Die Sache mit dem Öl

13. April 2017


Es kommt regelmäßig vor – so erscheint es mir zumindest –, dass mit einer gewissen Lust an der Häme das Engagement von Menschen schlecht gemacht wird. Da setzt sich jemand für Flüchtlinge ein – und unterstützt damit in den Augen manches Zeitgenossen den Terrorismus. Da spendet jemand Geld für den Bau eines Kinderspielplatzes – und lässt damit Menschen in Afrika verhungern. Da verteidigt jemand das Lebensrecht des ungeborenen Menschen – und schweigt damit zum Mord an geborenen Menschen. Da sorgt sich jemand um den Schutz der Flora und Fauna des Regenwalds – und zeigt damit, dass ihm Menschen völlig egal sind. Da verzichtet jemand auf Genussmittel während der Fastenzeit – und ist damit ein Heuchler, weil er ja genau weiß: an Ostern geht es weiter. Da kümmert sich jemand um bessere Bildungschancen von Mädchen in Afrika. – „Und die Jungen? In Deutschland?“.

Klar: Man kann es nicht allen recht machen und sollte das auch gar nicht erst versuchen und ein bestimmter Prozentsatz der Menschheit ist pathologisch frustriert und muss daher zwanghaft alles und jeden schlecht machen, doch die Regelmäßigkeit, mit der solche Vorhaltungen auch von Menschen kommen, die man (eigentlich) für umgänglich hielt, ist schon bemerkenswert.

Auch in der Passionsgeschichte bzw. der Vorgeschichte zur Passion im engeren Sinne gibt es so etwas: Die Sache mit dem Öl, das allzu üppig verwendet wird. Markus schreibt: „Als Jesus in Betanien im Haus Simons des Aussätzigen bei Tisch war, kam eine Frau mit einem Alabastergefäß voll echtem, kostbarem Nardenöl, zerbrach es und goß das Öl über sein Haar. Einige aber wurden unwillig und sagten zueinander: Wozu diese Verschwendung?“ (Mk 14, 3-4). Und dann: „Man hätte das Öl um mehr als dreihundert Denare verkaufen und das Geld den Armen geben können. Und sie machten der Frau heftige Vorwürfe“ (Mk 14, 5). Das kennen wir: Ob Weltjugendtag oder Papstbesuch – die Gegenrechnung mit den Armen kommt auf den Tisch. Eine Rechnung, durch die der Herr einen Strich macht: „Jesus aber sagte: Hört auf! Warum laßt ihr sie nicht in Ruhe? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn die Armen habt ihr immer bei euch, und ihr könnt ihnen Gutes tun, so oft ihr wollt; mich aber habt ihr nicht immer“ (Mk 14, 6-7).

Im Johannesevangelium wird die Sache noch deutlicher ausgesprochen. Nicht nur, dass Johannes den Namen der Verschwenderin nennt (es ist Maria, die kontemplativ veranlagte Schwester der aktiven Marta), nein, der Evangelist lässt die Leserinnen und Leser auch über den Urheber des moral harassments nicht im Dunkeln: Judas Iskariot. Ausgerechnet Judas, „der ihn später verriet“ (Joh 12, 4), stellt die hämische Frage: „Warum hat man dieses Öl nicht für dreihundert Denare verkauft und den Erlös den Armen gegeben?“ (Joh 12, 5). Daraufhin wagt Johannes eine eigene Interpretation des Gehabes: „Das sagte er aber nicht, weil er ein Herz für die Armen gehabt hätte, sondern weil er ein Dieb war; er hatte nämlich die Kasse und veruntreute die Einkünfte“ (Joh 12, 6).

Also: Aus verwerflichen Motiven wird denjenigen, die gute Motive haben, ein moralistischer Strick gedreht. Wie gesagt: Das kommt uns bekannt vor. Betanien ist heute überall.

(Josef Bordat)

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