Islam und Islamisierung. Ein Beitrag zur Versachlichung

19. April 2017


Es scheint schwer, das Thema Islam und Islamisierung sachlich zu verhandeln. Untergangsszenarien stehen Beschwichtigungsversuche gegenüber. Beides überzeugt nicht: Weder alarmierende Youtube-Videos über das baldige Ende des Abendlandes, wie wir es kannten, noch die Kritik an diesem Alarmismus, wenn sie so einseitig vorgetragen wird wie hier von Tagesschau.de.

Denn wenn im Tagesschau-Faktencheck ein Bevölkerungsentwicklungsexperte darauf verweist, dass nicht Einwanderung, sondern Fertilität das Bevölkerungswachstum in den letzten Jahrzehnten in Europa ausgemacht hat, dann ist das sicher richtig, allerdings muss man schon dazusagen, dass dieser Geburtenüberschuss zum Großteil auf das Konto der bereits Eingewanderten geht. Weiter unten im Text wird dann auch eingeräumt, dass „muslimische Frauen derzeit mehr Kinder bekommen“ als nicht-muslimische Frauen. Konkret: Zwei muslimische Frauen haben statistisch gesehen ein Kind mehr als zwei nicht-muslimische Frauen. Anders gesagt: Muslimische Frauen haben eine Fertilität, die um etwa ein Drittel höher liegt als die nicht-muslimischer Frauen. Das ist Fakt. Fraglich ist, ob es dabei bleibt, ob man also die Entwicklung linear fortschreiben kann. Da gibt es einige Gründe dagegen, etwa den Zusammenhang von Wohlstandszuwachs und Bevölkerungsabnahme, wie er in Europa seit hundert Jahren zu beobachten ist. Warum sollte diese Entwicklung vor muslimischen Frauen Halt machen?

Islamisierung ist ein Kampfbegriff. Islamisierung ist jedoch auch ein Prozess, der derzeit in Europa empirisch erfassbar stattfindet. Die Frage ist, wie man das Ausmaß der Islamisierung einschätzt: Ende des Abendlandes? Kein nennenswerter Einfluss? Oder irgendwas dazwischen? Wenn das im Tagesschau-Faktencheck zitierte Pew Research Center meint, der Anteil der Muslime an der Bevölkerung Deutschlands steige von jetzt fünf auf zehn Prozent im Jahr 2050, dann bedeutet das eine Verdopplung innerhalb einer Generation. Das ist beachtlich. Zugleich bedeutet es, dass 90 Prozent immer noch nicht-muslimischen Glaubens sein werden, also von einer Machtübernahme des Islam nicht die Rede sein kann.

Andererseits sind die zehn Prozent ein Durchschnittswert. Während es auf dem Land „Null Komma“-Anteile geben wird, könnten in Städten wie Köln, Frankfurt oder Berlin gut 20 Prozent der Bevölkerung Angehörige des Islam sein. In Berlin sind es derzeit etwa zehn Prozent. Es ist billig, hier ebenfalls eine Verdoppelung anzunehmen. Wahrscheinlich steigt der Anteil der Muslime in Berlin aber schneller, weil sich auch die Migration stark auf Berlin richtet. Wer sich gegen Islamisierung wendet und diese Position argumentativ mit der Zunahme an Flüchtlingen verbindet, übersieht wiederum, dass viele Flüchtlinge der letzten Jahre selbst Opfer der Islamisierung ihrer Heimat geworden sind, seien es die Kopten in Ägypten oder Aramäer und Jesiden in Syrien und im Irak.

In einigen Berliner Bezirken könnten Muslime auch die Mehrheit stellen. Die Folgen blieben dann abzuwarten, allerdings sind Spannungen mit der derzeit noch geltenden freiheitlich-demokratischen Rechtsordnung zu befürchten (zu der neben der Verfassungsmäßigkeit der Gesetze und der Gesetzmäßigkeit der Verwaltung auch das Gewaltmonopol der Polizei gehört). Bereits jetzt gibt es in Berlin eine islamische Parallelgesellschaft mit eigenen Regeln, eigenen Urteilen und eigenen Strafen.

Im Moment lässt sich dagegen noch wirksam vorgehen. Ob dies unter veränderten Mehrheitsverhältnissen immer noch so einfach möglich sein wird, bliebe abzuwarten. Es ist jedenfalls davon auszugehen, dass der Anteil der Muslime im Jahre 2050 nicht nur in der Wohnbevölkerung Berlins bei (mindestens) 20 Prozent liegen wird, sondern auch im Abgeordnetenhaus, im Senat und bei der Polizei. Es bleibt abzuwarten, in welche Richtung ein Polizist muslimischen Glaubens den Gewissenskonflikt auflöst, der entsteht, wenn er einen Menschen verhaften soll, den der „zuständige Friedensrichter“ am Tag zuvor freigesprochen hat.

Andererseits sind „Muslime“ politisch und gesellschaftlich ebenso inhomogen wie „Christen“. Muslime vertreten genauso das breite Spektrum an Lebensformen wie Angehörige anderer Religionen. Es gibt homosexuelle Muslime. Es gibt Muslime, die sich nicht für Fußball interessieren. Es gibt sogar Muslime in der CDU. Für alle Funktionsbereiche der Gesellschaft, für Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft und den Sport, gilt: Muslime sind da genauso (wenig) engagiert wie Christen, Juden, Buddhisten oder Agnostiker, haben die gleichen Sorgen, nutzen die gleichen EDV-Programme, ärgern sich auch über die Steuer.

Es hat also keinen Sinn, den Prozess der faktischen Islamisierung (verstanden als Zunahme des muslimischen Bevölkerungsanteils) voreilig mit dem Prozess einer normativen Islamisierung zusammenzubringen. Dennoch besteht die Gefahr, dass genau dafür die benötigte „kritische Masse“ erreicht werden könnte – regional, lokal. Und dass allein dieser Umstand eine Dynamik auslöst, die den Druck auf bestehende Systeme der Gesellschaft erhöht. Das ist nicht gleich der Untergang des Abendlandes, aber doch eine echte Herausforderung für unsere freiheitlich-demokratische Ordnung.

Darüber muss man reden dürfen. Sachlich, aber deutlich – deutlich, aber sachlich.

(Josef Bordat)

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