Was hat Gewalt mit dem Islam zu tun?

11. April 2017


Was hat die Gewalt islamistischer Terrororganisationen mit dem Islam zu tun? Nichts – hört man oft. Das ist sicher falsch. Islamismus hat etwas mit dem Islam zu tun, so wie Alkoholismus etwas mit Alkohol zu tun hat. Ob man nun den Alkohol deswegen verurteilen will, weil es Alkoholismus gibt, ist hingegen Ansichtssache. Notwendig zur Eindämmung des Alkoholismus ist es jedenfalls nicht, den Alkohol zu bekämpfen, wo immer er in Erscheinung tritt – zumal Süchtige, die nicht von Grund auf Veränderung wollen, sich ganz schnell anderer Mittel bedienen werden, wenn es keinen Alkohol mehr geben sollte. Man könnte also stattdessen auch darauf verweisen, dass es sich beim Alkoholismus um einen Missbrauch des Alkohols handelt. Und beim Islamismus entsprechend um einen Missbrauch des Islam. Alkohol und Islam sollen sein, Alkoholismus und Islamismus gehört der Kampf angesagt.

So könnte man es sehen. Interessant wäre nun eine Antwort auf die Frage: Wie geht der Islam – also: Muslime – selbst mit der Gewalt islamistischer Terrororganisationen um? Wenn zwischen Islam und Islamismus kein Blatt Papier passte, dann müsste dem IS beispielsweise allenthalben Wohlwollen entgegentreten. Dem ist nun tatsächlich aber nicht so. Muslime verurteilen den Terror des IS. Drei unterschiedliche Strategien mit unterschiedlicher Reichweite lassen sich dabei unterscheiden, wie Friedmann Eissler, Wissenschaftlicher Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, in der aktuellen Ausgabe der katholischen Monatsschrift Theologisches darlegt.

Zum einen gibt es eine Kritik am IS hinsichtlich Art und Umfang der Gewalt, bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Scharia als Richtschnur gesellschaftlicher Organisation. Dem IS wird etwa in einem Offenen Brief islamischer Gelehrter eine „verdrehte Theologie“ und ein Missbrauch in der Anwendung der Scharia vorgeworfen, ohne der darin enthaltenen Gewaltdisposition (etwa hinsichtlich des Vollzugs von Körperstrafen) grundsätzlich eine Absage zu erteilen.

Zum anderen gibt es eine grundlegende Kritik an der Gewalt, die dann selbstredend den Terror des IS einschließt. Vertreten wird diese Position u. a. vom Zentralrat der Muslime in Deutschland und der Türkischen Gemeinde zu Berlin, so etwa auf einer gemeinsam gestalteten Mahnwache in Berlin am 13. Januar 2015, zum Gedenken an die Opfer der Anschläge in Paris auf die Redaktion von Charlie Hebdo, auf Polizisten und auf einen Jüdischen Supermarkt. Sicher ein gutes Zeichen, allerdings bezweifelt Eissler, dass die radikale Abkehr von Gewalt tatsächlich allein mit dem Programm einer apodiktischen Charakterisierung des Koran als pazifistisch (etwa nach Sure 5, 32) gelingen könne, da der Interpretationsspielraum in traditioneller Exegese immer noch groß sei.

Noch einen Schritt weiter gehen daher schließlich Reformansätze einer historisch-kritischen Deutung des Koran und damit einer Abkehr von der Scharia als aktuell relevantes Gestaltungsprinzip menschlicher Beziehungen. Vertreten wird diese Richtung jedoch fast ausschließlich vom akademischen Islam, also Wissenschaftlern, die sich hermeneutisch mit dem Koran befassen, etwa Mouhanad Khorchide (Münster), Bülent Uҫar (Osnabrück), Adbel-Hakim Ourghi (Freiburg i. Br.), Ahmad Mansour (Berlin) und Ednan Alsan (Wien). Die Wirkung der Wissenschaft auf die „Praxis“ ist derzeit noch begrenzt, allerdings sieht Eissler hier einen Weg, den Islam auf ein neues Fundament zu stellen.

Neue Koranauslegungen, die eine Trennung von zeitgebundenen Erzählungen und überzeitlichem Bedeutungsgehalt vornehmen, sind in der Tat der einzige Weg zu einem Islam, der sich grundsätzlich von Gewalt verabschiedet, der Ungläubige ungläubig sein lässt, soweit sie gewaltlos nicht zu überzeugen sind.

Das Christentum hat diese Auseinandersetzung hinter sich – auch im Ringen um die Relevanz biblischer Bilder, gerade auch, was den Umgang der Kirche mit Ungläubigen und Abweichlern angeht. Der Ermahnung des Paulus an die Gläubigen in der Gemeinde von Korinth, einander in Liebe zu ertragen (vgl. 1 Kor 13, 7) und der Weisung Christi, auch das „Unkraut“ zu tolerieren („wachsen zu lassen“ – bis zur „Ernte“, vgl. Mt 13, 24-30), Aspekte, die die gesamte christliche Antike bestimmten, die trotz großer theologischer Auseinandersetzungen innerkirchlich weitgehend gewaltfrei war, stand im Mittelalter eine Deutung des „Nötigungsauftrags“ aus dem Gastmahlgleichnis entgegen (vgl. Lk 14, 15-24), das in den Augen der damals aufstrebenden Scholastik die Verfolgung „Unwilliger“ rechtfertigte. Gleichzeitig wurde das Bild vom Weizen und vom Unkraut auf dem „Acker Gottes“ nunmehr so gedeutet, dass die (wahre) Theologie die (unfehlbare) Kirche selbst zur „Ernte“ bereit mache, weil sie ihr ermögliche, das Unkraut zweifelsfrei zu identifizieren. Bis zum Jüngsten Gericht wollte man also nicht mehr warten. Einer der wichtigsten Vertreter der scholastischen Theologie, Thomas von Aquin, billigt in diesem Sinne nicht nur den Ausschluss von Häretikern aus der Kirche, sondern auch deren Hinrichtung durch weltliche Stellen. Es hat lange gedauert, das Rad wieder zurückzudrehen – durch eine toleranz- und friedensorientierte Exegese.

Diese Zeit hat der Islam nicht. Die Islamwissenschaftler, die sich um eine Korandeutung mit geklärter Position zur Gewalt bemühen, müssen unterstützt werden. Insbesondere muss der Transfer der Forschungsergebnisse in die „Praxis“ der Moscheegemeinden befördert werden. Vereinfachung auf beiden Seiten (Verteufelung des Islam durch Gleichsetzung mit Islamismus – Verharmlosung der Gewaltaffinität durch Leugnung jedes Koranbezugs terroristischer Gewalttaten von Islamisten wie dem IS) hilft nur denen, die den Koran als Waffe einsetzen wollen – entweder, um Gewalt zu rechtfertigen oder um Angst zu erzeugen und Hass zu verbreiten. Beides kann sich weder die westliche Gesellschaft noch die Weltregion Islam auf Dauer leisten.

(Josef Bordat)

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