Liturgie, oder: Einladung zum Gottesdienst

12. April 2017


Die Heilige Woche ist theologisch und liturgisch der Höhepunkt des Kirchenjahrs. Das Triduum Sacrum (Gründonnerstag, Karfreitag, Ostersonntag) zum Leiden, zum Sterben und zur Auferstehung Christi hält liturgisch viele Besonderheiten in den Gottesdiensten bereit: Fußwaschung, Kreuzverehrung, besondere Fürbitten, ein offenes Feuer, eine Predigt mit Witz. Die Gottesdienste bilden dabei ein einziges Hochfest – liturgische Zeichen deuten auf den Zusammenhang. So verstummen die Glocken während des Letzten Abendmahls und erklingen erst wieder zum Gloria in der Osternacht.

Jetzt kann man fragen: Was soll das alles? Wozu dient der Gottesdienst? Ist es Dienst Gottes am Menschen? Oder dient hier der Mensch Gott? Diese Fragen betreffen nicht ausschließlich die katholische Liturgie, sondern stellen sich bei jeder rituellen Kulthandlung. Bereits Platon läßt Sokrates im Gespräch mit Euthyphron fragen: „Ist also auch die Frömmigkeit, da sie die Behandlung der Götter ist, ein Vorteil für die Götter, und macht die Götter besser?“ (Euthyphron 12); und weiter: „So sage denn beim Zeus, welches ist doch jenes vortreffliche Werk, das die Götter hervorbringen, und uns dabei als Diener gebrauchen?“ (Euthyphron 13).

Für die katholische Tradition steht fest: Gott braucht unseren Dienst nicht. Er hat nichts davon. Dieser Gedanke hat sogar Eingang gefunden in die Vierte Präfation, in der es heißt: „Unser Lobpreis kann deine Größe nicht mehren“. Der allmächtige Gott ist bedürfnislos. Was könnte der endliche, fehlerhafte Mensch auch schon leisten für den unendlichen, vollkommenen Gott? Worin könnte denn der Dienst des Geschöpfs am Schöpfer bestehen? Es ist schlicht absurd, Gottesdienst als Dienst des Menschen an Gott zu verstehen.

Dagegen bedarf der Mensch Gottes Gnade. So kommt es zum zweiten Gedanken, nämlich dem, dass Gott in der Liturgie einen Dienst am Menschen vollzieht. Das kommt dem Wesen des Gottesdienstes schon näher, trifft aber auch nicht den Punkt. Denn das würde ja bedeuten, Gottes Gnade und sein Handeln an uns Menschen auf bestimmte Termine und feste Riten, also eine vom Menschen selbst weitgehend frei bestimmte raumzeitliche Ordnung zu reduzieren. Das wäre wohl ein ebenso absurder Gedanke.

Am ehesten noch lässt sich die Verhältnisbestimmung von Gott und Mensch im Kontext des Dienstes so fassen, dass der Mensch in der Liturgie zeichenhaft die Gegenwart Gottes vorgestellt bekommt und sich als Abbild fühlen kann, woraus die Motivation für den empathischen Dienst am Nächsten erwächst. Gottesdienst wäre in diesem Sinne die Stiftung von „Gegenwartsgestalten“ und „Abbildhandlungen“, die Liturgie macht aus der christlichen Gemeinschaft ein „Sacramentum Salutis“, ein „wirksames Zeichen der göttlichen Heilsgegenwart“ (Richard Schaeffler: Die Stellung des Kultus im Leben des Menschen und der Gesellschaft. Eine anthropologische Grundlegung. In: Konrad Baumgartner et al.: Unfähig zum Gottesdienst. Liturgie als Aufgabe aller Christen. Regensburg 1991, S. 9-34, S. 33 f.).

Hier zeigt sich, wie wichtig die Liturgie im Konzert der religiösen Daseinsvollzüge ist. Umso erstaunlicher erscheint die Krise der Liturgie heutzutage. Das Christentum ist jedoch an dieser Krise selbst nicht ganz unschuldig, hat es doch mit seiner spezifischen Sittlichkeit und Rationalität die Skepsis gegenüber dem Kult gerade erst begründet. Die Kirche hat dort, wo sie sich ausbreiten konnte, die archaischen Kult-Religionen überwunden, sowohl die jüdische Religion im Vorderen Orient mit ihrem strengen, bereits von Jesus selbst kritisierten Hang zum Formalismus als auch die auf Magie und Zauber ausgelegten Naturreligionen Afrikas und die heidnischen Stammesreligionen Europas.

Opferriten wurden modifiziert oder abgeschafft, der Segen als Zuspruch eines mit dem Menschen in Beziehung bleibenden Gottes ersetzt den Schutzzauber und ein allgemeiner, allumfassender Ethos überlagert – mit Rückschlägen, doch prinzipiell – die völkische Enge: Nicht mehr mein Gott, sondern ein Gott – für alle Menschen. Die Christenheit leidet unter dieser Transformation vom Kult zur Kultur, vom Volk zur Welt, vom realen Vollzug zum bedeutenden Zeichen selbst am meisten, muss sie doch geeignete Formen finden, wie die hohe Abstraktion ihres ethischen Universalismus für den einzelnen Gläubigen überhaupt noch nachvollziehbar bleibt.

Es ist wichtig, nicht nur von der Nächstenliebe zu wissen und sie als die überlegene Handlungsstrategie zu akzeptieren, sondern regelmäßig Beispiele zu hören, wie sie gelebt werden kann. Es ist richtig, den Kreuzestod als heilbringendes Opfer zu betrachten und in der Auferstehung den Anbeginn neuen Lebens, doch muss dies gegenwärtig bleiben. Genau das geschieht in der Liturgie, insbesondere während des Triduums. Wenn Sie also schon länger nicht mehr im Gottesdienst waren, vielleicht seit Weihnachten nicht mehr, sollten Sie an den kommenden Tagen die Gelegenheit ergreifen und die besondere Liturgie auf sich wirken lassen.

(Josef Bordat)

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