Fußnoten zum Buch der Bücher

6. April 2017


Thomas Schwartz weist auf Überraschendes in der Bibel hin

Dass Priester über die Bibel schreiben, ist sicher nichts Ungewöhnliches. Dass sie ihre Exegesen unterhaltsam gestalten, schon eher. Dass sich aber ein katholischer Geistlicher gezielt auf die Suche nach lustigen, skurrilen, manchmal auch verstörenden biblischen Geschichten macht, um uns ein „Aha-Erlebnis“ nach dem anderen zu bescheren, dürfte die Ausnahme sein. Das jüngst bei Herder erschienene Büchlein Auch Jesus hatte schlechte Laune des Pfarrers und Hochschullehrers Thomas Schwartz bildet eine solche.

Überraschendes aus der Bibel verspricht der Untertitel. Der Text löst das Versprechen ein. In 16 kurzen Kapiteln wird das Alte und Neue Testament nach Überraschungen durchsucht. Überraschend wird sicher für viele der Befund sein, dass die berühmte Szene mit der Ehebrecherin, die von Jesus in letzter Sekunde vor der Steinigung bewahrt wird (Joh 7, 53 – 8, 11), nachträglich ins Johannesevangelium eingefügt wurde, zwar „im Geist der Botschaft Jesu“, gleichsam als „Immigration der Barmherzigkeit“, aber eben nicht als authentische Begebenheit aus dem Leben des historischen Jesus.

Trotz dieser Umstände, so der Autor, werde die Stelle zu einer der bedeutendsten überhaupt, zeige sich doch hier, wie im richtigen Verhältnis von Gesetz und Gnade eine Auslegung von Normen in Liebe gelingt – die Sünderin erhält eine neue Chance, trotz des Regelverstoßes, die Regel selbst bleibt unangetastet: „Sünde bleibt Sünde“. Gerade für aktuelle Fragen (Stichwort: Amoris laetitia) ist diese Stelle also von höchster Brisanz.

Auch andere mehr oder weniger große Überraschungen hat Schwartz parat: Propheten mit Burn-Out, ein Jesus, der sich zutiefst menschlich zeigt, bis hin zu launischen Episoden und rauschenden Partys, Ostern als Frauensache. David und Mose kriegen ihr Fett weg, Eva hingegen wird rehabilitiert: Sie habe das Gewissen Adams geschützt und ihn „zu einem guten Menschen“ gemacht. Hinzu kommt eine um Verstetigung des Barmherzigkeitsgedankens ringende Kirche, die dafür sogar das Johannesevangelium ergänzt – die vielleicht größte Überraschung.

All diese Kuriositäten, die Schwartz für den Leser kompetent einordnet, summieren sich zu theologischer und ekklesiologischer Relevanz. Das launige Büchlein für die Westentasche ist kein Bibelersatz, erst recht keine Bibelkritik, es versammelt stattdessen allerhand Bedenkenswertes vom Wegesrand und stellt es ins Zentrum. Bei genauerer Betrachtung helfen die Geschichten und Geschichtchen dabei, die Botschaft der Bibel besser zu verstehen. Und vor dem Hintergrund des katholischen Glaubens erhält mache banal klingende Einsicht theologische Tiefe: „Mit Jesus zu essen und zu trinken, tut einfach gut“ – das ist schon eine ziemlich gute Annäherung an den sakramentalen Wert der Eucharistie.

Für wen bzw. was eignet sich Thomas Schwartz‘ Text? Er ist keine Einführung in die Bibel, das will er auch nicht sein, im Gegenteil: Er setzt ein belastbares Fundament in Sachen Bibelkenntnis voraus. Einzelne Kapitel lassen sich vielleicht in der Katechese einsetzen, als Eisbrecher, zu Beginn einer thematischen Einheit. Wer kritisch bis distanziert zu Christentum und Kirche steht, könnte gegebenenfalls aus der lockeren Sprache und der Beschränkung auf das etwas Abseitige aus dem reichen Schatz der Heiligen Schrift die falschen Schlüsse ziehen. Am meisten dürften all jene von dem „Überraschungsbändchen“ haben, die fest im christlichen Glauben stehen und diesen mit anregender, bereichernder Lektüre vertiefen wollen.

Bibliographische Angaben:

Thomas Schwartz: Auch Jesus hatte schlechte Laune. Überraschendes aus der Bibel.
Freiburg i. Br.: Herder 2017.
160 Seiten, € 10,00.
ISBN 978-3-451-37669-6.

(Josef Bordat)

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