sinne der moralischen Verfassung, in der sie leben. Das meint Jesus, wenn Er zugleich die Wahrheit, also sich selbst, als Lösung anbietet.

Tatsächlich: Man kann äußerlich frei sein, aber innerlich unfrei, gebunden, gefesselt. Und umgekehrt. Menschen wie Alfred Delp, Dietrich Bonhoeffer oder Nelson Mandela konnte man wegsperren – frei blieben sie trotzdem. Und gerade in den freiheitlichen Wohlstandsregionen, in denen die Menschen (fast) alles tun und lassen dürfen, steigt der Drogenkonsum und die Zahl der behandlungsbedürftigen Angst- und Zwangserkrankungen. Niemand will eine Diktatur, die das Problem auf ihre Art „löst“, doch die Tatsache, dass mit der äußeren Freiheit nicht automatisch schon die Befreiung des Menschen eintritt, kann auf Dauer nicht verdrängt werden, schon gar nicht, durch noch mehr Freiheit. Etwas fehlt, auch dann, wenn wir 7/24 unsere Meinung frei posten können. Etwas fehlt, auch dann, wenn Niemand mehr irgendetwas muss. Etwas fehlt, weil wir uns der letzten Bindung nicht entledigen können: der Frage nach Sinn und Ziel des Lebens.

Dabei ist es grundsätzlich unmöglich, ganz ohne Bindungen zu leben. Es kommt darauf an, woran ich mich binde, womit ich meine Freiheit einschränke, wodurch ich sie einschränken lasse. Mit Hilfe der praktischen Rationalität müssen wir dort, wo nicht schon äußere Einschränkungen bestehen, das Ausblenden von zur Verfügung stehenden Optionen gezielt einüben, um überhaupt ein freies Leben führen zu können. Sonst unterliegen wir dem Zwang, nichts von diesen Optionen verpassen zu wollen – und werden damit unfrei. Es gehört gewissermaßen zur Konstitution der Freiheit, dass sie paradoxerweise eine bedingte, eine relative sein muss, um überhaupt eine wirksame zu sein. Absolute Freiheit gibt es nicht, zumindest nicht als spürbare Freiheit. Denn: Absolute Freiheit führt zu Entscheidungsunfähigkeit und damit de facto zu Unfreiheit. Echte Freiheit gibt es nur unter Bedingungen.

Eine Möglichkeit, ein Mehr an Freiheit zu erlangen, ist daher die freiwillige Selbstbindung. Für den Christen erfolgt diese als Bindung an Gott. Denn: Die Freiheit Gottes ist Grund der menschlichen Freiheit (Thomas von Aquin). Und Gott will uns in Christus befreien: Der österliche Mensch ist das irdische Wesen mit der größten Freiheit (Jörg Zink). Oder, in den Worten des Galaterbriefs: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Gal 5, 1). Sich dem christlichen Glauben der Kirche anzuschließen, bedeutet also nicht die Aufgabe von Freiheit, sondern ganz im Gegenteil: die Ermöglichungsbedingung ungeahnter Freiheitserfahrung.

Freiheit ist Entscheidungsfreiheit, aber unter bestimmten Bedingungen und mit gewissen Konsequenzen. Entscheiden wir uns für das Gute, binden wir uns an Gott, so nutzen wir unsere Freiheit im positiven Modus. Entscheiden wir uns für das Böse, so missbrauchen wir die Freiheit. Dieser Missbrauch hätte sich nur vermeiden lassen – schöpfungstheologisch gesprochen – wenn Gott uns nicht als freie Wesen geschaffen hätte. Freiheit ist unsere Chance, der Missbrauch der Freiheit ist das Risiko. Letztlich landen wir durch den Missbrauch in der Sklaverei, und zwar in der Sklaverei der Sünde. Während also der Freiheitsgebrauch im Sinne des Schöpferwillens zur Bindung führt, nämlich an Gott, so führt der Freiheitsmissbrauch zur Sklaverei, also zu einer maximalen Unfreiheit. Eine Bindung kann gelockert, ja, sogar gelöst werden, ein Sklavendasein hingegen ist eine Lebenssituation, in der einem alle Möglichkeiten selbstbestimmten Handelns abhanden gekommen sind. Dabei hängt die Befreiung von der innerlichen Sklaverei der Sünde durch die Wahrheit (also: durch Jesus Christus) und die Abschaffung der Sklaverei als äußerliches Phänomen des Rechts- und Wirtschaftssystems ganz eng zusammen. Das ist systematisch einsichtig: Wer die Sklaverei abschaffen will, muss zunächst von der Sünde befreien, die die Sklavenhalter gefangen hält. Sie sind gebunden an Gier und Geld, an Markt und Macht. Wenn diese Fesseln erst mal gelöst sind, kann ein Umdenken beginnen, das zur Ächtung von Sklaverei führt.

Der Zusammenhang lässt sich aber auch historisch nachweisen. Zwischen 1500 und 1800 wurden fast 11 Millionen Menschen aus Afrika nach Amerika und Europa verschleppt. Auch von Christen. Zugleich unter dem Protest von Christen, von prominenten Christen wie Papst Urban VIII. und einfachen Missionaren wie Petrus Claver. Die Aufklärung schließlich entwickelte zur Sklavenfrage „keine eigenen Positionen, sondern übernahm allmählich die Positionen der Quäker und Evangelikalen“ (Egon Flaig, zit. nach Angenendt: Toleranz und Gewalt, S. 222 f.). Arnold Angenendt erinnert an die Rolle der „englischen und amerikanischen Dissenters, die ihre Länder zunächst für ein Verbot des Sklavenhandels und dann auch des Sklavenbesitzes zu mobilisieren vermochten“ (Toleranz und Gewalt, S. 224). Sie beriefen sich nicht auf politische Revolutionen, sondern auf die Revolution schlechthin: „den durch Christi Sühneblut bewirkten Loskauf“ (ebd.), die Erlösung des Menschen, die zur Befreiung aller Menschen motiviert.

Hier muss nun genau hingeschaut werden – und Angenendt tut es dankenswerter Weise: Während die befreiende Botschaft des Christentums von Teilen der Christenheit aufgenommen wurde, blieben die Päpste in der Sklavenfrage lange bei der traditionellen Formel ihrer Moraltheologie: Sklaverei sei grundsätzlich möglich – unter Bedingungen: Lebensschutz, Heiratsrecht, Besitzfähigkeit und Arbeitsbeschränkung. Das heißt: Die menschliche Person ist für die Kirche unveräußerlich, allein die Arbeitskraft kann in Besitz genommen werden. Theoretisch in Ordnung, in der Praxis ermöglichte dieser „Kompromiss“ (Verfügung über die Person: nein, Verfügung über die Arbeitskraft: ja) jedoch weiterhin ausbeuterische Rechtsverhältnisse und damit Lebensumstände. Die Päpste sprachen sich erst im 19. Jahrhundert entschieden gegen die Sklaverei aus, als die Evangelikalen in den USA längst die Pionierarbeit geleistet hatten – dann taten sie es allerdings sehr deutlich, mit der Formulierung einer sehr wirkmächtigen Soziallehre (Rerum Novarum, 1891). Ergo: Die „einzig im Christentum eingeleitete Abschaffung der Sklaverei“ (nur im Christentum sei sie überhaupt zum „religiösen Problem“ geworden) verdanke sich, so Angenendt mit McKivigan, „mehr christlichen Prinzipien als christlichen Institutionen“ (Toleranz und Gewalt, S. 226), mit anderen Worten: mehr dem Christentum als der Christenheit.

Tatsächlich kann man den Freiheitsdiskurs von zwei Seiten betrachten – einerseits in einer langfristigen heilsgeschichtlichen Perspektive (Befreiung von der Sklaverei der Sünde durch Christus), andererseits in einer kurzfristigen rechtshistorischen Sicht, welche auf die Entwicklung der kodifizierten Menschenrechte schaut. Langfristig war die Triebkraft des Christentums entscheidend, damit die Idee der Menschenrechte aus dem Gedanken der geschöpflichen Würde und Freiheit des Menschen entstehen konnte. Kurzfristig hat die Kirche im 19. Jahrhundert bei der Umsetzung gebremst – aus Angst vor der eigenen Courage, denn sie fürchtete den Irrtum, dem sie keine Freiheit schenken wollte, mehr als sie das Gewissen, die Stimme Gottes im Menschen, schätzte. Die Kirche hatte kurzzeitig vergessen, dass Wahrheit nur in Liebe zu haben ist, so, wie Liebe nur in Wahrheit zählt. Daher mussten sich die Verfechter rechtsverbindlicher Kodizes nicht nur gegen die weltlichen, sondern auch die geistlichen Machthaber durchsetzen, um für ihre Vorschläge jene juridische Bindungskraft zu erringen, die das Individuum von den Institutionen Staat und Kirche emanzipierte.

Beide Sichtweisen sind von Hans Joas auf den Punkt gebracht worden: Einerseits gebe es diejenigen, die meinten, die Menschenrechte seien „nicht die Frucht irgendeiner religiösen Tradition, sondern vielmehr die Manifestation eines Widerstands gegen das Machtbündnis von Staat und (katholischer) Kirche oder gegen das Christentum als Ganzes“, andererseits deuteten einige Vertreter aus den Reihen „christlicher, vornehmlich katholischer Denker“ auf „langfristige religiöse und intellektuelle Traditionen“ hin, durch welche „den Menschenrechten der Weg gebahnt“ wurde, vor allem „das Verständnis der menschlichen Person, wie es aus dem Evangelium zu uns spricht“ (Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte. Berlin 2011, S. 16).

Man kann es vielleicht so ausdrücken: Ohne die Institution Kirche als politisch wirksamer Machtfaktor, als weltliche Repräsentation der Christenheit wäre die Menschenrechtsidee möglicherweise früher und flächendeckender umgesetzt worden, ohne Christentum hingegen wäre sie mit Sicherheit gar nicht erst entstanden. Anders gesagt: „Der Wert der Freiheit […] entstammt nicht erst der Zeit der ‚Aufklärung‘. Der westliche Liberalismus ist ein ‚legitimes Kind des Christentums‘, wenn auch kein ‚Wunschkind’“ (Beate Beckmann-Zöller: Die befreiende Botschaft Christi in der Begegnung mit dem Islam. Hannoversch Münden 2016, S. 62; vgl. Larry Siedentop: Die Erfindung des Individuums. Der Liberalismus und die westliche Welt. Stuttgart 2015). Denn: „Christliche Erlösung meint ‚Frei-werden von‘ Fesseln der Selbstsucht und ‚Frei-sein für‘ den Nächsten und die Kulturgestaltung“ (ebd., Hervorhebung im Original, J. B.).

Wahrheit macht frei. Christus macht frei. Die Wahrheit, durch die wir frei werden, ist Christus. Wir werden durch Ihn befreit von der Sklaverei der Sünde – und damit fähig, andere Menschen zu befreien, mehr Freiheit zu wagen, in Organisationen und Strukturen, und damit der Welt zu mehr Freiheit zu verhelfen. Der Beginn der Befreiung liegt allerdings in uns: im Willen zur Umkehr.

(Josef Bordat)

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